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Den Horizont erweitern - Digiscoping

Die Kombination mit Fernoptiken revolutioniert die Kompakt-Photographie

Ferngläser und Spektive sind heute weiter verbreitet denn je. Nicht nur Jäger und Wissenschaftler gönnen sich leistungsstarke Fernoptiken. Auch Hobby-Vogelkundler, Naturliebhaber und Sportbegeisterte verfügen über stattliche Geräte. Der Markt - einen umfassenden Einblick garantiert die photokina 2006 vom 26. September bis 1. Oktober mit der Aktionsfläche „Weitblick - Fernoptik“ auf dem Kölner Messegelände - bietet inzwischen in jeder Preisklasse ein breites Sortiment an beachtlichen Optiken, auch stark vergrößernde Spektive sind in den vergangenen Jahren für Einsteiger erschwinglich geworden.

So liegen schon zur Dämmerung Ornithologen am Waldrand auf der Lauer, verfolgen Angler nebenbei, was sich in der Biberburg am anderen Ufer so tut und genießen Wanderer den Blick vom einsamen Berggipfel mit dem Aussichtsfernrohr. Wer möchte da nicht seine schönsten Augenblicke auch im Bild festhalten? Wie viele Besitzer von Spektiven mögen sogar schon probiert haben, das menschliche Auge hinter dem Einblick des Spektivs durch eine Kamera zu ersetzen - quasi durch simples „Hinhalten“ des Photoapparats. Und es funktioniert tatsächlich genau so einfach: Das Zauberwort heißt Digiscoping oder Digiskopie und verspricht eine Menge Photospaß.

Das Prinzip ist recht einfach: Ein Spektiv mit seinen vergrößernden Linsen hat ja bereits alles, was ein Teleobjektiv braucht. In der Regel fehlt also nur die geeignete Anschlussmöglichkeit für einen Photoapparat. Inzwischen bieten sowohl die Hersteller hochwertiger Spektive sowie der Zubehörhandel entsprechende Adaptionsmöglichkeiten an. Je nachdem, ob man nun mit einer Kompaktkamera oder mit einer Spiegelreflexkamera arbeiten möchte, kommt die Technik der Okularprojektion oder die der afokalen Photographie ins Spiel. Das klingt fürchterlich kompliziert, ist es aber in der Praxis nicht.

Okularprojektion mit einer Spiegelreflexkamera oder einer anderen Kamera mit abnehmbarem Objektiv bedeutet ganz einfach, dass die Augenlinse des Spektivs (Okular) in einer bestimmten Entfernung ein scharfes Bild auf den Film oder den Chip der Kamera wirft. Dazu wird über ein schlank gefertigtes Okular eine Projektionshülse geschoben. An diese wiederum wird das Kameragehäuse ohne Objektiv angeschlossen. Der Photograph kontrolliert Bildausschnitt und Schärfe durch den Kamerasucher (Spiegelreflex) beziehungsweise über ein Display bei Sucherkameras. Die Fokussierung erfolgt über den Scharfstelltrieb am Spektiv. Im Prinzip funktioniert das Spektiv an einer Spiegelreflexkamera also wie ein starkes Teleobjektiv.

Etwas anders liegt der Fall bei Kompaktkameras mit fest eingebautem Objektiv. Gerade bei Digitalkameras haben die Hersteller zwar in den letzten Jahren Quantensprünge in der Leistungsfähigkeit der Chips und im Bedienkomfort vollzogen. Moderne Digis meistern nahezu jede Aufnahmesituation. Ein Umstand muss aber bauartbedingt bleiben: die Beschränkung auf den vorgegebenen Brennweitenbereich. So bleiben die Vögelchen am Meisenknödel im Garten unerreichbar weit weg. Vor diesem Hintergrund ist Digiscoping mit Kompaktkameras der Durchbruch in eine andere Dimension.

Und so geht’s: Nach dem Prinzip der afokalen Photographie wird das vom Okular des Spektivs vergrößerte Bild nochmals vom kameraeigenen Objektiv eingefangen. In der simpelsten Variante funktioniert das tatsächlich so, dass der Photograph das Kameraobjektiv wenige Millimeter hinter den Einblick des Spektivs hält und am Kameradisplay verfolgt, was passiert. Analoge Sucherkameras scheiden wegen der fehlenden Kontrollmöglichkeit hier allerdings nahezu aus.

Die Kamera sollte problemlos ein erkennbares Bild durch das Spektiv einfangen, das der Photograph mit dem Scharfstelltrieb grob scharfstellt. Das letzte Quäntchen Schärfe liefert bequem der Autofokus der Kamera. Möglicherweise wirkt der erste Anblick wie durch einen Tunnel hindurch. Das liegt daran, dass die Kamera im Weitwinkelmodus ist und mehr abbildet als - einfach gesprochen - durch das Okular hindurchpasst. Kameras mit mittlerem Zoomobjektiv sind jetzt im Vorteil: sanftes Heranzoomen bringt ein formatfüllendes Bild ohne Rundungen an den Ecken.

Für einen ersten Versuch sollten sich nun schon brauchbare Bilder von Vögelchen, Landschaftsmerkmalen oder dem aufgehenden Vollmond ergeben. Allerdings stört das geduldige Halten der Kamera ebenso wie das Wiederfinden von idealem Abstand und Zoomeinstellung, sobald man den Photoapparat einmal kurz weggenommen hat. Deswegen bietet sich auch bei leichteren Gehäusen ein fester Anschluss an das Spektiv an.

Ähnlich wie für Spiegelreflexkameras bietet der Handel Adapterhülsen für Kompaktkameras an. Diese werden spektivseitig im Bereich des Okulars verschraubt und kameraseitig in - falls vorhanden - das Filtergewinde des Objektivs. Ohne Gewinde scheidet diese Möglichkeit aus und überdies ist sie bei Objektiven etwas heikel, die sich automatisch beim Ausschalten versenken. Die universelle Anschlussmöglichkeit bieten dagegen Klemmvorrichtungen. Diese halten ganz einfach die Kamera hinter dem Okular fest. Dazu wird der Photoapparat mit dem Stativanschluss auf eine kleine Plattform geschraubt und diese wiederum mit einer Klemme am Okular befestigt. Die Konstruktion hat in der Regel mehrere Einstelltriebe, um das Objektiv der Kamera sauber hinter dem Okular zu positionieren. Solche Anschluss-Lösungen bringen Stabilität und Ruhe in die Photographie und der Photograph kann sich vom lästigen Halten befreit ganz auf sein Motiv konzentrieren.

Die Vergrößerungen, die beim Digiscoping entstehen, entsprechen Brennweiten von gut über 1.000 Millimetern. Der Umgang damit ist zwar nicht ganz einfach, aber die faszinierenden Nahaufnahmen aus Natur, Technik oder Architektur entschädigen für die Tüftelei und werden auch andere Photofreunde beeindrucken. Wie immer in der Photographie gilt auch beim Digiscoping: einfach alles ausprobieren. Der Photohandel, Jagd- oder Optikhandel hält entsprechende Spektive zum Ausprobieren im Sortiment bereit und einen umfassenden Überblick garantiert auch die photokina 2006 vom 26. September bis 1. Oktober in Köln. Hier können alle Interessierten auf der Aktionsfläche „Weitblick“ die Greifvogelschau mit hochempfindlichen Ferngläsern beobachten und natürlich dank Digiscoping im Bild festhalten. Der Besuch der photokina 2006 lohnt sich also in jedem Fall, denn es ist ein faszinierendes Schauspiel, die tierischen Flugkünstler des Wildgeheges Hellenthals auf der „Piazza“ dank hochwertiger Fernglaser so nah vor die Linse zu bekommen.
 

Fernoptik 06 / 2006

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Digiscoping

Stefan Zaruba

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