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Kein buntes Kaleidoskop - Gütekriterien beim Fernglaskauf

Am Anfang des Fernglaskaufs steht nackte Mathematik: Welche Vergrößerung soll die Neuanschaffung bringen? Welches Gesichtsfeld sieht man damit? Und welche Helligkeit des Bildes lässt sich rechnerisch erwarten? Stehen dann zwei Feldstecher mit identischen Kennzahlen nebeneinander im Geschäft, folgt man schnell der Verlockung des Preises, besonders wenn die Kosten für ein Markenglas das Zehnfache eines No-Name-Fernguckers betragen. Die Freude über das vermeintliche Schnäppchen kann in freier Natur aber schnell in Frust umschlagen: Dann nämlich, wenn statt des einen Hasen plötzlich zwei über die Wiese hoppeln.

Gütekriterium 1: Saubere Verarbeitung und Justage
Tatsächlich ist eine der häufigsten Ursachen für Fehlleistungen billiger Ferngläser die simple Tatsache, dass sie nicht ordentlich justiert sind. Ferngläser bestehen aus zwei Okularen und zwei Objektiven - jeweils mit mehreren Linsen - sowie zwei Prismen. Alle diese optischen Bauteile müssen sauber zueinander justiert sein. Zudem müssen die beiden Fernglashälften exakt parallel aneinandergefügt sein. Ist letzteres nicht der Fall, liefert das Fernglas den Augen zwei Bilder, die man entweder gar nicht mehr zur Deckung bringen kann oder nur unter größten Mühen. Als Folgen schlechter Justage werden nach längerer Beobachtung sogar Kopfschmerzen genannt. Auch kein wirklicher Spaß ist Schmutz im Inneren: Fussel oder trüb angelaufene Linsen in neuen Geräten müssen die Alarmglocken schrillen lassen - saubere Arbeit sieht anders aus.

Gütekriterium 2: Qualität von Linsen und Prismen
Schlechte Justage und Schmutz gehen noch auf das Konto „Nachlässigkeit“. Bei anderen Gütekriterien können Ferngläser aus der „Ramschkiste“ von Haus aus nicht punkten, ganz einfach weil bei ihnen auf entsprechend hohe Qualität bei den optischen Bauteilen verzichtet wird. Seit dem Bau der ersten Optiken vor einigen hundert Jahren schlagen sich Konstrukteure mit den verschiedenen Herausforderungen herum, die Glaslinsen mit sich bringen. Linsen und Prismen müssen perfekt mit den Berechnungen entsprechenden, ebenen und glatten Oberflächen hergestellt werden, wenn sie das Licht so weiterleiten sollen, wie die Optikdesigner es gerne hätten. Wer hier in der Produktion auf hohe Maßstäbe verzichtet oder bei Qualitätskontrollen nachlässig ist, kann keine gute Abbildungsleistung garantieren.

Gütekriterium 3: Randschärfe
Heikel sind vor allem die Randbereiche des sichtbaren Bildes. Dabei gilt: Je größer das Gesichtsfeld eines Glases ist, desto schwieriger ist es, die Qualität über das gesamte Feld zu garantieren. Die Randschärfe ist ein nicht zu unterschätzendes Gütekriterium bei Ferngläsern. Wer als Jäger, Naturliebhaber oder Hobbyastronom ein Fernglas mit einem großen Gesichtsfeld einsetzt, um die Gegend bequem abzusuchen, der wird sich nicht freuen, wenn sich Bäume am Rand durchbiegen und Sterne zu Kometen werden.

Gütekriterium 4: Farbkorrektur
Glaslinsen brechen die verschiedenen Farbanteile des Lichtspektrums unterschiedlich stark und erzeugen dadurch Farbfehler, die sich in Farbsäumen an kontrastreichen Bildstellen sowie in allgemein flauer Abbildung bemerkbar machen. Diese Fehler lassen sich kompensieren, wenn man Linsen unterschiedlicher Glassorten oder sogar aus anderem Material, wie Fluorit-Einkristallen, miteinander kombiniert. Vor allem Linsensysteme mit Sondergläsern oder Fluorit-Elementen erlauben es, Farbabweichungen besonders gut zu korrigieren. Solche Optiken, die von Herstellern als apochromatisch („Apo“) oder „ED“ („Extra-low Dispersion“) bezeichnet werden, haben zwar angemessen hohe Preise - sie bestechen aber durch kontrastreiche, brillante und farbneutrale Bilder mit kaum noch merklichen Farbsäumen.

Gütekriterium 5: Vergütung
Zur Verbesserung der Abbildung ist auch eine hochwertige Vergütung der Linsen notwendig. Nackte Glasoberflächen reflektieren einen Teil des Lichts, anstatt es durchzulassen. Wenige Prozent zwar, die sich aber in einem optischen System mit jeder Glas/Luft-Fläche summieren. Wenn dann am hinteren Ende des Fernglases ein Drittel weniger Licht ankommt als vorne eingetreten ist, ist das schon schlimm genug. Noch übler wird die Angelegenheit dadurch, dass das im Inneren reflektierte Licht gestreut wird und zu einem flau werden des Bildes führt. Abhilfe schafft eine hochwertige Vergütung der Glasoberflächen. Moderne Vergütungsverfahren erreichen eine Transmission („Durchleitung“) des Lichts durch das gesamte Fernglas von mehr als 90 Prozent. Der Unterschied ist verblüffend: Wer einmal einen 7x50-Feldstecher, ein so genanntes „Dämmerungsglas“ oder „Nachtglas“, für weniger als € 50,-- gegen ein Glas mit identischen Kennzahlen von einem renommierten Hersteller für knapp € 500,-- in der Dämmerung vergleicht, dem gehen im wahrsten Sinne des Wortes die Augen auf. Das Bild im Billigglas wirkt geradezu dunkel und flau gegen das helle und gestochen scharfe Bild des Markengeräts.

Gütekriterium 6: Langlebigkeit
Ein neues Fernglas, das bisher alle Kriterien bestens erfüllt, taugt dennoch nichts, wenn nach einem Jahr die Linsen klappern, sich Staub im Inneren ansammelt oder beim Wetterwechsel die Glasflächen innen anlaufen. Sehr gute Ferngläser sind auf Jahrzehnte justierstabil, wasser- oder zumindest staubdicht und mit einer Gasfüllung versehen, die verhindert, dass sich Feuchtigkeit im Inneren bildet.

Ein Aspekt zum Schluss
Das Auge sieht immer die Gesamtleistung eines Fernglases in einer konkreten Beobachtungssituation. Ein Fernglas gleichzeitig lichtstark, mit einem großen perfekt scharfen Bildfeld und absolut farbrein herzustellen und dafür noch zehn Jahre Garantie zu geben, ist heute möglich; aber nicht jeder Käufer möchte dafür gleich einen vierstelligen Betrag zahlen. Deswegen gehen auch Top-Hersteller bei vielen Geräten gut vertretbare Kompromisse ein.

Bei der Anschaffung eines Fernglases gilt, den Einsatzzweck zu überlegen und zusammen mit dem erfahrenen Berater im Photo-, Optik- oder Jagdfachhandel eine Vorauswahl zu treffen. Die Gläser in der engeren Wahl sollte man auf Griffigkeit testen und natürlich daraufhin, wie der Eindruck mit dem eigenen Auge ist. Mit einem hochwertigen Fernglas kann man ein Leben lang Freude haben, und man hat sein Geld gut angelegt. Denn das teuerste Fernglas ist immer das, was man 2 Mal kaufen muss.
 

Fernoptik 09 / 2008

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Doppelt abgebildetes Reh, durch schlechte Justierung

"Doppelbock im Wald? Extrem schlecht justierte Ferngläser liefern zwei Bilder, die man nicht zur Deckung bringen kann. Hier droht Kopfschmerzgefahr."
Stefan Zaruba