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Um die Ecke fotografiert

Die wichtigste Regel beim Billard lautet „Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel“. Genauso wie die Kugel die Bande berührt, genauso verlässt sie diese auch wieder. Nicht anders funktioniert jeder Spiegel. Wer ungewöhnliche Fotomotive sucht, findet sie im Spiegel - Billard lässt sich auch mit Licht spielen.

Für großartige Effekte reicht manchmal schon ein einfacher Spiegel aus. Das Problem, ein großes, monumentales Gebäude ohne allzu viele stürzende Linien und starke Verzerrungen durch extreme Weitwinkelobjektive aufs Bild zu bekommen, ist zumindest den meisten Touristen geläufig. Wer dann etwas ratlos vor einer berühmten Kathedrale steht, wünscht sich nicht selten einen Hubsteiger, weniger Brennweite oder einfach mehr Auslauf vor der Sehenswürdigkeit. Das alles ist zumindest nicht so einfach zu bekommen. Wer aber einen Spiegel geschickt einsetzt, der kann zumindest dem zu geringen Raum ein Schnippchen schlagen.

Natürlich ist ein über einen Spiegel aufgenommenes Bild oft nicht annähernd so brillant wie ein direkt aufgenommenes Foto. Mitunter droht es, unter den guten anderen Urlaubsbildern negativ aufzufallen. Diese Klippe lässt sich leicht umschiffen, wenn der Rand des Spiegels bewusst mit ins Bild aufgenommen wird, wenn der Fotograf erst gar nicht verschweigt, dass es sich um ein im Spiegel gesehenes Bild handelt. Dabei ist es dann zweitrangig, ob sich das Motiv im Handspiegel, den jemand vor die Kamera hält, oder auf einer Glasfassade wieder findet.

Groß muss der Spiegel nicht unbedingt sein, auch ein kleiner Handspiegel lässt sich formatfüllend in Szene setzen. Wenn der Fotograf ein Objektiv mit entsprechend geringem Minimalabstand oder sogar ein Makroobjektiv zur Hand hat - bei Kompaktkameras kann der Makromodus wertvolle Dienste leisten - kann er einfach näher ran gehen ans Motiv. Gekrümmte Spiegel versprechen dabei besonders interessante Ansichten. Je stärker die Krümmung der Spiegelfläche, umso verzerrter erscheint das darin zu sehende Bild, umso mehr ist darin aber auch zu sehen. So kann eine spiegelnde Kugel fast einen kompletten Rundumblick ermöglichen.

Auch gewölbte Autoscheiben taugen als Spiegel. Wer einen langweiligen Vordergrund vor einem Gebäude eliminieren möchte, kann knapp über dem Autodach oder die Motorhaube fotografieren - im Lack werden sich wahlweise Himmel, Wolken oder Gebäude spiegeln. Seen, Flüsse oder auch das Meer spiegeln oft nächtliche Skylines wider und lassen diese dadurch noch prachtvoller erscheinen. Manchmal reichen auch einige Pfützen nach dem Regen, um interessante Effekte zu erzielen.

Wer die Straße ins Bild setzen möchte, geht vor einer Felge in die Knie und die sich im Chrom widerspiegelnde Sonne ist seit jeher ein Aufmerksamkeit erzeugendes Detail. Immer wieder beliebt ist der Blick in Verkehrsspiegel, die durch die besondere Bauart und deren Zweck bedingt, das Blickfeld um Ecken herum erweitern.

Wer die Regel „Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel“ im Kopf präsent hat, findet auch immer schnell einen Weg aus dem Spiegelbild heraus. Ein Fotograf im Spiegelbild kann witzig sein - muss es aber nicht. Wohl dem, der dann nicht ziellos seinen Weg suchen muss.
 

Fotografieren in der Praxis 01 / 2010

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