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Brennweite trifft Auflösung

Digiscoping ist zum magischen Begriff in der Digitalphotographie geworden. Die Möglichkeit, mit Fernoptiken, wie Spektiven oder Feldstechern, den Horizont von kompakten Kameras zu erweitern, gleicht einer photographischen Revolution. Besitzer von Spiegelreflexkameras müssen aber gar nicht neidisch danebenstehen, wenn Photographen mit ihren Photoapparaten im Hosentaschenformat gigantische Brennweiten von mehr als 1.000 Millimeter erzielen. Ganz im Gegenteil: Spiegelreflexkameras mit Wechseloptiken sind wegen ihrer enormen Vielseitigkeit geradezu geschaffen für die Kombination mit jeder Form von starken Teleoptiken. Und wie reizvoll ist es doch, diese außerordentlichen Brennweiten mit der Auflösung von acht oder mehr Millionen Pixel zu vereinen. Nur die Herangehensweise unterscheidet sich etwas von der mit Kompaktkameras.

Spiegelreflexkameras finden auf andere Weise Anschluss an Spektive als Kompaktkameras. Die handlichen „Knipser“ mit ihren kleinen Objektiven imitieren einfach das menschliche Auge hinter dem Einblick des Spektivs. Mit den weitaus größeren Objektiven der Spiegelreflexkameras klappt das nicht. Mit Frontlinsen mit einem Durchmesse von 50 Millimeter und mehr würde man nicht nur das aufnehmen, was das Okular des Spektivs zeigt, sondern auch noch das ganze Okular, das Spektiv und die nähere Umgebung. Abhilfe schafft ein radikaler Schnitt: Der Photograph verzichtet einfach auf sein Objektiv und setzt nur das SLR-Gehäuse hinter die Augenlinse des Spektivs. In einem bestimmten Abstand liefert das Okular nämlich ein scharfes Bild, das nur noch vom Chip eingefangen werden muss.

In der Praxis benötigt der Photograph eine Abstandshülse, ein einfaches Metallröhrchen mit Adaptionsmöglichkeiten an beiden Enden, das mehrere Aufgaben erfüllt. Zunächst fixiert die Hülse einfach das Gehäuse in einem günstigen Abstand zum Okular. Die Scharfeinstellung erfolgt später über die entsprechende Vorrichtung am Spektiv. Weiter umfasst die Hülse das Okular und schließt den Raum zwischen Optik und Kamera lichtdicht ab. Im Idealfall hat die Hülse ein Drehgelenk, um einfach zwischen Quer- und Hochformat wechseln zu können. Gleich an dieser Stelle ein Tipp: stets auf Sauberkeit achten. Gerade die Verwendung von Spektiven oder Teleskopen mit großen Hohlräumen im Tubus kann viel Staub aufwirbeln, der sich auf dem Chip niederschlägt. Am besten packt man Reinigungspinsel, Blasebalg oder Druckluftdose mit in die Phototasche und reinigt vor dem Zusammenbau alle Flächen, die in die Nähe des Chips kommen.

Soweit die Theorie, die - wie so oft - komplizierter klingt, als sich die Praxis darstellt. Digiscoping mit der Spiegelreflexkamera verspricht nämlich ein Menge Photospaß. Zugegeben: Für Schnappschüsse ist diese Anhäufung von Technik nicht geeignet, aber darum geht es beim Digiscoping gar nicht, sondern um Erfahrungen und Ergebnisse im Extrembereich der Telephotographie. Erfolgreiches Digiscoping mit SLR-Kameras beginnt bei einem stabilen Stativ mit gut klemmendem Kopf. Auf zarten Beinchen würde die Kombination von Spektiv und Gehäuse, die zusammen ein Gewicht im Kilo-Bereich auf die Waage bringt, herumzappeln. Aber gerade das aber verbietet sich bei den riesigen Brennweiten. Es schadet also gar nicht, wenn man etwas abspeckt. Lässt sich ein Batteriehandgriff, der beim Arbeiten aus der freien Hand sehr praktisch ist, einsparen, dann vorübergehend weg damit; für’s Photographieren auf dem Stativ braucht man ihn nicht. Genauso wichtig wie ein geringes Gesamtgewicht ist die Balance des Systems. Ein Spektiv mit angesetzter Kamera ist etwa einen halben Meter lang. Eine schwere Kamera sorgt für deutliches Übergewicht am hinteren Ende. Das wiederum kann den Kugelkopf beziehungsweise den Neiger des Stativs extrem verkanten. Was tun, wenn der Stativkopf „durchrutscht“? In diesem Fall geht dann Ausgewogenheit vor Gewichtsersparnis. Und dabei hilft im Notfall ein kleiner Trick: An die Seite, die zu leicht ist - meist ist es der hohle Spektivtubus - heftet man mit Klettband oder Gummibändern kleine Gewichte, das nimmt Belastung vom Klemm-Mechanismus.

Wenn nun alles in der Balance ist und das lange erwartete Vögelchen es sich auf dem anvisierten Ast bequem gemacht hat, ist Ruhe im System weiterhin oberstes Gebot. Die starken Brennweiten reagieren empfindlich auf Erschütterungen. Schon zittrige Finger am Auslöser können eine Aufnahme gefährden. Hier empfiehlt sich ein Fernauslöser, der die Kamera über ein Kabel oder sogar drahtlos steuert. Damit vermeidet der Photograph den Kontakt mit dem Gehäuse und somit unnötige Erschütterungen. Notfalls kann man sich auch mit der Selbstauslöser-Funktion behelfen: Fünf bis zehn Sekunden als Vorwahlzeit sollten ausreichen, damit die Kamera und das Spektiv nach der letzten Berührung ausschwingen.

Photographen, die mit langen Brennweiten erfahren sind, meiden sogar den Schlag des Spiegels in der Kamera. Das lässt sich bei elektronisch gesteuerten Kameras im Menü einfach über die Funktion „Spiegelvorauslösung“ oder „Spiegelarretierung“ erzielen. Dabei wird beim ersten Druck auf den Auslöser nur der Spiegel hochgeklappt. Die Kamera kann ausschwingen, und beim zweiten Druck auf den Auslöser wird nur noch der Verschluss geöffnet, was wesentlich geringere Erschütterungen zur Folge hat.

Beim ersten Versuch des Digiscopings mit einem Spektiv sollte sich der Besitzer einer modernen Spiegelreflexkamera nicht wundern, wenn seine Automatikprogramme streiken. Das Spektiv kann - anders als ein modernes Objektiv - an der Kamera keine Daten übermitteln und selbst keine Daten, etwa für die Scharfstellung oder Blendensteuerung, empfangen. Die Digiskopie mit SLR läuft deswegen ohne Autofokus und in einem Belichtungsmodus, den die Kamera akzeptiert, also bestenfalls Zeitautomatik mit einem festen Blendenwert.

Diese kleinen Einbußen beim Komfort wird das Digiscoping nach den ersten Versuchen aber mit beeindruckenden Ergebnissen mehr als wettmachen. Die Digiskopie mit Digitalkameras ist eine noch junge, frische Disziplin der Photographie. Weitaus mehr als in anderen Bereichen ist hier auch Entdeckergeist gefordert, der mit traumhaften Ergebnissen belohnt wird.
 

Fernoptik 10 / 2006

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Weitblick - Fernoptik

Stefan Zaruba