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Sofortbildfotografie - Zauber eines Mediums

Lange bevor die digitale Fotografie ihren Siegeszug antrat, begeisterte vor Jahrzehnten das Sofortbildverfahren Polaroid und ließ nicht nur kleine Kinder staunen über das Wunder, das vor ihren Augen auf einem Stück Papier ein Abbild der Welt entstand. Kein Warten auf die Entwicklung des Films und die Vergrößerungen – nein, ein direktes Erlebnis, das den Besitzern die Bewunderung und Begeisterung ihrer Mitmenschen sicherte. Irgendwann war der Aha-Effekt ein bisschen ausgereizt. Vor allen weil der Siegeszug der Digitalfotografie ganz neue Mittel rund um das Bildermachen ermöglichte, unter anderem die sofortige Verfügbarkeit von Aufnahmen.

Entwickelt wurde Polaroid 1933 von dem amerikanischen Physiker Edwin Land, der mit dem schnellen Bild angeblich das Quengeln seiner Tochter, sofort die Schnappschüsse aus dem Urlaub sehen zu wollen, in Zukunft verhindern wollte. 1937 machte sich Land mit einer eigenen Firma selbstständig und nannte sie, passend zu dem auf Polarisationsfolien basierenden Verfahren, Polaroid. Über die Jahrzehnte seines Erfolges wurde Polaroid zu einem Markennamen, der es über eine Firmenbezeichnung hinaus dazu gebracht hatte, allgemein als gängiges Synonym für sein Produkt – die Sofortbildfotografie – zu stehen. In besten Zeiten wurden von manchen der beliebten Polaroid-Filmen über 100 Millionen Stück im Jahr gefertigt, bevor die Digitalfotografie Sofortbildfilme zu einem Nischenprodukt machte. 2001 musste das Unternehmen wegen Zahlungsunfähigkeit Konkurs anmelden und wurde von einer Investorengruppe aufgekauft. Nach einem Korruptionsskandal musste Polaroid 2008 Insolvenz anmelden, wollte aber die Produktion weiterlaufen lassen. Wurde erst die Produktion der Sofortbildkameras aufgegeben, folgte 2008 das Produktionsende des letzten Polaroid-Films im niederländischen Enschede.

Impossible Project
Der Name sagt etwas über das kleine Wunder, das mit der Wiederauferstehung des Sofortbildes passierte. Dazu tat sich ein harter Kern früherer Mitarbeiter des Werkes in Enschede zusammen und rief das Impossible Project ins Leben, um wieder Sofortbildfilme zu produzieren. Das ist auch gelungen und damit steht den Anhängern von Polaroid ihr geliebtes Material seit 2010 wieder zur Verfügung. Das Unternehmen Impossible fertigt an historischer Stätte neue Filmmaterialien für die traditionellen Polaroid-Kameras, mit denen aktuell schon Fotokünstler wie Nobuyoshi Araki und Stefanie Schneider gearbeitet haben.

Der spezielle Zauber der Sofortbildfotografie erlebt seit Kurzem erneut einen richtigen Hype. Dass die Sofortbildfotografie sich als eigene Kunstrichtung bei vielen Fotografen einen festen Platz erobert hat, ist nicht neu: Ansel Adams, Robert Mapplethorpe, Helmut Newton, Stephen Shore, Andy Warhol – fast unendlich ist die Liste bekannter und weniger bekannter Fotografen, die mit Polaroid-Material ihre Bildideen verwirklicht haben.

Die Renaissance an Aufmerksamkeit und Interesse verdankt Polaroid in diesem Jahr verschiedenen Umständen, zu denen unter anderem große Ausstellungen und informative Publikationen gehören. So zeigt die Galerie C/O Berlin vom 2. Juli bis 4. September 2011 die poetischen Polaroid-Motive der im letzten Jahr verstorbenen Berliner Modefotografin Sibylle Bergemann.

Aber, dass Polaroid zurzeit in aller Munde ist, hängt nicht zuletzt auch mit den Aktivitäten des Wiener Galerie- und Auktionshauses WestLicht Schauplatz für Fotografie zusammen. Peter Coeln, einem der weltweit bedeutendsten Fotografiesammler, ist es gelungen, sich für WestLicht die Polaroid Collection aus dem Bestand des Musée Elysée in Lausanne zu sichern. Ursprünglich bestand die wertvolle Polaroid Collection aus zwei Teilen, von denen ein Teil in Lausanne und der andere in Boston lagerte. Die Sammlung im Musée Elysée, die nun nach Wien wanderte, umfasst einen Schatz von zirka 4.400 Werken von 800 Fotografen. Bis zum 21. August 2011 wird WestLicht einen repräsentativen Querschnitt von mehr als 350 der legendären Bilder aus dem Schaffen von Ansel Adams bis Andy Warhol vorstellen. Dort lässt sich auch die künstlerische Vielfalt erleben, mit der Fotografen das Sofortbildmedium mit dem unverwechselbaren weißen Rand verwendet haben.

Eine Besonderheit ist auch die historische Sammlung der Sofortbildwerke im Großformat 20×24 inch mit dem beispielsweise William Wegman seine berühmten Hundegemälde verwirklicht hat. Die riesige 106 kg schwere Kamera wurde speziell konstruiert und ist im Original in Wien aufgebaut. Begleitend zur Ausstellung bei WestLicht ist das Buch „From Polaroid to Impossible / Masterpieces of Instant Photography – The WestLicht Collection“ im Hatje Cantz Verlag erschienen.

Intensiv genutzt hat auch der berühmte Fotograf Helmut Newton seit den 1970er Jahren, während der Shootings zu seinen Mode- und Aktaufnahmen, das Polaroid-Verfahren. Sein Verlangen sofort zu sehen, wie eine Szene im Bild aussieht, hat ihn für das Sofortbild begeistert. Über 300 seiner Sofortbilder sind bis 20. November 2011 im Berliner Museum für Fotografie zu sehen. Aufschlussreich für die Arbeit des großen Fotografen sind Newtons handschriftliche Kommentare zu Modell, Auftraggeber oder Aufnahmeort an den Rändern der kleinformatigen Bilder.

Ein witziges Beispiel für den Hype, den das Sofortbild zur Zeit erfährt, zeigt das neue App shakeitphoto für das i-Phone: Nach der Aufnahme kann man damit auf dem Display seines i-Phone die Entwicklung des Bildes beobachten, den Entwicklungsprozess mit Schütteln beschleunigen und am Ende ein quadratisches Bild mit weißem Rahmen, wie man es vom Polaroid-Film her kennt, bewundern.

Die Magie des Polaroid-Materials speist sich nicht nur aus der unmittelbaren Verfügbarkeit. Es animiert zur Bearbeitung, ob man die Bilder zerkratzt, bemalt, coloriert oder zu Collagen zusammenstellt – die „Polas“ erlauben eine unendliche Breite an künstlerischen Ausdrucksweisen und lassen immer neue Experimente zu. Das Besondere ist natürlich auch, dass man mit dem Sofortbild auch immer ein Unikat in den Händen hält, das im Gegensatz zu der unendlichen Verfügbarkeit und Vervielfältigung eines Digitalbildes steht.

Fotografieren in der Praxis 07 / 2011

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Warhol

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Sibylle Bergemann

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