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Der Akt - Darstellung der menschlichen Gestalt

Die künstlerische Darstellung des nackten Körpers wird, schaut man in den Fremdwörterduden, als Akt bezeichnet. Maler und Bildhauer beschäftigen sich seit über 2.000 und Photographen seit über 150 Jahren mit der künstlerischen Behandlung des Nackten. Bei dieser Darstellung galt und gilt es, den moralischen Wertvorstellungen zu entsprechen und sich mit den politischen sowie religiösen Verhältnissen auseinanderzusetzen unter Berücksichtigung des Schönheitsideals. Im Gegensatz zu Malern und Bildhauern hat der Photograph noch mit der Problematik zu kämpfen, daß die Kamera enthüllender arbeitet als der Pinsel des Malers oder der Meisel des Bildhauers. Der Photograph wird mit dem Unterschied zwischen Nacktheit und Entblößung, einer feinen Differenzierung, konfrontiert, die nicht einfach zu bewältigen ist. Es ist die ständige Spannung zwischen Kunst und Moral, zwischen künstlerischer Absicht und tatsächlicher Fähigkeit - letztlich zwischen guten Aufnahmen und kitschigen bis hin zu obszönen Bildern, was die Aktphotographie so problematisch macht. Für den Amateur kommt zudem noch hinzu, daß ihm die Schulung des Auges für den Akt fehlt. Anfänglich wird er den Meisterphotographen folgen wollen, mit Ergebnissen, die weit von den eigenen Ansprüchen entfernt sind. Man wird schnell zu dem Schluß kommen, daß eine gute Aktaufnahme die vielleicht schwierigste Aufgabe in der Photographie ist.

Die Photographie wurde zu Beginn der viktorianischen Zeit geboren. Der Akt bot sich sofort als photographisches Thema an, allerdings nur innerhalb gewisser Grenzen mit einer Mischung aus Prüderie, Sentimentalität und Sinneskitzel. Betrachtet man sich die Aufnahmen aus der damaligen Zeit, so finden wir wollüstige Posen vor unrealistischen, verschwommenen Dekorationen. Im Verlauf der Geschichte der Aktphotographie befreiten sich die Photographen zunehmend von den Zwängen und lernten, sich direkter mit der nackten menschlichen Gestalt auseinanderzusetzen. Das Resultat ist die immer stärker verfeinerte Darstellung des menschlichen Körpers bis hin zum graphischen Muster und absichtlichen Verzeichnungen. Heute stellt sich die Aktphotographie, zumindest in unseren Breiten, als völlig losgelöst dar. Aktstudien finden nicht nur in geschlossenen Räumen, sondern auch im Freien statt, es werden Workshops und Seminare angeboten. Der nackte Körper wird als Abstraktion oder als Realität, als Hauptelement einer Komposition oder gar als Detail abgelichtet.

Die Herausforderung in der Aktphotographie besteht darin, die Unvollkommenheiten der Wirklichkeit zu meistern und dem Ideal der Schönheit so nahe wie möglich zu kommen. Eine wachsende Vertrautheit mit dem Unvollkommenen führt dabei zwangsläufig zu einer großzügigeren Definition der Schönheit. Dem Photographen steht es frei, seinen eigenen Schönheitsbegriff im Akt zu entdecken.

Als überaus vielseitig kann die Aktphotographie bezeichnet werden. Der Reichtum ist im Grunde so groß, daß man die wichtigste Tatsache verdunkeln kann. Bedeutungsvoll ist es, eine Idee, sei es eine intellektuelle oder beispielsweise ästhetische beziehungsweise eine Kombination aus mehreren, photographisch umzusetzen. Der komplexe schöpferische Prozeß hängt auch vom Verständnis des Aktes und was dieser darstellt ab. Gegebenenfalls bewegt er den Photographen dazu, seine Ideen zu verwerfen und neue zu entwickeln. Ratsam ist es, den Akt im Detail aus vielen Blickwinkeln zu prüfen - zuerst mit dem Auge, dann mit der Kamera und verschiedenen Objektiven sowie Lichtkombinationen. Fehlschläge lassen sich gerade in der Aktphotographie nicht vermeiden. Sie führen schließlich jedoch zu Aufnahmen, die etwas aussagen und den Betrachter in den Bann ziehen. Die allgemeine Ansicht, daß nur mit professionellen Modells gute Aktphotos gelingen, hat keine zwangsläufige Gültigkeit. Gerade dem Anfänger stehen die stereotypen Posen von professionellen Modellen, die sie sich während einer langen Praxis aneignen - der verdrehte Torso, das Balancieren auf den Zehen - oftmals nur im Wege. Der Debütant weiß nicht, wie er die Pose des Modells sinnvoll für sich ausnutzen oder korrigieren soll. Das Ergebnis sind banale, nichtssagende Aufnahmen. Entscheidender ist das Zusammenspiel zwischen Modell und Photograph sowie die Natürlichkeit und die Bewegung ohne Routine.
 

Fotografieren in der Praxis 03 / 2006

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