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Bürgerreporter - Zwischen Informationsbedarf und Sensationslust

Mit der Verbreitung der Kamerahandys brach eine neue Ära an, die Welt mit Bildern über aktuelle Ereignisse rund um den Erdball zu versorgen. Ob bei den Erdbeben in China, bei dem Flugzeugabsturz im Hudson River, während des Tsunami in Thailand oder zu den schrecklichen Ereignissen der Duisburger Loveparade – immer öfter sind es Handyfotos von zufälligen Zaungästen, die als erste und oft auch am umfassendsten über aktuelle Ereignisse informieren.

In vielen Ländern gehört heute das Handy für einen Großteil der Bevölkerung – neben Schlüssel und Geldbeutel – zu den Dingen, die man immer bei sich trägt. Kaum ein Handy, das nicht mit einer Kamera ausgestattet ist und dem Besitzer erlaubt, immer und überall Bilder und Filme aufzunehmen. Diese Bilder der Öffentlichkeit über Internetplattformen und andere Medien zu zeigen, gerät aber auch immer wieder in die Kritik ebenso wie die Vorgehensweise, mit der sie entstanden sind. Denn oftmals werden bei den Aufnahmen nicht die Intimsphäre und Persönlichkeitsrechte von Unfallopfern oder auch von Prominenten gewahrt. Wer nur aus Sensationsgier auf der Autobahn Verletzte oder Tote aufnimmt und diese Bilder, in denen Personen auch zu erkennen sind, der Öffentlichkeit zugänglich macht, der überschreitet nicht nur die Grenze des guten Geschmacks, er macht sich oft auch strafbar. Andererseits sind gerade Fotos, wie etwa die Bilder der dramatischen Notlandung im Hudson River ein Beispiel dafür, dass dort schnellstens Hilfe zur Stelle war. Oder blickt man aktuell zu den schlimmen Ereignissen der Loveparade in Duisburg, so decken Handyfotos gemeinsam mit den unzähligen Aufnahmen aus Kameras auf, wie die Situation wirklich vor Ort war. Im Nachhinein kann durch bestehende Bilder nichts schöngeredet werden. Diese Aufnahmen sind wichtiges Beweismaterial.

Mit am intensivsten werden Bilder der Bürgerreporter über Onlineplattformen wie Twitter oder flickr verbreitet, mit denen weltweit schnellstens ein riesiges Publikum erreicht werden kann. Mit Handybildern gelangt auch manche Nachricht an die Öffentlichkeit, die vielleicht sonst nie aufgedeckt worden wäre. So war es bei dem brutalen Vorgehen kalifornischer Polizisten gegen einen schwarzen US-Bürger, das ohne die Bilddokumentation eines Augenzeugens wahrscheinlich nicht aufgedeckt worden wäre.

Bürgerreporter können nicht den professionellen Journalismus ersetzen. Die Bilder, die von ihnen Eingang in die Medien – seien es Zeitungen, Fernsehen oder Internetportale – finden, sind vor allem jene, die in einer Schnappschusssituation entstanden sind. Dazu gehören vor allem nicht vorhersehbare Ereignisse und der Zufall, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Umfassende, geplante Reportagen sind nicht das Feld von Bürgerreportern. Dazu kommt, dass mit dem Kamerahandy fotografierte Bilder sicher nicht den Qualitätsansprüchen genügen, wie sie Magazine an das Material ihrer Fotografen stellen.

Gerade regionale Ereignisse sind es, die von Handyfotografen vor allem bei Tageszeitungen Veröffentlichungen finden. Unter dem Namen „Leserreporter“ werden die Leser aufgefordert, stets mit ihrem Kamerahandy auf der Jagd zu sein. Das können absolut positive Berichterstattungen über kleinere Sportveranstaltungen, dörfliche Feste oder Nachbarschaftsaktionen sein. Gefürchtet sind von Polizei und Rettungsdiensten die Gaffer, die schon immer bei Rettungsaktionen gestört haben und, die heute eben noch ein Kamerahandy im Einsatz haben. Inzwischen haben sich auch einige Firmen dem Bürgerreporter verschrieben. Sie präsentieren sich als Bildagenturen, über die Privatpersonen ihre Fotos und Videos professionellen Bildkäufern von Nachrichtenredaktionen zur Verfügung stellen können. Genau sollte sich jeder nebenberuflich tätige Fotograf überlegen, ob er das Angebot, über diese Portale gegen eine Gebühr einen Presseausweis zu erwerben, annimmt. Denn anerkannt wird von Institutionen, Behörden und Unternehmen meist nur der im In- und Ausland offiziell geltende Presseausweis, den nur Fotografen bekommen, die eine hauptberufliche Tätigkeit als Bildjournalisten nachweisen können.

Wer auch immer als Kamerahandyfotograf Bilder aufnimmt und sie an die Öffentlichkeit bringt, sollte an seine Aufnahmen immer hohe ethische Ansprüche stellen und sich die Frage beantworten, ob die Nachricht das Wichtige ist oder nur die Sensationsgier ihn leitet. Jeder sollte sich seiner Verantwortung bewusst sein und die Würde der Fotografierten wahren. Schließlich gibt es auch genug andere Motive, die sich lohnen, mit anderen zu teilen.

Pressemeldungen 08 / 2010

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