Prophoto GmbH

Die Authentizität digitaler Bilder

In unnachahmlicher Treue

Die einfache, pixelgenaue Manipulierbarkeit digitaler Bilder entfacht stets aufs Neue die Diskussion um den Wahrheitsgehalt der Fotografie. Dabei sind nachträgliche Änderungen von digitalen Bilddaten leicht nachzuweisen und nicht jede Änderung ist gleich eine Fälschung.

Als vor 170 Jahren Louis Jacques Mandé Daguerre in Paris vor ausgewählten, internationalen Größen der Wissenschaft seine Erfindung der Fotografie vorstellte, war auch der deutsche Gelehrte und Entdecker Alexander von Humboldt unter den geladenen Gästen. Nur wenige Monate danach schrieb er im Februar 1839 begeistert an die Herzogin Friederike von Anhalt-Dessau über das neue Medium: „Gegenstände, die sich selbst in unnachahmlicher Treue malen; Licht, gezwungen durch chemische Kunst, in wenigen Minuten, bleibende Spuren zu hinterlassen.“

Die Faszination aber gleichzeitig auch die Bedrohung, die damals für Maler von der Fotografie ausging, lag in der Möglichkeit, erstmals auch ohne künstlerisches Talent, mithilfe der Kamera und der nachfolgenden chemischen Entwicklung, realistische Abbilder der Wirklichkeit zu schaffen. Heute wird nicht einmal mehr ein reales Motiv benötigt, um fotorealistisch wirkende Bilder zu gestalten. Der Eindruck „unnachahmlicher Treue“ beim Betrachten eines Fotos macht Fälschungen so glaubwürdig.

Erinnerte Schönheit

Nicht erst die britische Rockband Pink Floyd hat in ihrem Hit „High Hopes“ beschrieben, dass in der Erinnerung das Gras stets grüner oder das Licht klarer erscheint. Dieses psychologische Phänomen haben zu der Zeit auch schon die Filmhersteller zu nutzen versucht, indem sie die Farbgebung ihrer Produkte den „erinnerten Farben“ anpassten, damit auf den Fotos der Himmel blauer, das Gras grüner und die Hauttöne sanfter wiedergegeben wurden. Manipulationen, wie Ausschnittsvergrößerungen, Retuschen und der Austausch von Bildelementen, gehörten zum fotografischen Alltag. Kein geringerer als Ansel Adams nutzte mit dem von ihm entwickelten Zonensystem Kontrastmanipulationen zur Steigerung der Bildwirkung.

Mit dem Siegeszug der Digitaltechnik wurden nachträgliche Bildoptimierungen zur Standardfunktion. In die Kamera integriert kann der Fotograf sie dort schon während oder direkt nach der Aufnahme für die Bildoptimierung nutzen. Zum digitalen Alltag gehören Manipulationen bei der Farbbalance, des Schärfeneindrucks oder der Kontrastwiedergabe.

Die Frage, die sich daraus ergibt: Wie viele Manipulationen verträgt die Wahrheit eines Fotos? Bereits der Blick auf die Welt durch das Objektiv einer Kamera ist subjektiv. Fotografieren beinhaltet immer auch eine Interpretation des Gesehenen, die dazu dient, den Betrachter die Situation so nachempfinden zu lassen, wie es der Fotograf durch seine Gestaltung beabsichtigt. Die Wahl von Ausschnitt, Schärfenverlauf, Kontrast und Farbwiedergabe bestimmt, wie wir den Bildinhalt erleben.

Original oder Fälschung

Der Wahrheitsgehalt eines Bildes hat in der künstlerischen Fotografie eine andere Relevanz als beispielsweise bei Naturaufnahmen, der Dokumentarfotografie oder in der aktuellen Berichterstattung. So haben sich die Naturfotografie-Vereinigungen dazu bekannt, nachträglich manipulierte Naturfotos abzulehnen. Auch bei vielen Fotowettbewerben sind manipulierte Natur- oder Tierfotos, zumindest in dieser Kategorie, nicht zugelassen. Gute Bildbearbeitungsprogramme bieten ehrlichen Fotografen die Möglichkeit, die an einem Bild vorgenommenen Nachbearbeitungsschritte automatisch zu protokollieren und in den Metadaten zu speichern. So kann der Bildnutzer jederzeit sehen, ob der Bildanbieter an der Bilddatei Veränderungen vorgenommen hat.

Auch Nachrichtenagenturen und Redaktionen machen es für die von ihnen vertretenen Fotografen zur Bedingung, dass keine Veränderungen des Bildinhalts vorgenommen werden dürfen. Was die Fotografen leicht den Job kosten kann, wird leider von der Grafik in den Redaktio-nen häufig weniger ernst genommen. Hier werden Titelbilder der Stars und Sternchen durch digitale Retuschen oftmals bis zur Unkenntlichkeit geschönt, so dass der Betrachter unsicher ist, ob es sich um ein Foto oder ein virtuelles Bild nach Vorlage eines Fotos handelt.

Nicht die Manipulation eines Fotos ist verwerflich – sie kann Ausdruck individueller Kreativität und eine eigene Form der künstlerischen Wahrheit bedeuten. Nur, wenn jemand bewusst in die Irre geführt werden soll, so dass er seinen Augen nicht trauen kann, wird es gefährlich.

Manipulierte Wahrheiten

Eine Technik der digitalen Bildbearbeitung liegt darin, mehrere Fotos des gleichen Motivs zu einem neuen Bild anderen Inhalts zusammenzusetzen. Damit werden Bilder geschaffen, wie sie mit einer Einzelaufnahme der Kamera nicht möglich wären. Und dennoch zeigen diese manipulierten Fotos oft die Wahrheit.

Dazu ein Beispiel: Belichtungsspielraum und Kontrastumfang von Kameras, Displays oder Druckern ist begrenzt. Um dennoch alle Details, auch in Lichtern und Schatten, im Foto sichtbar machen zu können, werden – vereinfacht ausgedrückt – Bildserien mit unterschiedlichen Belichtungszeiten erstellt, wo in den einen die Detailzeichnung in den Lichtern bei den anderen in den Schatten sichtbar wird. Diese Bilder werden in der Nachbearbeitung so zusammengefügt, dass in allen Bildpartien eine deutliche Zeichnung und klare Farben erreicht werden. Der Bildinhalt bleibt gleich, der vorgefundene Beleuchtungskontrast wird dabei jedoch manipuliert. Wahr oder nicht wahr?

Ein anderes Verfahren überlistet die begrenzten Möglichkeiten der Schärfentiefe im Bild. Wenn eine kleine Blende nicht mehr ausreicht, ein von vorne bis hinten scharfes Bild zu erhalten, werden Fotos mit unterschiedlicher Scharfstellung des gleichen Motivs miteinander kombiniert, so dass ein neues Bild mit durchgehender Schärfe entsteht. Am Wahrheitsgehalt des Fotos wird auch dabei nichts verändert.

Kritischer wird die Frage nach der Wahrheit, wenn beispielsweise ein belebter Platz in einer umfangreichen Fotosequenz aufgenommen wurde. Mit entsprechender Software lassen sich diese Fotos so zu einem neuen Bild zusammensetzen, dass alle bewegten Objekte automatisch entfernt werden und der Platz menschenleer erscheint.

Was aber, wenn aus mehreren Fotos ein Bild entsteht, das versucht, der Wahrheit näher zu kommen, so wie es beispielsweise polizeiliche Erkennungsdienste bei der Suche nach vermissten Kindern in den Vereinigten Staaten von Amerika nutzen. Bei diesem Verfahren werden Fotos von langjährig vermissten Personen mit denen von älteren Verwandten kombiniert, um zu Fahndungsfotos zu gelangen, die dem aktuellen Aussehen der Vermissten möglichst nahe kommen. Wieviel Wahrheit in diesen manipulierten Fotos steckt, belegen die steigenden Aufklärungszahlen, die mit diesen Verfahren erreicht werden konnten.

Die digitale Bildbearbeitung hält viele Verfahren bereit, die Inhalte unterschiedlicher Aufnahmen, wie die Teile eines Puzzles, zu einem neuen Bild zusammenzufügen und so vielleicht erst zu ermöglichen, die ganze Wahrheit zu sehen.

Fotografieren in der Praxis 12 / 2011

Uwe Scheid

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Teddy Museum

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