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Kinder lieben die Fotografie - Drei Erfahrungsberichte

Als es aus weiter Ferne leise piepst, lässt Urs seinen Rucksack fallen, schnappt sich die Kamera, wirft sich auf den Boden und rutscht in Robbenmanier vorwärts. Flink wie eine Katze, doch sachte wie ein Raubtier, das Beute wittert. Langsam, aber zielstrebig pirscht er sich an den steilen Felsabhang heran, dorthin, wo die Wiese schlagartig nach unten abfällt. Da sitzt es. Auf einem Mauervorsprung, den schwarzen Hals weit in die Luft gestreckt, hungrig die Mama erwartend. Urs hat im Frankreichurlaub ein Kormoranbaby entdeckt. So etwas kennt er nur aus Büchern und jetzt möchte er die ultimative Urlaubserinnerung, ja, seinen ganz speziellen „Fang“ für immer festhalten und stolz zu Hause präsentieren. Was Papa während dieser ungeplanten Fotosession für Ängste um seine Digitalkamera aussteht, ist dem 8-Jährigen reichlich schnuppe. Er hat noch keine eigene Kamera - „nie gebraucht bisher“, grinst er, da der Vater seit vielen Jahren die Fotografie als exzessives Hobby betreibt. So existieren im Haushalt nicht nur mehrere, sondern auch die ganz unterschiedlichsten Modelle - von denen Urs die meisten ebenfalls nutzen darf. Mittlerweile nur noch digital. Urs kennt es nicht anders. „Ich weiß zwar, dass Papa früher auf Film fotografiert hat, den man erst entwickeln musste, aber ich muss bei digital nicht so lange auf meine Bilder warten. Ich schiebe einfach die Karte in den Laptop und drucke mir meine Lieblingsmotive aus.“

Den einen oder anderen Kniff hat Urs durchaus von seinem Vater. Dennoch knipst er auch gerne, was ihm vor die Linse kommt - und das kann Papas kritischem Blick nicht immer standhalten. „Ich hab ihm hundert Mal erklärt, wie ein Bildaufbau geht, aber wenn ich diese Stromleitungen sehe, die die ganze Landschaft zerschneiden …“ Der Papa schüttelt den Kopf und kann sich nur schwerlich ein ermahnendes Wort verkneifen. Doch Urs ist stolz auf seine Werke. Auf Bäume inmitten von Stromleitungen ebenso wie auf das verwackelte Kormoranbaby, weil er vor lauter Aufregung kaum die schwere Kamera still halten konnte - erst recht nicht bäuchlings über dem felsigen Abgrund. Doch der unbedarften Kinderseele tun etwaige Mängel nicht weh und den Bildern keinen Abbruch. Akribisch wird zu Hause ausgedruckt und an die Wand gepinnt. Schließlich ist das ja die absolut coole Urlaubserinnerung!

Die Motive, die durch Kinderhand festgehalten werden, unterscheiden sich nicht wesentlich von Fotos, die Erwachsene schießen. Der kindliche Blickwinkel ist jedoch ein ganz anderer und nicht nur wegen ihrer Körpergröße. Sie sehen Dinge ganz anders und empfinden nicht so wie Erwachsene.

Die 6-Jährige Dani mustert leicht gelangweilt ihre Umgebung, während die Mutter die Einkaufstüten und den kleinen Bruder im Maxicosi aus dem Auto lädt. In der einen Hand hält sie ihre rosafarbene Handtasche, die prall mit allen Utensilien gefüllt ist, die ein kleines Mädchen so braucht; mit der anderen knetet sie ungeduldig ihre Finger, als ihr aus dem Nachbarhaus ein kleines Wollknäuel ins Blickfeld springt. Blitzschnell öffnet sie mit den eben noch ungeduldigen Fingern ihr Täschchen, schnappt sich die kleine Kompaktkamera - das schönste Geschenk zu ihrem sechsten Geburtstag - und drückt ab. Einmal, zweimal. Das Knäuel kommt immer näher und als es endlich so nah an der kleinen Fotografin herumspringt, dass es wahrscheinlich endlich formatfüllend einzufangen wäre, springt Dani hastig beiseite und lässt vor Schreck fast die Kamera fallen. „Mami, das ist ja eine Ratte!“, quiekt die Kleine und der glatzköpfige Mann, der das Tier an der Leine spazieren führt, grinst.

Erst wollte Dani tagelang nichts von ihrem neuesten Motiv wissen, schließlich hat sie sich die Bilder doch angeschaut. Auf den Bildern ist in weiter Ferne ein junger Mann mit einem Etwas an einer zu erahnenden Leine zu erkennen. Dani ist glücklich. „Guck mal Mami, auf meinem Foto sieht die Ratte aus wie eine Wollmaus!“ Und so landet das Bild doch noch im Album und sorgt bei jedem, der es noch nicht kennt, für ungläubige Blicke und viele Fragen, was das denn sei …

Chiara war fünf, als sie ihre erste Kamera bekam. Das war damals noch eine analoge und sie gab ihr ganzes Taschengeld dafür aus, die Bilder entwickeln zu lassen. „Ich konnte die Spannung meist kaum ertragen“, erinnert sich die 16-Jährige heute. „Ich habe es geliebt, mir die Sachen meiner Mutter anzuziehen und mich von meinem älteren Bruder fotografieren zu lassen. Er mochte es überhaupt nicht, wenn ich mit dem Fotoapparat hinter ihm hergejagt bin und sieht meistens dementsprechend …“, sie lacht, „bescheiden aus.“ Chiara hat alles festgehalten, was ihr begegnet ist. Die Kamera, die ziemlich laute Geräusche von sich gab und fast „aufdringlich klickte“, war ihr ständiger Begleiter. „Meine Mutter wird nie vergessen, warum sie mir einen Fotoapparat gekauft hat“, grinst der Teenager. „Wenn wir zusammen unterwegs waren, egal ob spazieren, bummeln in der Stadt oder auf dem Weg zu Spielkameraden, habe ich immer etwas entdeckt, das meine Mama kirre gemacht hat. Ich habe überall grinsende Autos, lachende Bäume und sprechende Wolken gesehen und meine Mutter hat immer gesagt, „Chiara, ich seh da nichts, das siehst nur Du.“ Ich musste ihr doch beweisen, dass das sehr wohl da war!“

Die kleine Digitalkamera macht Chiara noch mehr Spaß. Die gab es zum 10. Geburtstag und heute hat sie das Gefühl, dass sie mehr knipste als feierte. „Ich will alles festhalten, um es mir immer und immer wieder ansehen zu können. Heute habe ich kistenweise Fotos und genauso viele Ordner auf meinem Computer.“

Lieblingsmotive haben weder Urs noch Chiara und auch Dani ist es gar nicht so wichtig, dass sie etwas Bestimmtes ablichtet. Sie wollen ihren Alltag einfangen und nicht selten kommt es vor, dass sie sich abends vor dem Schlafengehen die Bilder immer und immer wieder mit Begeisterung ansehen. Und erstaunlicherweise sind sich die Motive meistens recht ähnlich: Mit der besten Freundin beim Spielen, Kindergeburtstage ebenso wie Omas Runde, die geliebten Haustiere und Urlaubserinnerungen.

Da nicht jedes Kind so fotobegeisterte Eltern hat wie der quirlige Urs, ist es wohl eher die Ausnahme, dass Kinder mit einer großen Spiegelreflexkamera fotografieren und sogar richtigen Umgang erlernen. Handlicher und kindgerechter sind die kleineren Kompaktkameras. Die kleine Kinderhand kann diese Größenordnung gut fassen und die Knöpfe bedienen. Für Experimente eignen sich auch von Fall zu Fall sogenannte Single Use Cameras, zum Beispiel wasserfeste für lustige Aufnahmen beim Planschen im Garten, im Freibad oder in der heimischen Badewanne. Auch damit können supercoole Erinnerungsfotos entstehen, die man immer wieder gern herumzeigt.
 

Fotografieren in der Praxis 11 / 2009

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