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Ferngläser unter der Lupe: Die „weichen Faktoren“ sind ganz hart

Hollywoods Filmemacher haben sich einen schönen Effekt einfallen lassen, um zu zeigen, dass jemand durch ein Fernglas blickt: Eine schwarze Maske deckt das Bild ab, und nur durch eine Art liegendes Schlüsselloch sieht der Zuschauer die vergrößerte Bank, die da im Krimi gerade von Panzerknackern ausgespäht wird. Wer so etwas beim Blick durch ein modernes Qualitätsfernglas tatsächlich sehen muss, der ist im falschen Film: „Schnitt!“ – und weg mit dem Teil.

Einige Jahrhunderte Erfahrung im Bau von Fernoptiken, dazu ausgetüftelte Glassorten und komplizierte Rechenverfahren machen es heute möglich, dass niemand mehr an einem Fernglas oder einem Spektiv einen Tunnelblick erleben muss – es sei denn, er greift in die Ramschkiste. Nicht nur dort sind immer wieder angebliche Schnäppchen zu fantastischen Preisen zu finden: ein lichtstarkes Fernglas für zehn Euro.

Gewiss, die äußeren Daten scheinen für das Billig-Bino zu sprechen. Die Angaben für die Vergrößerung, für den Durchmesser der Linsen, somit auch die Dämmerungszahl, die die theoretische Helligkeit des Bildes anzeigen soll – alles das mag identisch mit den Angaben von Gläsern sein, für die man bis zu einem Monatseinkommen bezahlt. Kann der Unterschied da so riesig sein? Er kann nicht nur, er ist es! Und um diesen festzustellen, braucht man kein Expertengutachten, sondern oft nur die eigenen Sinne: Fühlen, Sehen, Riechen.

Der erste Eindruck: das Gewicht. Ein großes Fernglas, das scheinbar nichts wiegt, sollte skeptisch machen. Natürlich versuchen auch renommierte Hersteller, das Gewicht von Freizeitoptiken zu reduzieren. Ein Fliegengewicht in der Hand könnte aber schlicht auch daher rühren, dass keine besonders soliden Bauteile verarbeitet worden sind. Als nächstes sollten die Finger über die Oberfläche gleiten. Fühlt sie sich „wertig“ an oder billig? Sind Grate an Kunststoff- oder Metallteilen zu spüren? Klafft eine Belederung irgendwo auf? Wer beim Finish eines optischen Geräts schlampt, dem muss man nicht unbedingt höchste Präzision bei den wichtigen Baugruppen im Inneren zutrauen.

Jedes Fernglas hat einige bewegliche Teile: Die Mittelachse hält beide Hälften zusammen und erlaubt eine Verstellung des Abstandes zueinander, wodurch das Glas dem individuellen Augenabstand angepasst wird. Der Mitteltrieb sorgt bei fast allen heute gebauten Ferngläsern für die Scharfstellung beider Hälften. Zudem ist eines der Okulare (Augenlinsen) drehbar und erlaubt es, etwaige Fehlsichtigkeiten der Augen zu kompensieren (Dioptrienausgleich). Alle diese Verstellmöglichkeiten dürfen nicht zu schwergängig, aber auch nicht labberig funktionieren und schon gar nicht irgendwie unrund laufen oder Lagerfett von sich geben.

Dann der Durchblick. Sind Kratzer, muschelförmige Brüche oder ausgefleckte Stellen auf der Linse erkennbar, dann Finger weg. Im Inneren haben auch Staub oder Späne aus der Produktion nichts verloren. Das Bild muss klar sein und darf nicht dunkel wirken. Wenn ein Fernglas, das über große Frontlinsen verfügt, kein helles Bild liefert, ist es ein Indiz dafür, dass die Vergütung der Glasflächen im Inneren minderwertig ist. Die Folge: Die Oberflächen schlucken Licht, anstatt es zum Auge zu führen.

Gute Ferngläser bieten ein angenehm weites Gesichtsfeld und engen es nicht durch einen Tunnelblick ein. Beim Scharfstellen sollte der Schärfenpunkt geschmeidig gefunden werden und sich nach dem Loslassen des Mitteltriebs nicht verändern, auch nicht, wenn man mit dem Glas steil nach oben oder unten blickt. Sieht man entspannt mit beiden Augen durch das Fernglas, müssen die beiden Teilbilder leicht zur Deckung gebracht werden können. Wenn man sich hierbei anstrengen muss, kann es auf eine Fehljustage der optischen Achsen zueinander deuten. Solche Mängel kompensiert das Auge zwar im Geschäft, aber sie ermüden bei längerer Beobachtung schnell und können sogar Schwindel und Kopfschmerzen verursachen.

Ein nicht zu unterschätzendes „weiches“ Kriterium bei der Fernglaswahl ist übrigens der Geruch. Hersteller von Billigstwaren für Ramschkisten stehen immer wieder am Pranger, weil in Kunststoffteilen giftige Weichmacher stecken. Diese verraten sich etwa an Gummierungen durch einen charakteristisch stechenden Geruch. Wer so ein „Gschmäckle“ feststellt, lässt lieber die Finger von dem Gerät. Schließlich verwendet man das Fernglas ja in Nasennähe.

Fühlen, sehen, riechen – Fernoptiken können auch ein sinnliches Erlebnis sein, wenn man mit hochwertigen Gläsern in die Natur, zum Jagen, Segeln oder Vögelbeobachten loszieht. Eine Auswahl von Qualitätsoptiken hat der Optik-, Jagd- und Fotofachhandel im Sortiment. Und einen umfassenden Eindruck über die Trends bei Fernoptiken gibt es auf der photokina vom 21. bis 26. September 2010 in Köln. Bei der weltweit größten Imagingmesse gibt es die Produkte der renommierten Hersteller „zum Greifen nah“.

Fernoptik 08 / 2010

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Franz Cavallo

Franz Cavallo