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Phonescoping - Telefotos mit dem Telefon

Trendscouts konnten auf der photokina in Köln aus dem Vollen schöpfen. Neben den lauten Produktpräsentationen der Hersteller kann man zwischen den Messeständen nämlich auch das Gras wachsen hören – wenn man nur aufmerksam ist. Neben Digiscoping und Videoscoping haben Tüftler eine neue Disziplin entdeckt: Phonescoping. Dahinter verbirgt sich – wieder verrät es die Wortschöpfung – die Kombination von Fotohandys mit Teleoptiken. Sorry, Trendscouts, ein echter Trend, der die Massen mitreißt, wird Phonescoping wohl nicht werden. Aber es funktioniert und kann mit etwas Geschick brauchbare Bilder liefern. Eine nützliche Hilfe – vor allem dann, wenn man gerade keine Digitalkamera zur Hand hat.

Im ersten Moment ist es ja eine fast absurd klingende Vorstellung: mit einem Telefon durch ein Fernglas zu fotografieren. Aber genau die verblüffenden Möglichkeiten machen einmal mehr den Reiz aus. Mehr noch als beim Digiscoping wird beim Phonescoping die Handykamera entfesselt und erschließt neue Motivwelten. Eine solche Gelegenheit kann sich – ungeplant – schneller bieten als man denkt. Etwa, wenn man beim Ausflug durch eines der beliebten Aussichtsfernrohre hindurch fotografieren möchte. Oder durch die Spektive einer Greifvogelwarte. Oder beim öffentlichen Abend einer Volkssternwarte, wenn der Mond gerade prächtig durchs Teleskop zu sehen ist.

Gerade, weil die eingebauten Objektive gar nicht dafür gedacht waren, im extremen Telebrennweitenbereich eingesetzt zu werden, kribbelt es Fotografen in den Finger, es doch einmal zu probieren. Und umgekehrt: Eben für solche, in ihrem Brennweitenbereich eingeschränkten Aufnahmeoptiken bietet sich das Digiscoping-Prinzip der afokalen Projektion ja an.

Phonescoping ist Digiscoping konsequent weitergedacht. Es ist nämlich prinzipiell egal, welche Aufnahmeoptik man hinter einem Spektiv oder einem Feldstecher platziert, sie darf nur nicht zu groß sein. Schon beim Digiscoping sind zierliche Frontlinsen der Kameras von Vorteil. Auch Webcams und gedrungen gebaute Objektive von Camcordern harmonieren mit der sogenannten Austrittspupille einer Fernoptik. Somit auch die meist nur wenige Millimeter durchmessenden Kameraaugen von Handys. Moderne Mobiltelefone machen heute Fotos in einer Qualität, die vor wenigen Jahren undenkbar war. Die Hersteller haben mittlerweile Sensoren entwickelt, die trotz ihrer Winzigkeit brillante Bilder im zweistelligen Megapixel-Bereich liefern. Bedingt durch die flache Bauart müssen die meisten Handys jedoch auf einen ausgedehnten Zoombereich oder überhaupt auf einen optischen Zoom verzichten. Beim Phonescoping spielt das aber keine Rolle.

In der Praxis funktioniert es so simpel wie klassisches Digiscoping. Ein Feldstecher oder ein Spektiv wird auf das Objekt scharfgestellt und am besten auf einem Stativ festgezurrt. Adapter dafür gibt es im Foto- und Optikfachhandel. Man hält dann sein Objektiv der Handykamera hinter die Augenlinse des Fernglases. Auf dem Display sollte man zunächst eine schwarze Fläche mit einem mehr oder weniger runden Ausschnitt sehen, in dem das anvisierte Objekt sichtbar ist. Weil Handykameras selten über einen optischen Zoom verfügen und meist als Weitwinkeloptiken gebaut sind, zeigt das Bild in der Regel auch ein wenig Innenleben der Optik und durch einen Tunnelblick das eigentlich gewünschte Bild.

Wer kann, sollte nun zoomen und sozusagen durch den Tunnel hindurchfahren. Ansonsten variiert man den Abstand zur Augenlinse, bis der Bildausschnitt so groß wie möglich ist. Dass Vignettierungen in den Ecken bleiben, lässt sich oft nicht vermeiden; in einem Bildbearbeitungsprogramm kann man aber später wegschneiden, was nicht gefällt. Alternativ wählt man bei der Aufnahme einen mittleren Abstand, sodass der kreisrunde Bildausschnitt wie ein gewünschter Effekt aussieht und an die Fernrohr-Durchblicke in Piraten-Filmen erinnert.

Die Schärfe sollte der Autofokus der Handykamera selbst finden. Bei der Belichtung kann es passieren, dass das Hauptmotiv zunächst zu hell auf dem Display erscheint. Das liegt daran, dass die Kamera bei der Berechnung der optimalen Belichtung auch die schwarzen Ränder einbezieht. Moderne Handykameras erlauben es aber, die Belichtung zu beeinflussen. Im entsprechenden Menüpunkt regelt man die Einstellung ein paar Punkte herunter, damit das Bild auf dem Display dunkler wird und schließlich korrekt belichtet aussieht. Dann muss man nur noch den Auslöseknopf drücken und kann sich auf das Kompliment erstaunter Freunde freuen: „Das hast Du mit dem Handy gemacht …?“

Phonescoping ist eine Nischenlösung. Deswegen – und auch wegen der Vielzahl unterschiedlicher Bautypen von Mobiltelefonen – sind Adapterlösungen für eine feste Verbindung von Handy und Fernglas Mangelware. Handys besitzen auch kein Stativgewinde. Deswegen kommen am ehesten Digiscoping-Universaladapter infrage, die die Kamera – in diesem Fall natürlich das Handy – mit Schaumgummi-Backen festhalten. Gut sortierten Fotofachhändlern fällt dazu bestimmt eine Lösung ein – und noch zu vielen anderen Fragen rund um Digiscoping und Phonescoping.

Fernoptik 10 / 2010

Rudolf Mester, Vereister Ausblick

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Rudolf Mester


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