Kevin McElvaney - Fotoserie „Agbogbloshie“

Wir sind über die Fotoserie „Agbogbloshie“ auf den Fotografen Kevin McElvaney aufmerksam geworden und haben nachgefragt.

Kevin McElvaney – die Fotografie war nicht von Anfang an Ihre Berufung …

Kevin McElvaney
Nein, ich habe BWL studiert und meinen Bachelor hier in Hamburg gemacht. Parallel zum Studium habe ich mit Freelance-Aktivitäten bei und für Werbeagenturen mein Geld verdient. Irgendwann haben mich diese Jobs deutschlandweit herumgebracht und 2010 schließlich auch zum FIFA World-Cup 2010 nach Kapstadt. Bei der ganzen Reiserei habe ich mir dann irgendwann gedacht, dass ich das auch gern fotografieren und in Bildern festhalten möchte und so habe ich 2010 meine erste DSLR gekauft.

Vorher hatte ich nicht wirklich viel mit Fotos am Hut und anfänglich natürlich auch viel wahllos umhergeknipst. In Kapstadt wurde ich jedoch von einigen der Arbeiter aus dem Stadion in ihr Township eingeladen. Nachdem ich viel gezögert hab und mir auch von dem Trip abgeraten wurde, habe ich mich dann aber doch dazu entschlossen, mit den Jungs ihre Heimat zu besuchen. Nur mit der Kamera dabei. Hier habe ich die ganze Zeit nur fotografiert und das erste Mal gemerkt, dass mir das richtig Spaß macht und den Akku leergemacht. Vor allem die kleinen fröhlichen Kinder haben mich überrascht und fasziniert, denn eigentlich sollte hier ja alles furchtbar sein – so mein Klischee im Kopf. An meinem letzten Tag habe ich es dann noch geschafft, das Township erneut zu besuchen und habe zuvor bestimmt 100 Bilder ausgedruckt, die ich dort gemacht hatte. Ich wollte all denen ein Bild geben, die ich fotografiert hatte, denn während meines Fotografierens hatte ich gemerkt, mit welcher Freude die Abgelichteten die Aufnahmen auf meinem Display betrachteten. Das war sehr emotional.

Eines dieser Bilder erreichte eine Mutter, die dann zu mir kam und mich umarmte. Sie hat mir erklärt, dass sie Mutter von drei Kindern ist und ich eines ihrer Kinder fotografiert habe. Zwei Kinder sind gestorben… doch dieses eine kann ihr nun keiner mehr wegnehmen, denn sie hat ja nun ein Bild. Da habe ich für mich das erste Mal gemerkt, dass fotografieren nicht nur rumknipsen ist, sondern echt ein tolles Mittel, um Leute zu begeistern, sprachlos zu kommunizieren und Besonderes festzuhalten. Übrigens ein Grund, warum ich eigentlich immer mit einer D-SLR und einer Polaroid 600SE umherreise. Ich gebe jedem „Model“ ein Bild am Ende unseres Treffens – manchmal mache ich auch ein zweites für mich. In Gebieten wie Israel oder Südafrika kann ich schließlich nicht immer mit einem Druck zurückkommen. Deshalb Sofortbild, um Danke zu sagen und ihnen auch eine Erinnerung zu geben. Da freut sich jeder riesig drüber, nur mein Reisekoffer nicht.

Kevin McElvaney – Wie ist es dazu gekommen, dass Sie die Fotografie zu Ihrem Beruf machten?

Rahman Dauda (12)
Viele Jahre habe ich nur hobbymäßig rumgeknipst. Irgendwann kamen dann ganz von allein Jobangebote und Anfragen. Ich habe gemerkt, dass es ja doch mitunter gutes Geld gibt. Das hab ich zuvor gar nicht gedacht und die Fotografie als „brotlose Kunst“ gesehen. Ich habe mich deshalb auch nie mit dem Gedanken beschäftigt, der Fotografie beruflich nachzugehen. Der Zufall hat bei mir Regie geführt. Mein erster gut bezahlter Job war sogar für RedBull. Ich hatte zuvor einen Freund beim Wakeboarden mit Powerboot in Dänemark aus dem Wasser fotografiert. Das hat jemand von RedBull gesehen und mich dann Wassersportevents fotografieren lassen … so ging das los.

In 2013 habe ich mir dann gesagt, dass ich Fotograf sein möchte bzw. das wenigstens zwei Jahre ausprobieren will. Im Grunde genommen fotografiere ich nun alles Mögliche: Events, Dokumentation, Musik, Plattencover, Werbung – aber am meisten reizen mich Reportagen beziehungsweise Bilder von spannenden Personen in aller Welt. Dafür spare ich und das möchte ich – glaube ich, auch in den nächsten Jahren machen. So kam das auch im Sommer 2013 und ich habe Kontakte nach Ghana geknüpft – da ist meine Serie „Agbogbloshie“ entstanden.

Kevin McElvaney – Was fasziniert Sie an der Fotografie?

Adjoa (9)
Ich habe immer das Gefühl, dass man seine Umgebung mit einer Kamera in der Hand bewusster wahrnimmt. Normalerweise laufe ich umher und habe tausende Sachen im Kopf, habe wilde Gedankengänge und kann mich nicht all zu lang auf eine Sache konzentrieren. Faszinierend an mir selbst finde ich also, dass ich beim Fotografieren sehr ruhig werde und auf eine Sache konzentriert sein kann.

Faszinierend im allgemeinen Sinne ist es, dass es bei z.B. fünf verschiedenen Fotografen, aber nur einer Szenerie am Ende oft auch fünf verschiedene Bilder gibt. Eigentlich gibt es da nicht so viel technischen Spielraum, aber irgendwie dann doch. Für jeden Fotografen ist es in dem einen Moment absolut logisch, das Bild genau so zu fotografieren und nicht anders. Letztlich sagt also, glaube ich, der Blickwinkel und der Fokus eines Bildes (nicht unbedingt technisch gesehen) viel über denjenigen hinter der Kamera aus.

Fragen wie “Wo stand der?”, “Wie hat der das gemacht?” und heutzutage vielleicht auch “Ist das echt so?” kommen, glaube ich, nur bei guten Bildern. Da passiert wesentlich mehr, und das ist nicht nur Ästhetik.

Das ist irgendwie spannend, dass solch ein Apparat die Wirklichkeit verzerren kann bzw. eigentlich ja nur so darstellt, wie der Fotograf das sieht oder halt sehen möchte. Eigentlich sehen wir ja alle durch die mehr oder weniger gleichen Augen, doch am Ende sehen wir Dinge doch unterschiedlich. Fotos beweisen das, finde ich.

Kevin McElvaney – Ist es von Vorteil oder Nachteil die Fotografie nicht durch ein Studium erlernt zu haben?

Alhassan Adams (19)
Nachteile entstehen, glaube ich, eher im Kopf und führen dann zu Zweifeln. Natürlich hat man hier und da immer das Gefühl, dass man einer gewissen Herausforderung nicht gewappnet ist und eine Ausbildung das hätte verhindern können, doch am Ende ist dies wohl eher eine Ausrede. Das Gefühl hat aber wohl jeder einmal und als BWLer wäre ich wohl auch an der einen oder anderen Excel-Tabelle verzweifelt. Grundsätzliche Defizite lassen sich in der Fotografie heutzutage wohl schnell nachholen, wenn man sie an sich selbst bemerkt.

Meistens bin ich glücklich, dass das so gekommen ist, denn mit 18 hätte ich die Entscheidung wohl weniger bewusst gefällt und würde dann wohl jetzt doch noch schnell BWL studieren, weil das alles so schwierig ist und man schwer an Jobs kommt. Vor allem in meinem Genre hilft es aber, glaube ich, wenn man Dinge wissenschaftlicher und distanzierter betrachten kann, und das lehrt einen ja fast jedes Studium, bei dem man sich Zeit nimmt.

Mohammed Abdallah (20)
Letztlich ist man als Fotograf nur zu 5-10 Prozent der Zeit am fotografieren und den Rest plant man durch, recherchiert, schreibt E-Mails, packt Koffer, muss komische Steuersachen erledigen und organisiert sich und andere. Da hilft es, wenn man einen anderen Background mitbringt und spart bei dem Drumherum bestimmt etwas Zeit. Dennoch sind aber ja die 5 Prozent das Entscheidende, also muss man schon eine Fachkenntnis mitbringen und das umsetzen können, was man will.

Eine eindeutige Antwort kann ich da bisher nicht geben, denn ich probiere mich ja selbst noch aus. Bisher scheint es aber kein KO-Kriterium zu sein, dass ich ein Autodidakt bin. Meine Eltern sind aber, glaube ich, auch froh, dass ich einen „normalen Job“ in petto habe.

Kevin McElvaney – nicht alle kennen Agbogbloshie

Baba Salifu (15)
Agbogbloshie befindet sich nahe Accra in Ghana. Es ist die größte Elektroschrott-Mülldeponie des Landes und wohl auch der Welt. Jeden Monat erreichen 500 Schiffscontainer mit Elektroschrott den Hafen Tema – von Oktober bis Februar sogar bis zu 800, wegen Weihnachten. Diese Container werden hier illegal eingeführt, da sie in den Exportländern als „Entwicklungshilfe“ deklariert werden. In Wahrheit ist jedoch nahezu alles Schrott, was hier ankommt. Manchmal sind nur die ersten Reihen von TV-, PC-, Kühlschrank- oder HiFi-Ladungen in Ordnung, damit es in den Export-Häfen (EU, USA, China uvm.) bei Kontrollen keine Probleme gibt. Es landet auch Elektromüll von staatlichen Organisationen, Ministerien, Botschaften oder Geheimdiensten hier. Ein lokaler Umweltaktivist und Freund von mir dokumentiert dieses und schreibt den Firmen sowie Ministerien und klärt sie über diesen Missstand auf. Diese sind vielfach überrascht, denn oftmals zahlen sie schließlich für eine „fachgerechte Entsorgung“. Dies geschieht nur unzureichend und die Verlockung scheint für einige zu groß, das Geld zu nehmen und die Entsorgung nicht durchzuführen. Bei den Export-Häfen gibt es das Problem, dass sie zumeist mit den Massen an Containern überfordert sind und nicht alle Container kontrollieren können. Jedoch verbietet die Baseler Konvention, welche die meisten Industrienationen unterzeichnet haben, genau diese Exporte,.

In Agbogbloshie landet rund 80 Prozent des Schrotts aus Tema. Die Kinder, meist zwischen 7-25 Jahren, schlagen hier mit Steinen und einfachem Material auf die Geräte ein. Das Ziel: Metall und vor allem Kupfer. Hierbei kommen sie natürlich mit den giftigen und gesundheitsschädlichen Materialien in Kontakt. Die meisten von ihnen sterben an Krebs, bevor sie 30 Jahre alt sind. Sie leiden zuvor an den Folgen ihrer Arbeit: Atem- und Augenproblemen, Rückenschmerzen, Schädigungen des Nervensystems, das sich in Zittern äußert, Schlaflosigkeit durch die (Ab)Gase und durch Quecksilber sowie Schädigung des Gehirns.

Adam Latif (21)
Die Jungs kommen oft aus dem landwirtschaftlichen Norden und westlichen Gebieten Ghanas – sehr arme Gegenden. Da die Familien sie nicht mehr ernähren können oder auf bessere Jobs hoffen, werden die Jungen und Mädchen dann allein in die Großstadt geschickt. Hier bedeutet dieser Job jedoch für ca. 2,50$/ Tag von Sonnenaufgang bis -untergang zu arbeiten. Das Geld reicht dann nur für das Essen und Medikamente. Für Geldsendungen zu den Eltern bleibt oft nichts über. Jeder sollte also mal von Agbogbloshie gehört und gesehen haben.

Mike Anane ist für mich ein persönlicher Held bei der Berichterstattung und Arbeit rund um Agbogbloshie. Er hat diesen Ort bekannt gemacht und kümmert sich um die jungen Kinder, aber auch um das „große Ganze“ und versucht, den Missstand an der Wurzel zu packen: Exporte müssen bereits in den „entwickelten Ländern“ gestoppt werden – hier kann und muss fachgerecht entsorgt werden. Hinzu kommt, dass die Produzenten und Kunden durch Design und Kaufverhalten viel ändern können. Andere Ansätze, wie den Müll in Ghana zu entsorgen/ recyceln oder die Kinder besser „auszubilden“, damit sie sich nicht verletzen/vergiften, sind meiner Meinung nach falsch. Der Missstand sollte dort bekämpft werden, wo er beginnt. Die Exporte hierher sollen sich übrigens bis 2020 verdoppeln.

Kevin McElvaney – was ist Ihr Ziel welches Sie mit Ihrer Fotoserie Agbogbloshie verfolgen?

Kwabena Labobe (10)
Vorab muss man sagen, dass viele Menschen einem vorwerfen, dass man Skandaljournalismus oder nur Slumbilder macht, wenn man an solche Orte reist, doch so ist das nicht. Jeder Mensch soll das machen, was ihm Spaß macht und wozu er sich berufen fühlt und ich finde es halt wichtig, dass man auch solche Bilder sieht. Dennoch muss man aufpassen, in welchem Kontext gerade solche Bilder ihre Verwendung finden. Es ist mitunter die Aufgabe von Fotojournalisten, an Orte zu reisen, die nicht jeder bereisen mag und kann.

Hier in Agbogbloshie machen die Jungs und Mädchen aber nicht das, was ihnen Spaß macht und wozu sie sich berufen fühlen. Es ist ja sogar so, dass dieser Ort für viele einen Ausweg darstellt. An diesem Ort passiert so viel, was auf ökologischer, politischer, gesellschaftlicher und ethischer Ebene interessant und einzigartig ist.

Dennoch habe ich mich entschieden nur diese 13 Porträts zu zeigen und dadurch wird das Thema nicht wie in einer typischen Reportage mit allem Drumherum erklärt. Im Zentrum steht ja die Person und der Hintergrund zeigt natürlich ganz viel, doch wenn man keinen Text dazu liest, fehlt so einiges. Das macht es für mich schwierig, diese Bilder für einen Bericht zu verwenden und zu verkaufen, aber das war mir auch egal.

Ibrahim Abdulai (23)
Ich möchte gern respektvolle, ehrliche und in gewisser Weise schöne Bilder von jeder Person und jedem Ort zeigen. Dazu gehört es, dass ich Kontakt mit den Personen aufnehme, mir Zeit nehme, Fragen stelle und erst dann fotografiere. Oft fotografiert man sowas ja eher als unsichtbarer Betrachter und keiner schaut in die Kamera.

Die Bilder sind insofern inszeniert, dass ich alle auf einen Monitor o.Ä. gestellt habe, doch danach habe ich nichts mehr bestimmt. Ich hoffe und denke, dass man dadurch etwas mehr Persönlichkeit entlarvt und die Person sich so zeigt, wie sie ist und sich gerade fühlt. Das sind ja alles keine Models und spielen einem nichts vor.

Ich wollte persönlichere Bilder von diesem Ort zeigen und hoffe, dass das Thema so auch für Menschen zugänglich wird, die bei schockierenden Bildern wegschauen müssen.
Es wäre schön, wenn man eine gewisse Ästhetik erkennt und sich dann anschließend dem Thema widmen kann. Agbogbloshie ist auf absurde Art und Weise ein sehr schöner und interessanter Ort, doch ökologisch und sozial-ökonomisch gesehen ein globales Desaster.

Persönlichere Einblicke als Text findet man auf http://derkevin.com/Agbogbloshie.html und ein Video auf http://www.youtube.com/watch?v=nSbPjtY2YPg

Kevin McElvaney – Haben Sie schon ein neues Projekt vor Augen?

Derzeit steht eine Reise nach Gaza und Nigeria in der Schwebe. Im Kopf ist ganz viel geplant, aber das sind so zwei Herzensangelegenheiten, an denen ich derzeit arbeite. Hier stehen ebenfalls besondere Personen im Vordergrund, die ich kennengelernt habe oder von denen mir erzählt wurde. Primär geht es um diese Personen, aber das Drumrum muss natürlich auch erklärt werden.

Ja, mich reizen wohl extremere Gegenden, doch viel wichtiger und interessanter finde ich die Personen in diesem Umfeld. Orte brauchen Gesichter. Im Nachhinein hat dieser Trip ins Township, glaube ich, den Fotografen in mir geweckt und den groben Stil bestimmt.

Portfolios 02 / 2014

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