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Hobbyraum unterm Himmelszelt: Die eigene Sternwarte

Astronomie ist ein Hobby, um abzuschalten. Nach Feierabend ein entspannender Spaziergang durch die Milchstraße, dann die Saturnringe als Augenweide, die den aufgestauten Ärger vertreiben. Und ein paar abschließende Schnappschüsse mit der Kamera vom soeben aufgehenden Mond. Soweit die Theorie ...

Die Realität einer Beobachtungsnacht sieht oft anders aus. Das Teleskop steht gut verpackt im Keller, von wo es ins Freie muß. Nach dem Schleppen folgt der Aufbau - je nach Teleskoptyp, Aufgabenstellung in dieser Nacht und Ehrgeiz des Astronomen vergehen zwischen zehn Minuten und einer Dreiviertelstunde, bis alle Schrauben angezogen sind und das Fernrohr richtig auf den Himmel ausgerichtet ist. Das alles bei Dunkelheit -wehe, wenn ausgerechnet das kleinste Zubehörteil ins Gras fällt. Und sobald alles steht, ziehen Wolken auf ...

Spätestens in diesem Augenblick wünschen sich Hobbyastronomen eine eigene Sternwarte: Ein Ort, an dem alle Instrumente fest aufgebaut stehen bleiben. An dem es sich rentiert, auch einmal nur eine größere Wolkenlücke für die Beobachtung auszunutzen. Und an dem man nach einer entspannten Beobachtungsnacht einfach das Dach zuzieht und ins Bett verschwindet. Vor allem für den photographisch interessierten Astronomen, der mit weitaus mehr Ausrüstung unterwegs ist und höhere Ansprüche an eine saubere Aufstellung des Teleskops hat, ist das fest eingerichtete Instrument „die halbe Miete“.

Der Traum vom eigenen Observatorium muß keine Utopie bleiben. Wenn man einen brauchbaren Himmel über seinem Wohnort vorfindet und etwas Platz im Garten freimachen kann oder ein Garagendach oder gar das eigene Hausdach umbauen darf, dann sind die wichtigsten Voraussetzungen für die Privatsternwarte erfüllt. Bautypen gibt es viele. Sie sollen hier nur kurz angerissen werden, um dann die Einrichtung einer exemplarischen Sternwarte näher zu erläutern.

Der einfachste Typ einer Sternwarte ist eine fest im Boden, auf der Terrasse oder dem Balkon verankerte Säule aus Stahl oder Beton. Das massive Rohr trägt vor allem schwere Gerätschaften stabiler als ein Stativ. Mit etwas Bastelaufwand läßt sich ein Anschluß zur Teleskopmontierung dergestalt herstellen, daß das Teleskop nicht jedes Mal von neuem auf die Erdachse justiert werden muß (bei mobilen Teleskopen ein lästiges Unterfangen, das je nach Bauart viel Zeit in Anspruch nimmt). Säulen im Freien sollten auf schweren, tief im Boden verankerten Betonfundamenten ruhen, die von Erdreich bedeckt sind. So sind die Säulen entkoppelt, geben also die Schwingungen, die der Mensch beim Umhergehen erzeugt, nicht an das Teleskop weiter. Aus demselben Grund sollten Säulen aus Metall mit Quarzsand aus dem Baumarkt gefüllt werden. Stahl ist leider ein guter Leiter von Schwingungen; der Sand wirkt dabei als billiger und effektiver Dämpfer.

Die mit beliebteste Bauart einer Sternwarte ist die sogenannte Rolldachhütte. Darunter fallen alle Konstruktionen auf ebenem Grund, bei denen das Dach eines kleinen Schuppens über Schienen komplett oder teilweise zur Seite gefahren wird. Bauartbedingt benötigt man sehr viel Platz, weil neben dem eigentlichen Gebäude der Sternwarte Ausleger mit Schienen errichtet werden müssen, auf denen das Dach nachts quasi ausgelagert wird.

Die Konstruktion ist vergleichsweise billig und erlaubt bei offenem Dach einen raschen Temperaturausgleich des Teleskops. Das ist unter anderem deshalb wichtig, weil bei den langen Brennweiten eines Teleskops sich die physikalische Wärmeausdehnung der Bauteile auf den Schärfepunkt auswirkt. Will man mit einem nicht ausgekühlten Teleskop photographieren und eine Aufnahme mehrere Minuten lang belichten, kann sich beim Ankühlen der Fokus verlagern - die Folge ist ein unscharfes Bild. Zudem gibt eine geöffnete Rolldachhütte den Blick auf ein großes Himmelsareal frei und bietet nach oben hin genügend Raum, um auch sehr große Teleskope zu schwenken.

Eine sehr professionell anmutende Lösung sind Sternwartenkuppeln, die im Astronomie-Fachhandel in Kunststoff- oder Blechausführung erhältlich sind. Sie werden entweder auf mitgelieferte Ringe oder auf bestehende Gebäude aufgesetzt. Sternwartenkuppeln sind sehr wetterbeständig und bieten, weil sie nur innerhalb eines Schlitzes den Blick zum Himmel freigeben, einen ausgezeichneten Windschutz. Der größte Nachteil der Kuppeln ist ihr Preis, der selbst für kleinere Exemplare durchaus dem eines Kleinwagens nahekommen kann.

Wer die Möglichkeit hat, integriert ein Observatorium in ein bestehendes Dach. Das kann auf einer offenen Loggia geschehen, mittels eines großen Panorama-Dachfensters oder als große Lösung wiederum in Form eines wegklapp- oder abrollbaren Daches. An letzterer Variante lassen sich die Konstruktionsprinzipien, Herausforderungen und die Vorteile einer Privatsternwarte schön veranschaulichen.

Der Sternwartenbau beginnt - wie es in Deutschland üblich ist - auch mit rechtlichen Überlegungen. Der Bau einer Kuppel auf ein Haus- oder Garagendach wird schnell zum Gegenstand eines baurechtlichen Genehmigungsverfahrens. In vielen Siedlungen scheidet diese Variante deshalb aus. Im vorliegenden Fall erschien auch eine ebenerdige Rolldachhütte als nicht zweckmäßig, weil die umliegende Bebauung - unter anderem das eigene Haus - große Teile des Himmels verdeckt hätten. Für dieses Privatobservatorium kam deshalb der Typ Dachsternwarte in Frage, vor allem auch deshalb, weil im Zuge des Neubaus einer Garage deren Dach mit wenigen Kunstgriffen zum Hobbyraum unterm Himmelzelt umfunktioniert wurde.

Die Grundidee war klar: Zwei große abrollbare Deckel sollten einen Teil des Daches nachts freigeben. Das Teleskop darunter sollte später auf einer Betonsäule ruhen, die wiederum stabilen Halt auf der Garagenmauer fand. Das war nur deshalb möglich, weil das Garagendach nicht nur die Garage, sondern auch einen Carport zum angrenzenden Haus überspannte. Die innenliegende Garagenmauer bildete damit den soliden Unterbau für die Säule. Für die Ausgestaltung eines funktionierenden und vor allem regendichten Rolldaches war es entscheidend, die beteiligten Handwerker von den Anforderungen eines etwas exotischen Hobbys zu überzeugen.

Zunächst mußte der Zimmermann den Dachstuhl nicht mit einer Firstpfette, sondern mit Mittelpfetten ausführen, schließlich sollte kein Balken den Blick zum Himmel versperren. Damit konnten auch zwei Sparren entfallen und den Blick zum Firmament auf einer Fläche von 2 x 2,5 m freigeben. Als nächster Handwerker erstellte der Schreiner zwei passende Holzrahmen mit Spanplattenauflagen, die wiederum ein Spengler im passenden Farbton - ziegelrot - mit Alublech verkleidete. Der Spengler installierte für die Deckel schließlich Rollschienen und einen Kurbelmechanismus: Die jeweils gut 40 kg schweren Abdeckungen rollen, von ihrem eigenen Gewicht gezogen, in Richtung Dachrinne - den Weg zurück werden sie mit der Seilwinde geschleppt.

Die so gewählte Dachkonstruktion ergab einen üppig dimensionierten Beobachtungsraum mit einer Grundfläche von etwa 40 qm, von der unter den Dachschrägen große Teile freilich nur als Stauraum für Teleskope und Zubehör nutzbar ist. Der Zugang zu dem Dachraum führt über einer Bodentreppe (Klappleiter), die vom Carport her geöffnet wird.

Dreh- und Angelpunkt einer jeden Sternwarte ist die Säule, die das Teleskop trägt. In der Garagen-Dachsternwarte bilden mehrere Betonringe eine etwa 1,20 m hohe Säule. Teilweise wurden sie mit Beton ausgegossen, teilweise auch mit Quarzsand gefüllt, um Schwingungen zu dämpfen. Innen laufen zudem Plastikschläuche entlang, die Strom- und Steuerungskabel aufnehmen und aus dem „Gefahrenbereich“ bringen - in der Dunkelheit sind Astronomen leichte Opfer für jede Form von Stolperfallen.

Richtiges Sternwarten-Flair - und ein wenig U-Boot-Atmosphäre - versprüht schließlich die Rotlicht-Beleuchtung. Astronomie kann nicht immer bei völliger Dunkelheit erfolgen. Es müssen ja Karten gelesen oder Instrumente bedient werden. Ein schwaches Rotlicht beeinträchtigt die so genannte Dunkeladaption des Auges, also die Empfindlichkeitsanpassung, nicht wesentlich.

Die eben erst fertiggestellte Dachsternwarte hat bereits die wichtigsten Tests bestanden: Sie ist wasserdicht und bietet einen hervorragenden Schutz vor dem Wind, der vor allem an längeren Teleskopen rüttelt und so photographische Aufnahmen unmöglich macht. Die Inbetriebnahme am Abend - Licht einschalten und Dach öffnen - ist mit wenigen Handgriffen erledigt. Und der Weg zum Kühlschrank läßt sich in 20 Sekunden zurücklegen. Ach ja: Genügend Steckdosen sind natürlich wichtig für jede Sternwarte. Neben Laptop und einem Festnetzadapter der Digitalkamera könnte dann durchaus auch eine Sternwarten-Kaffeemaschine ihren Platz finden - aber das wäre schon fast Luxus ...
 

Fernoptik 09 / 2005

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Sternwarte

"Sternwarte"
Stefan Zaruba

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