Chhatrapati Shivaji (Indien) - In einem der geschäftigsten Bahnhöfe der Welt

Wer in Indien nicht nur Streetfotografie machen will, sondern mit Stativ sowie Panoramakopf loszieht und überdies noch einen der geschäftigsten Bahnhöfe der Welt als Ziel wählt, braucht vor allem eines: Starke Nerven. Dazu viel Zeit und besonders viel Platz auf der Speicherkarte. Hinzu kommt noch eine kleine Portion Glück – Die gehört einfach dazu.

Fototour: Chhatrapati Shivaji (Indien) -Bahnhofshalle
Fototour: Chhatrapati Shivaji (Indien) -Bahnhofshalle

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Das Gebäude des Chhatrapati Shivaji Terminus in Mumbai ist so beeindruckend, dass es die Unesco zum Weltkulturerbe erklärt hat. Einst während der britischen Herrschaft als Victoria Terminus gebaut, beeindruckt der Bahnhof mit seinem äußeren Erscheinungsbild ebenso wie mit der hohen Kuppeldecke in der Schalterhalle und den ausladenden Bahnsteigen davor. Nach Vorkommnissen der neueren Geschichte sind weite Teile des Gebäudes aber nicht zugänglich, auch der imposante Innenhof ist gesperrt und schwer bewacht. 2008 hatten Terroristen 58 Menschen in dem Bahnhof getötet. Entsprechend zeigt die Polizei starke Präsenz, an der Querverbindung des Kopfbahnhofs ist gar ein MG-Nest besetzt.

Der Bahnhof also soll ins Bild, das Gebäude, nicht die drei Millionen Menschen, die sich jeden Tag über die Bahnsteige schieben. Eine Treppe führt an einem Ende über die Bahnsteige. Sie ist morgens und abends ein Menschenstrom. Ordner versuchen das Chaos zu lenken. Anhalten, umdrehen, gar das Ausscheren oder die Richtung wechseln ist in der Rush-Hour unmöglich. Eigentlich ist dieser Ort prädestiniert für eine Massenpanik. Wer das Gedränge und Geschiebe vermeiden will, geht tagsüber, außerhalb der Hauptverkehrszeit, zu der es ohnehin nicht möglich ist, ein Stativ aufzubauen.

Fototour: Chhatrapati Shivaji (Indien) -Bahnsteig
Fototour: Chhatrapati Shivaji (Indien) -Bahnsteig

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Wer auf dem Bahnhof fotografieren möchte braucht eine gehörige Portion Gelassenheit, Zeit, ausreichend Platz auf den Speicherkarten und ausreichend viele Ersatzakkus. Ein 360-Grad-Panorama – wir haben an den Beispielen das Stativ im Nadir, also beim Blick senkrecht nach unten nicht herausretouchiert, sondern nehmen die Bilder im Prinzip wie sie aus der Kamera gekommen sind. Gelassenheit und Nerven deshalb, weil kaum ist die Kamera auf dem Panoramakopf montiert, kaum sind die ersten Probebilder im Kasten, um die richtige Belichtung für helle und dunkle Bereiche zu ermitteln, hat sich eine kleine Menschentraube hinter dem Fotografen gebildet. Wie so viele Inder in der Großstadt, die keine Berührungsängste haben, treibt sie wohl die Neugierde zum Ort des Geschehens.

In so einem Pulk ist dann auch die Zeit der Taschendiebe gekommen, wie es sie überall auf der Welt gibt. Der vorausschauende Fotograf hat seine Wertsachen in Sicherheit gebracht und trägt seinen Rucksack mit Objektiven, Geldbörse und anderen wertvollen sowie teuren Dingen beim Fotografieren natürlich nicht auf dem Rücken. Ein guter Platz für die wertvolle Kameraausrüstung ist unter dem Stativ, diesen Ort hat der Fotograf ja meistens im Blick, zumindest aus dem Augenwinkel. Wer zu zweit unterwegs ist, ist mit vier Augen klar im Vorteil. Das Publikum ist ansonsten kein Problem, die meisten schauen nur mal, was auf dem Display zu sehen ist, es ist ein Kommen und Gehen.

Die tatsächliche Herausforderung des Fotografierens sind die Menschen. Nicht die, die hinter dem Fotografen stehen, sondern die, die unablässig in der beeindruckenden Bahnhofshalle unterwegs sind. Auch zu ruhigeren Zeiten ist das Gewusel enorm und wer am Ende 30 oder 50 Bilder zu einem Panorama zusammenfügen will, sollte nicht mit Fotos sparen. Sonst kann es passieren, dass halbe Menschen am Ende im Bild auftauchen oder eine Person mehrmals ziemlich dominant. Auch bei umherstehenden Gruppen ist es ratsam, mehrere Bilder zu machen und gegebenenfalls zu warten, bis diese weiter gegangen sind. So bleiben am Ende vielleicht ein paar Phantomschatten auf dem Boden, die dem Betrachter aber nur bei genauem Hinsehen auffallen.

Und am Ende gehört zu allem noch ein bisschen Glück. Denn eigentlich ist das Fotografieren von strategisch wichtigen Einrichtungen, zu denen Bahnhöfe gehören, nicht so gerne gesehen, mitunter auch verboten. Da ist der Standort in der eigentlichen Schalterhalle gut gewählt, weil vom MG-Standort nicht einsehbar. Auch am Ende des Bahnsteigs sind nur ein paar Polizisten auf einem parallelen Bahnsteig unterwegs, die einem Fotografen aber keine besondere Beachtung schenken.

Dass Fotografieren vom Bahnsteig aus ist herausfordernd. Zum einen laufen hier nicht wenige Leute ziemlich hektisch umher, der Bahnsteig ist schließlich die Rennbahn der Bahnreisenden, zum anderen geht der Blick vom Standort aus zu mehreren Anzeigen – und Uhren. Wer das bedenkt, fotografiert diesen Bereich zügig hintereinander, so dass nicht jede Uhr am Ende eine andere Uhrzeit anzeigt. Dazu kommen noch ein- und ausfahrende Bahnen. Steht ein Zug am Bahnsteig kann folglich nicht weiter fotografiert werden. Oder der Fotograf widmet sich dem ganzen Bereich nochmals – und hofft, dass der Zug in der Zwischenzeit nicht wieder abfährt. Vergleichsweise einfach ist es dagegen, die Panoramaaufnahme mit einem aus- oder einfahrenden Zug zu garnieren – man muss ja nur das eine, entscheidende Foto machen.

Was im Chhatrapati Shivaji Terminus ansonsten sehenswert ist, sind die Menschen, das Gepäck und der Betrieb des Bahnhofs. Unser Ausflug ist da allerdings schnell beendet, denn die Kamera vor dem Wachposten gezückt – zwar in eine andere Richtung, aber trotzdem nicht zu übersehen – und schon wird der Fotograf höflich, aber bestimmt des Feldes verwiesen, „keine Fotos im Bahnhof“. Indes, wer später mal die Bildersuche bei Google bemüht, sieht, dass dort geknipst wird auf Teufel komm raus. Vermutlich ist das abhängig von der Tagesform der Wachen.

Macht aber nichts, denn auch draußen gibt es noch etwas zu sehen. Die Bahnhofshalle und die Bahnsteige sind nur ein Teil des Gebäudes, im anderen befindet sich die Bahnverwaltung. Da würde sich der Innenhof gut in einem Panoramabild machen, aber ein bewaffneter Aufpasser verwehrt den Zutritt. Keine Besucher! Also ab auf die andere Straßenseite. Denn von dort aus gibt es am Abend noch etwas zu sehen – das eindrucksvolle Gebäude ist nämlich übermäßig beleuchtet.

Die Situation am Abend ist ähnlich wie im Bahnhof. Es stehen eine Menge Leute auf der anderen Straßenseite, viele schauen sich den beleuchteten Bau gegenüber an, die Polizei kommt immer mal wieder und scheucht die Zuschauer von der Straße. Der Fotograf mit Stativ bleibt unbehelligt, ein Polizist kommt mal fragend vorbei, der Ausspruch „Foto“ reicht ihm, er zieht weiter. In der Blumenrabatte, leicht erhöht, lohnt es sich dann auch mal, in der Abenddämmerung die Videofunktion der Kamera zu testen. Ein Mikrofon macht Sinn und dann einfach einmal ein paar Minuten lang die Kreuzung vor dem Bahnhof filmen. Wollte man das Chaos beschreiben, man bräuchte Seiten für die Beobachtungen aus 15 Minuten. Wo vor 20 Jahren noch Fahrräder, Tuk Tuks und mitunter Rikschas das Straßenbild beherrschten, drängen sich nun Unmengen von Autos, Lastwagen, Taxis und zwischendurch mal Menschen, die riesige Lasten auf Karren vor sich herschieben. Weil das mit den Verkehrsregeln offenbar Auslegungssache ist und Bremsen teuer sind, wird die Hupe benutzt.

Die Beleuchtung des Chhatrapati Shivaji Terminus beginnt mit einer Lichtershow – die einzelnen Flügel werden in verschiedenen Farben angestrahlt. Wer das Fotografieren will, sollte eher eine höhere Empfindlichkeit wählen. Mit der kürzeren Belichtungszeit hat man auf diese Weise die Aufnahme im Kasten bevor die Farbe wechselt. Das Arrangement ist etwas hektisch. Nach einiger Zeit aber erstrahlt das Gebäude in goldenem Scheinwerferlicht. Ein Stativ ist Pflicht, eine niedrige ISO-Zahl, damit die Fotos nicht rauschen, ein Kabelauslöser, um Verwackungen zu vermeiden. Wie immer bei Nachtaufnahmen, ist eine Belichtungsreihe sinnvoll, ebenso der Blick aufs Histogramm – reißt es aus oder ist noch alles im Rahmen? Von der Blumenrabatte aus reicht ein Weitwinkelobjektiv gerade so, die größte Herausforderung ist der Verkehr. Ein fahrender Lastwagen oder Bus im Bild macht sich nicht so gut. Die Leuchtstreifen der Autos hinterlassen Leuchtstreifen, die natürlich wirkungsvoll in Szene gesetzt werden können. Wichtig ist, mit Bildern nicht zu sparen.

Fototour 02 / 2016

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