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Roger Ballen - Boarding House

Die Galerie photonet in Wiesbaden präsentiert noch bis zum 28. Juli 2010 die Ausstellung Boarding House mit Fotografien von Roger Ballen. Der Fotograf erinnert an eine Figur aus dem absurden Theater von Beckett: hager, von hochgeschossener Statur, schwarze Hose, weißer Strickpullover mit grobem Zopfmuster, dessen aggressiver Glanz einen hohen Anteil an Kunstfasern preisgibt. Seine Erscheinung entspricht so gar nicht dem Klischee jener Fotografen, die zwischen New York, Miami, Basel und Shanghai Furore machen – und dennoch hat Roger Ballen zahlreiche Preise gewonnen: der schmucklose Habitus dessen, der sich kafkaesk feingemacht hat – mit jener undefinierbaren Mischung aus Korrektheit und Resignation. Roger Ballen ist ein Meister der Inszenierung. Dass er diese Kunst bis zur letzten Konsequenz auch für seine eigene Person geltend macht, darf man getrost glauben. Wild rollt Roger Ballen mit den Augen, so dass man für kurze Zeit das Weiße darin sieht. Er richtet seinen Blick auf sein Gegenüber aus – und schweigt. Das Warten auf eine Antwort von ihm gleicht dem Warten auf Godot. „Sie haben recht!“, sagt er nach einem endlosen Augenblick mit leiser Stimme. „Nichts ist zufällig an dem, was ich mache. Jedes Bild ist durchdacht bis ins Detail – und jedes noch so kleine Element ist wichtig.“

Nach „Outland“ und „Shadow Chamber“ legt Roger Ballen mit „Boarding House“ erneut eine monolithische Bildserie vor. Dieses Konvolut mit 67 Schwarzweiß-Aufnahmen gibt einen verstörenden Einblick in die psychologischen Studien des Fotografen. Boarding House steht für einen Ort des Kommens und Gehens – ein surreales Set. Ballen: „Es ist schwer diesen Ort genau zu definieren, denn ich glaube, dass er so oder so ähnlich in jedem von uns steckt.“

Im Gegensatz zu seinen früheren Arbeiten stehen gezeichnete und skulpturale Elemente stärker im Vordergrund. Auch das Zusammenspiel von Künstler und Modell scheint ein kunstvolles Eigenleben zu haben.

Geboren 1950 in New York, lebt Roger Ballen seit fast 30 Jahren in Johannesburg – Südafrika. „Als Weißer war ich, wie meine Kollegen im Institut, lange Nutznießer der Apartheid. Obwohl ich hier einer Minderheit angehöre und quasi Ausländer bin. Allein, weil ich weiß war. Das System hat mich begünstigt. Seit der Auflösung der Apartheid studiere ich, wie sich die politische Wandlung auf mich und die Leute in meiner Umgebung auswirkt. Viele Aufnahmen sind entstanden bei den Angestellten des Institutes, in dem ich arbeite. Ich fülle einen Sack mit meinen Requisiten, klingele einfach spontan an ihrer Wohnungstür und frage, ob ich bei Ihnen im Wohnzimmer fotografieren darf?“

Eher ungern redet der Fotograf über sein Werk: „Ich dringe in Zonen des Alltags der weißen Unterschicht vor, deren aktuelle Lage sich besser in Grauwerten beschreiben lässt.“

Im Brotberuf hat der Geologe Ballen ganz Afrika bereist und dem Gestein des Kontinents Proben entnommen. Über sein Werk sagt er: „Meine Fotografien sind Reportagen über ein bestimmtes Lebensgefühl.“ Tatsächlich wohnt der an Arbus und Witkin geschulte Ballen in Parktown, einem Vorort von Johannesburg – Heimat des, wie er sagt, „White Trash“.

Der Stadtführer weiß von properen Siedlungen, die an Amerikas Suburbs erinnern. Hinter hohen Mauern verstecken sich Luxusvillen, die Straßen wirken sauber geleckt. Schwarze, die sich hierher verirren, gelten eher als verdächtig. Wer hier wohnt, ist alles andere als White Trash. Hat Roger Ballen uns eine falsche Fährte gelegt? Einmal mehr gibt der Seelen-Geologe bleibende Rätsel als Antwort.

Weitere Informationen: www.photonet-online.de.

Fotoausstellungen 06 / 2010

© Roger Ballen, Sliced 2007

"Sliced 2007"
© Roger Ballen

© Roger Ballen, Fragments, 2005

"Fragments, 2005"
© Roger Ballen

© Roger Ballen, Washing Line 2007

"Washing Line 2007"
© Roger Ballen

© Roger Ballen, Cut Loose 2005

"Cut Loose 2005"
© Roger Ballen


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