Das perfekte Bild - Unschärfe als fotografisches Stilmittel

© Blende, Aisha Buchmann, Im Flug
© Blende, Aisha Buchmann, Im Flug
Scharf muss es heute in der Fotografie zugehen. Die Kameratechnik liefert uns die besten Voraussetzungen für brillante Schärfe mit Detailzeichnungen, von denen man früher noch nicht einmal träumen durfte. Gehen Sie einmal in Ihr Bildarchiv und schauen Sie sich Aufnahmen von vor fünf oder zehn Jahren oder gar aus der analogen Zeit an. Sie werden die qualitativen Unterschiede ohne große Analyse im Handumdrehen erkennen. Aktuelle Aufnahmen sind von so bestechender Qualität, dass man sie sich mitunter fast schon weniger perfekt wünschen würde, weil ihnen die Seele zu fehlen scheint. Alles ist aalglatt, der Bildausschnitt vollendet, die Lichtstimmung berauschend … und doch springt der Funke nicht über, weil es der Fotografie an Emotionalität für den Betrachter zu fehlen scheint. Manche empfinden scharfe Aufnahmen grundsätzlich gar als langweilig – dieser Aussage würden wir allgemeingültig nicht zustimmen wollen. Natürlich würde dann auch die Frage aufkommen, warum man dann noch unter anderem in perfekt gerechnete Optik investieren sollte. Gut, hier liegt die Antwort schnell auf der Hand, denn diese liefert eine Brillanz, von der auch „unscharfe“ Fotos profitieren.

Mit diesem Beitrag möchten wir Sie ermuntern, Unschärfe als fotografisches Gestaltungsmittel für sich zu entdecken. Das bedeutet im Umkehrschluss nun nicht, dass alles in einer Aufnahme unscharf sein sollte. Irgendwo muss, so unsere Auffassung, in jeder Fotografie auch Schärfe sichtbar sein. Am weitesten verbreitet ist die Bewegungsunschärfe. Sie wird gern eingesetzt, wenn es um die Darstellung von Dynamik geht. Man muss diesen Effekt aber nicht nur darauf begrenzen, denn diese Art der Unschärfe kann beispielsweise gerade bei ansonsten statischen Motiven sehr sehenswert sein. Bewegungsunschärfe hilft aber auch, Stilrichtungen von Malern aufzugreifen – denken wir hier beispielsweise an den Pointillismus.

© Blende, Barbara Schoog, Gespensterwald
© Blende, Barbara Schoog, Gespensterwald
Mit dem Mitzieh-, Wisch- und Zoomeffekt werden verschiedene Arten von Bewegungsunschärfe unterschieden. Sehr beliebt ist, die Kamera als Pendel bei längeren Verschlusszeiten zu bewegen und zwar bei statischen Motiven wie bei einer Kirche oder Atomkühltürmen nach vorne oder hinten. Auf diese Weise erhält man eine scharfe Bildmitte und verwischte Ränder. Die Szenerie wurde also nicht nur einfach abgebildet, sondern man hat eine fotografische Interpretation von Flüchtigkeit und Dynamik in der Aufnahme verankert. Hinzu kommt die Emotionalität, die in solchen Aufnahmen ruht – mit einer ruhigen Kameraposition wäre dies undenkbar. Ratsam ist, mit den Bewegungen und den Belichtungszeiten zu spielen – eine allgemeingültige Faustformel kann es einfach nicht geben. Sehr hilfreich ist bei dieser Art der Fotografie hier übrigens der Einsatz eines Fernauslösers. Mit der einen Hand bewegen Sie die Kamera wie ein Pendel. Wenn die Kamera dann gleichmäßig schwingt, lösen Sie sie über den Fernauslöser aus. Die Schärfe sollte natürlich zuvor manuell festgelegt werden und der Autofokus abgeschaltet. Eine Alternative zur Bewegung der Kamera stellt gerade in der Porträtfotografie die Bewegung der Person vor der Linse dar. Gleichmäßig und auch nicht zu schnell sollte dies sein. Als Fotograf fixieren Sie einen Punkt und folgen diesem dann beispielsweise mit 1/15 sec oder gar 1/8 sec.

In der Sportfotografie sehr weit verbreitet ist das Mitziehen der Kamera – die Rede ist vom Mitzieheffekt, der für Dynamik steht und damit Action und Geschwindigkeit transportiert. Wie so oft in der Fotografie macht Übung den Meister. Beim Mitziehfffekt müssen die Bewegungen des Sportlers und die eigenen harmonieren. Wunderbares Übungsfeld sind beispielsweise Radrennen.

© Blende, Thomas Reichel, Schweinerei
© Blende, Thomas Reichel, Schweinerei
Kommen wir zum Zoomeffekt. Durch Zoomen während der Aufnahme entsteht ein Bewegungseindruck in die Tiefe. Ähnlich von Fluchtlinien verlaufen die Unschärfelinien ins Bildzentrum. Automatisch entsteht dadurch der Eindruck von Augenperspektive, unabhängig der tatsächlichen Perspektive, welche sich durch Standort und Aufnahmerichtung ergibt.

Eine besondere Art der Bewegungsunschärfe sind durch Langzeitaufnahmen hervorgerufene Effekte. Denken wir hier nur an die Leuchtspuren vorbeifahrender Autos in der Nacht oder an die Visualisierung der Erdrotation bei der Aufnahme eines Sternenhimmels. Aber auch am Tag, wenn die Lichtbedingungen eigentlich keine lange Verschlusszeit zulassen, kann man – ohne dass die Aufnahme überbelichtet ist – lange Belichtungszeiten wählen, indem ein Graufilter eingesetzt wird. Dieses ist in verschiedenen Dichten erhältlich und verlängert die Verschlusszeit um einen durch die Dichte definierten Faktor.

Fotografieren in der Praxis 01 / 2016

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