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Struktur und Korn in zwei Farben

Hell und Dunkel oder Schwarz und Weiß - auf den ersten, flüchtigen Blick sind die Möglichkeiten der Schwarzweißfotografie begrenzt. Wer allerdings genauer hinsieht, entdeckt einen ganzen Baukasten kreativer Möglichkeiten, wenn es darum geht, Bilder auf Schwarzweißfilm zu bannen. Ein entscheidendes Kriterium ist dabei die Wahl des richtigen Filmtyps.

Schwarzweißfilme sind auch heute noch in großer Zahl im Handel erhältlich. Vor allem in der künstlerischen und in der Reportagefotografie kommen sie bevorzugt zum Einsatz. So unterschiedlich die Filmtypen auch sind, sie sind alle nach dem gleichen Prinzip aufgebaut: Das Bild entsteht in einer lichtempfindlichen Emulsion, die mit einer Gelatine-Schutzschicht überzogen ist. Die Emulsion beinhaltet Silberhalogenide, die auf Licht reagieren und so das Bild aufnehmen. Das Ganze ist auf einem Filmträger aufgebracht, der früher aus Nitrozellulose bestand und extrem feuergefährlich war. Roll- und Großformatfilme haben außerdem noch eine Lichthofschicht, die Überstrahlungen durch helle Bildelemente verhindert.

Offensichtliches Unterscheidungsmerkmal für Schwarzweißfilme ist ihr Korn, jene kornartige Struktur, die umso stärker hervortritt, je größer ein Bild auf Papier abgezogen wird. Das Scannen von Schwarzweißnegativen erfordert etwas mehr Finesse als das Scannen von anderen Vorlagen. Im Vorteil ist, wer einen Scanner mit kornreduzierender Software betreibt. Grundsätzlich gilt: Je empfindlicher ein Film, umso grobkörniger ist er. Deutlich sichtbares Korn muss nicht immer schlecht sein - es kann auch ganz bewusst zur Bildgestaltung eingesetzt werden.

Feineres Korn haben sogenannte Flachkristallfilme. Allerdings bringen diese Filmtypen eine Reihe anderer Besonderheiten mit, die der Fotograf beachten muss. Sie verlangen meist nach einer wesentlich genaueren Belichtung als Filme mit klassischer Emulsion. Außerdem wirken auf Emulsion mit Flachkristallen aufgenommene Fotos oft technischer und kühler als Bilder, die auf herkömmliche, Emulsionen belichtet wurden. Wenn Flachkristallfilme typgerecht entwickelt werden, so garantieren sie die volle Bandbreite an Grautönen - darin liegt ihr großer Vorteil.

Mit einer angepassten Entwicklung lassen sich bei allen Filmtypen deren besondere Eigenschaften verstärken oder vermindern. Ein mit entsprechendem Entwickler schneller entwickelter Film weist meist eine steilere Gradation auf als ein normal entwickelter Film. Durch gezieltes Pushen (also knapper belichten und dafür länger entwickeln) lässt sich beispielsweise die Gradation verstärken, es gibt weniger graue Zwischentöne. Bei der Pull-Entwicklung (stärker belichtet, dafür kürzer entwickelt) lassen sich Negative mit flacherer Gradation erzeugen, sie wirken ausgeglichener.

Fotografieren auf Schwarzweißfilm erfordert einen etwas anderen Blick als Farbfotografie. Zwei unterschiedliche Farben können im Schwarzweißbild die gleichen Graustufen haben, wenn sie ähnlich hell sind. Dafür bietet sich Schwarzweiß an, um Strukturen, hell und dunkel herauszuarbeiten, um den Blick auf wesentliche Elemente zu lenken. Schwarzweißfotografie ist deshalb etwas anderes als Farbfotografie ohne Farbe.

Vor allem bei Spezialanwendungen wird heute noch gern auf Schwarzweißfilme zurückgegriffen. So bieten Infrarotfilme ungewöhnliche Effekte, auch Infrarot-nahe Filme garantieren diese Effekte, wenn auch in abgeschwächter Form. Orthochromatische Filme liefern höchstes Auflösungsvermögen, zeigen aber wenig bis gar kein Rot.

Schwarzweißfilme bieten den Vorteil, dass sie fast überall mit wenig Aufwand entwickelt werden können. Außerdem sind sie bei mittelfristiger Lagerung, beispielsweise auf Reisen, recht unempfindlich gegen äußere Einflüsse wie Hitze oder hohe Luftfeuchtigkeit. Auf Dauer sollten Filme aber trocken und kühl, zum Beispiel im Kühlschrank, gelagert werden. Für langfristige Lagerung können Filme auch eingefroren werden, sie behalten ihre Eigenschaften dann über viele Jahre. Allerdings müssen diese Filme vollständig aufgetaut sein, bevor sie ausgepackt werden, da sonst Kondenswasser eindringen kann.

Das Fotografieren auf Schwarzweißfilm ist der erste Schritt zur Kunst. Im Labor, wenn das Bild vom Negativ aufs Papier vergrößert wird, vervielfachen sich die Möglichkeiten der Bildgestaltung nochmals.
 

Fotografieren in der Praxis 10 / 2009

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Moritz Maler

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