Prophoto GmbH

Fototrend Digiscoping

Eintagsfliege oder Dauerbrenner? Eine durchschlagende technische Revolution erkennt man auch daran, dass sie Sprache prägt. „Digiscoping“ ging vor wenigen Jahren selbst versierten Fotografen und Naturfreunden nicht über die Lippen. Inzwischen bereichern sogar davon abgeleitete Tu- und Eigenschaftswörter die deutsche Sprache. Treffen sich zwei Naturfotografen beim Fachsimpeln über Bilder, so folgt gern die Frage „Ist das digiskopiert?“ oder gar in breitem Denglisch „*geditschiskopt*“ – wobei die Schreibweise dafür noch nicht geklärt ist. Die Frage unter Fotografen ist aus zwei Gründen angebracht. Zum einen ist der Trend zum Digiscoping, also dem Fotografieren mit Fernoptiken, die ursprünglich zum Beobachten entwickelt wurden, ungebrochen. Zum anderen sind die Bildergebnisse so verblüffend gut, dass sie an die Aufnahmen mit konventionellen langbrennweitigen Fotoobjektiven heranreichen.

Die simple Idee besteht dabei weiter fort: Man hält eine kompakte Digitalkamera mit ihrem Objektiv hinter die Augenlinse (Okular) eines Fernglases oder eines Spektivs. Der Autofokus stellt selbst auf das Motiv scharf und – „knips“ – hat man etwa ein Bild eines Vogels auf der Speicherkarte, das mit einer effektiven Brennweite von weit über 1.000 mm entstanden ist. Halten muss seinen Fotoapparat dabei hinter dem Spektiv schon längst niemand mehr. Die Hersteller bieten inzwischen äußerst komfortable Anschlusslösungen an, um die Digitalkamera am Okular zu positionieren. Schwenkadapter erlauben es etwa, blitzschnell zwischen dem Beobachten und der Aufnahme einer Szene zu wechseln. Das Fixieren der Kamera hinter der Optik ist leicht zu lösen, allerdings sollten Einsteiger darauf achten, dass Fernoptik und Kameraoptik harmonieren. Sehr vereinfacht ausgedrückt, erzeugt das Spektivokular ein kreisrundes Bild mit einem Durchmesser, der Austrittspupille genannt wird. Sehr große Kameraobjektive können eine kleine Austrittspupille unter Umständen nicht sinnvoll nutzen und erzeugen Bilder, die wie durch eine Lochblende aufgenommen wirken. Hier sind oft kleine Objektive im Vorteil. Am besten probieren Einsteiger im Fachhandel die ideale Kombination von Spektiv und Digicam aus.

Ein Muss beim Digiskopieren – so der korrekte deutsche Begriff – ist ein gutes Stativ. Wegen der langen Brennweite kann man mit dem System Spektiv plus Kompaktdigi aus der Hand nicht mehr zuverlässig verwacklungsfreie Bilder machen. Die lange Bauart mit einem Schwerpunkt am hinteren Ende erzeugt zudem eine Hebelwirkung, die einen stabilen Stativkopf bedingt. Inzwischen sind aber Verschiebelösungen auf dem Markt, die es ermöglichen, das System auszutarieren.

Weil jede Art von Verwacklung stört, sollten Digiscoper auch beim Auslösen am besten die Finger von der Kamera lassen. Entweder man verwendet die Zeitauslösung (Timer) oder einen Fernauslöser über Kabel oder per Funk. So gerüstet, steht dem Fotospaß nichts mehr im Weg. Von ersten Fehlschüssen sollte man sich nicht entmutigen lassen. Die gewaltigen Brennweiten sind eine Herausforderung. Aber es war auch noch nie so einfach, sich mit einer Kompaktkamera so nahe an entfernte Motive heranzulinsen.

Was der Markt inzwischen an ausgeklügelten Lösungen fürs Digiscoping bietet, zeigen die Hersteller vom 21. bis 26. September 2010 auf der photokina in Köln, der Leitmesse der Imagingbranche. Zu einem Quantensprung könnte sich vielleicht die Kombination von Spektiven und kompakten Systemkameras mit Wechseloptiken erweisen. Eine spezielle Form des Digiscopings verwendet Kameras ohne eigene Optik hinter Spektiven, bei denen wiederum die Okularlinsen abgeschraubt sind. Durch eine stabile Verbindungshülse, teilweise mit integriertem Optikelement, ist eine starre Verbindung gewährleistet. Das Spektiv fungiert dabei für Spiegelreflex- oder Systemkameras tatsächlich wie ein Teleobjektiv. Mit einer solchen Kombination kann man sogar aus der Hand erfolgreich Teleaufnahmen schießen.

Weitere Trends des Digiscoping sind etwa aufsteckbare speziell angepasste Digitalkameras für Fernoptiken oder in letzter Konsequenz sogar eingebaute Kameras in Spektive. Die Idee dabei ist, dass der Wechsel von der Beobachtung zum Fotografieren immer schneller von der Hand geht. Und die Bilder lernen das Laufen: Da inzwischen auch Kompaktkameras Videos in HD-Qualität erstellen können, entwickelt sich derzeit eine neue Disziplin – samt neuem Namen: „Videoscoping“.

Fernoptik 09 / 2010

Klaus Oldenburg, In den Dolomiten

Blende ,"In den Dolomiten"
Klaus Oldenburg


Mainzer Landstraße 55 · 60329 Frankfurt am Main · Deutschland · Telefax: 0 69/23 65 21 · internet: www.prophoto-online.de · e-mail: info@prophoto-online.de