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Objektiventwicklung

In der technischen Entwicklung ist ein Jahrzehnt eine „kleine“ Ewigkeit, so auch im Objektivbau. Gerade in den vergangenen Jahren verzeichnen wir im Objektivbau wahre Quantensprünge. Denken wir nur an die Entwicklung von Zoomobjektiven, eingebauten Ultraschallmotoren oder beispielsweise elektrooptischen Bewegungsstabilisatoren - Innovationen, die der Photographie neue Impulse verleihen und das „Photographenherz“ höher schlagen lassen.

Wenn wir zurückblicken, so war es ein langer Weg, bis Zoomobjektive den Makel der bescheidenen Abbildungsqualität im Vergleich zur Festbrennweite verloren haben. Je besser die sogenannten Varioobjektive wurden, desto größer wurde das Verlangen nach mehr Lichtstärke, denn viele Anwender schätzten den schnellen Brennweitenwechsel, sahen in der Anfangsblende von 4,5 oder 5,6 aber einen großen Nachteil. Den Durchbruch schafften die Zoomobjektive in den neunziger Jahren. Anwender konnten nun zwischen 2,8/80-200 mm Telezooms sowie zwischen Standardzooms mit den Kenndaten 2,8/28-70 mm oder Superweitwinkelzooms mit 2,8/20-35 mm - später 2,8/17-35 mm - wählen. Bereits seit Jahren gilt Blende 1:2,8 als die größtmöglichste Öffnung bei Zoomobjektiven, die ursprünglich fürs Kleinbildformat gerechnet wurden, nun aber auch an digitalen Spiegelreflexkameras eingesetzt werden. Heute sind bereits lichtstärkere Objektive auf dem Markt. Dies ist unter anderem ein Verdienst des kleineren CCDs sowie des im Vergleich zur Bilddiagonalen riesigen Bajonettdurchmessers.

In den neunziger Jahren eroberte der schnelle, sehr exakte und beinahe lautlose Fokussiermotor die Objektive, der zuvor nur professionellen Photographen vorbehalten war. Inzwischen, keine zehn Jahre später, hat der Ultraschallmotor selbst in preiswerte Setobjektive für digitale Spiegelreflexkameras mit APS-C-Sensor Einzug gehalten. Kritiker interpretieren die fast geräuschlose Fokussierung mittels USM-Antrieb als einen kostentreibenden Komfort. Dem ist nicht so, denn der USM-Antrieb erlaubt es dem Photographen - bis auf wenige Ausnahmen - jederzeit in die Fokussierung einzugreifen. Bei AF-Lösungen ohne USM-Antrieb muß der Photograph vor jedem manuellen Eingriff einen Schiebeschalter am Objektiv beziehungsweise am Body betätigen, um den Fokussiermotor beziehungsweise den Zahnstangenantrieb auszukuppeln. Bei USM-Antrieb entfällt dieser Handgriff.

Objektive, die für das Kleinbildformat konzipiert wurden, sind nur bedingt in der digitalen Photographie einsetzbar. Ursache hierfür ist meist die nicht homogenisierte Lage der optischen Pupille. Beim Film ist es unerheblich, in welchem Winkel die Lichtstrahlen auf die Silberkristalle treffen, anders ist es in der Digitalphotographie. Treffen die Lichtstrahlen nicht senkrecht auf die einzelnen Pixel des Sensors, treten Abbildungsfehler wie Vignettierung oder Blooming auf. Hauptaufgabe der Hersteller ist derzeit, die Objektive für die digitale Photographie weiter zu optimieren. Wer also heute vor der Neuanschaffung eines Objektivs steht, sollte darauf achten, ob es für Analog- oder Digitalkameras konzipiert wurde.

Ein weiterer Meilenstein im Objektivbau ist die elektrooptische Bildstabilisierung, auch als Image-Stabilizer, Vibration-Reduktion oder Optical-Stabilizer bezeichnet. Sie ermöglicht es dem Photographen, je nach Brennweite die Freihandgrenze um zwei bis vier Zeitstufen zu erhöhen. Das System der elektrooptischen Bildstabilisierung besteht aus drei Elementen: einem Gyroskopsensor, der horizontale und vertikale Bewegungen des Objektivs erkennt, einer beweglichen Linsengruppe und einem Stellmotor, der diese Linsen entgegen der Kamerabewegung verschiebt. Bei einigen Objektiven mit Bildstabilisierung kann der Photograph zwischen zwei Betriebsarten wählen. Entweder schaltet er horizontale und vertikale Wackelbewegungen aus - die bevorzugte Betriebsart bei statischen Motiven - oder nur die vertikale Bewegung. Letztere Variante eignet sich für Sportaufnahmen. Mögliche Schattenseite von Objektiven mit elektrooptischer Bildstabilisierung ist die Vignettierung, die eine ganz eigene Charakteristik aufweist. Vom Zentrum her zeigt sich eine leicht zunehmende Vignettierung, die sich durch Abblenden verringern läßt, aber auch dann auftritt, wenn die elektrooptische Bildstabilisierung nicht aktiviert ist. Nicht unerwähnt bleiben darf der höhere Stromverbrauch und die Auslöseverzögerung, denn die Linsenbewegung kostet Zeit.

Klein, kleiner am kleinsten oder als „Schrumpfung der Riesen“ - wie neulich in einer Fachzeitschrift zu lesen war - könnte man die Verkürzung der Baulängen von Objektiven bezeichnen. Heute findet man im Handel Objektive, die um bis zu einem Viertel kürzer und um rund ein Drittel leichter sind als ihre Vorgänger beziehungsweise Objektive mit dem gleichen Brennweitenbereich. Um ein Objektiv kleiner und leichter zu bauen, wird der Abstand zwischen den Linsen verkleinert und die Brechkraft der Vorder- und Hinterglieder erhöht. Mögliche Farbfehler werden vermieden, indem in die Frontgruppe des optischen Systems ein Mehrfachbeugungsglied eingefügt wird.

Die Objektiventwicklung ist mit Sicherheit noch nicht abgeschlossen. Die Hersteller setzen alles daran, die Optik aber auch das Zusammenspiel weiter zu optimieren. Oft wichtiger als das elektronische Innenleben der Kameras ist das, was sich vorne am Gehäuse "abspielt". Da die besten Kameras nur so scharfe Photos erzielen können wie ihre optischen Augen es erlauben, ist die Wahl des idealen Objektivs von erheblicher Bedeutung.


 

Faszination Fototechnik 07 / 2005

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