Analogfotografie - Der zweite Frühling und mehr als nur ein Retrotrend

Es ist sicherlich richtig, wenn man im Zusammenhang mit der Analogfotografie das Sprichwort „Totgesagte leben länger“ aufgreift, erlebt sie doch gerade in diesen Tagen ihren zweiten Frühling. Mit dem Aufkommen der Digitalfotografie und ihrer rasanten Verbreitung war immer wieder die Rede davon, dass der Film ein Auslaufmodell ist und bald vom Markt verschwinden wird. Eine Minderheit sagte schon damals, dass es die Analogfotografie immer geben wird. Viel Kritik mussten sich all diejenigen gefallen lassen – von den „ewig Gestrigen“ war die Rede, die der neuen Technologie gegenüber nicht aufgeschlossen seien.

Filmrollen und Retrokamera

Betrachtet man sich die aktuellen Entwicklungen, so haben diese „ewig Gestrigen“ rechtbehalten – sicherlich heute eine Genugtuung für sie. Was seinerzeit aber bestimmt keiner von ihnen für möglich hielt ist, dass heute insbesondere der fotografische Nachwuchs – der rein digital aufgewachsen ist – ganz wild auf diese Art der Fotografie ist. Dies alleinig mit dem aktuellen Retrotrend zu begründen wäre zu einfach und trifft den Nagel nicht auf den Kopf. Es sind die Erlebnisse mit der Analogfotografie, die begeistern. Das fängt bereits beim Filmeinlegen an – seinerzeit für viele eine Herausforderung mit manchem Wutausbruch, wenn es schief ging – heute ein einzigartiges Erlebnis. Wie sich doch die Zeiten ändern. Heute ist im Zusammenhang mit der Analogfotografie zudem immer wieder die Rede von Entschleunigung der Fotografie. Diese hat sicherlich damit zu tun, dass man stärker als in der Digitalfotografie auf seine Motive fokussiert ist. Die Begeisterung für die Begrenzung auf 36 Aufnahmen – mehr Bilder sind ohne Filmwechsel nicht möglich, bestenfalls lassen sich noch maximal zwei Bilder mehr herausholen, wenn der Film bestmöglich in die Kamera eingelegt wurde – ist durchweg groß. Wie hier doch die Welten auseinandergehen – in der Digitalfotografie immer größere Speicherkarten, die immer mehr Bilddaten speichern können und auf der anderen Seite der Film, der maximal 36 Aufnahmen zulässt. Diese Reduzierung der möglichen Klicks führt, so ist immer wieder zu hören, zu einem bewussteren Fotografieren. Dies bedingt sich intensiver vor dem Auslösen der Kamera mit seinem Motiv und der Bildgestaltung auseinanderzusetzen. Die Bildqualität ist sicherlich nicht der Motivationsgrund auf die Analogtechnik zurückzugreifen – hier hat die Digitalfotografie ganz klar die Nase vorne. Ausschlaggebend wird hingegen sicherlich der besondere Look sein und, dass es nicht immer rein von der Qualität her betrachtet das perfekte Bild sein muss. Möglicherweise auch ein Ergebnis dessen, dass heute das Streben nach Perfektion in unserer Hochglanzgesellschaft weit verbreitet ist. Die Analogfotografie, und das ist sicherlich eine ihrer großen Stärken, macht wieder neugierig auf Bilder, weil diese erst nach dem Prozess der Entwicklung verfügbar sind – es gibt übrigens Foto-Apps die dies simulieren und erst nach einem zuvor eingegebenen Zeitintervall die Bilder anzeigen. Es ist schon interessant, wie zwei so gegensätzliche Welten (Analog/Digital) gemeinsame Features nutzen. Und woher wissen Anwender heute, die mit der Analogfotografie nicht groß geworden sind, welche Filme sie kaufen sollen. Hier sind es wiederum auch Foto-Apps die für sie werben. Interessant ist immer wieder zu beobachten, wie gelernte Automatismen aus der Digitalfotografie erst nach ein paar Aufnahmen mit der Analogkamera abgelegt werden. So gehört es zum festen Ritual nach der Betätigung des Auslöseknopfes auf dem Display nachzuschauen, ob die Aufnahme was geworden ist. Bei einer Analogkamera schaut man hier vergebens – aber das hat man schnell verinnerlicht.

Erstaunt hat uns die Nachfrage bei Herstellern von Vergrößerungsgeräten, die uns bescheinigten, dass der kreative Prozess des Bildermachens bis in die eigene Dunkelkammer reicht. Vergrößerungsgeräte für das eigene Heimlabor erleben derzeit eine verstärkte Nachfrage – vor wenigen Jahren bekam man diese Geräte noch über Verkaufsportale hinterhergeschmissen. Übrigens gehen die Preise für gute gebrauchte Analogkameras über diese Portale auch sukzessive nach oben – ein weiteres Indiz für eine wachsende Nachfrage. Und schaut man sich die Neupublikationen an, so steigt die Anzahl an Fotobüchern, die die Analogfotografie thematisieren.

Aufgegriffen 05 / 2017

1 Kommentare

Ob es ein Trend genannt werden kann oder eine wiederentdeckte Variante der Fotografie ist eigentlich nicht wichtig. Wichtig ist, daß es mit der Analogfotografie (wieder) eine Ausdrucksmöglichkeit in der Fotografie gibt, die über viele Jahre den Stil der Bilder beeinflußt hat, nun wieder als Auswahlmöglichkeit wahrgenommen wird und nicht nur als die "veraltete" Technik der Bildentstehung. Ich gebe u.a. persönliche Fototrainings und plane gerade ein Programm mit analoger Fotografie und der Entwicklung von Filmen und Bildern im eigenen S/W-Labor. Wer sich insbesondere im Raum Bonn/Köln dafür interessiert, kann sich gerne bei mir melden.Viele Grüße Rainer Freynhagen

Rainer  Freynhagen

von Rainer Freynhagen
14. Juni 2017, 07:32:30 Uhr

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