Facebook: Massengrab der „internetten“ Daten

© Fotograf: Claus-D. Jauernig, Ruhe, Blende-Fotowettbewerb
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Mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung, um genau zu sein 1,76 Milliarden Menschen besitzen derzeit ein registriertes Nutzerkonto bei Facebook. Die Zahl ist schon fast unglaublich. Ohne Zwang und vollkommen freiwillig offenbaren die Nutzer ganz persönliche Informationen: Festtage wie Geburt und Hochzeit, Grüße aus dem Urlaub, Freundschaftsanfragen, kulinarische Entdeckungen, multimediale Präferenzen aber auch Statements zur politischen oder sozialen Situation.

Wenn aber schon das gesamte Leben – praktisch von der Wiege bis zur Bahre – für Dritte dokumentiert und im sozialen Netzwerk präsentiert wird, ist die Frage sicherlich legitim, was mit den Accounts derer geschieht, die nicht mehr unter den Lebenden weilen. Schätzungen zufolge sind bereits über 30 Millionen Identitäten auf dem virtuellen Datenfriedhof versammelt und täglich werden es mehr. Der Studie „Death and Social Media Implications for the Young and Will-Less“ von Alexandra Elliott zufolge versterben 8.000 Facebook Nutzer pro Tag. Beileidsbekundungen und „R.I.P.“-Grüße sind längst keine Besonderheit mehr auf den Pinnwänden der User.

Wer aber hat die Rechte an der digitalen Identität und was passiert mit dem Konto eines verstorbenen Nutzers? Facebook liefert hier zwei Möglichkeiten: Zum einen kann von den Hinterbliebenen der Antrag auf Löschung des Accounts gestellt werden. Weiterhin kann die „Herstellung des Gedenkzustands“ beantragt werden. Facebook bietet zudem die „Memoralisierungsfunktion“ seit 2007 an. Das Profil der betreffenden Person ist dadurch gekennzeichnet, dass neben dem Namen „In Erinnerung an“ steht. Konto samt Pinnwand sind weiterhin aktiv und können als Art interaktiver Grabstein von anderen Usern genutzt werden, um Gedanken und Beileidsbekundungen zu hinterlassen.

© Fotograf: Joe Aichner, Cheerless, Blende-Fotowettbewerb
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Wird von Familienangehörigen die „Herstellung des Gedenkzustands“ angestrebt, so gilt es zunächst, Facebook über das Todesdatum zu informieren. Der Passus „Wenn dir das genaue Datum nicht bekannt ist, dann schätze es bitte“ spricht nicht gerade für die behördliche Authentizität, mit der Facebook in dieser Sache aktiv wird. Auch ist die Bestimmung eines Nachlasskontakts ebenso bürokratisch geregelt wie der Umgang von Facebook mit dem eigenen Ableben. Jeder eingereichte Fall wird einzeln vom Community Operations-Team geprüft. Problematisch ist jedoch, dass nach aktuellem Recht die Identitäten und Daten der Verstorbenen nicht eigentumsfähig sind und somit auch nicht vererbt werden können. Wem gehören also die Eintragungen, Bilder und Kommentare?

Nur durch das Löschen eines Kontos verschwindet die digitale Identität und der Verstorbene wird nicht zur virtuellen Karteileiche. Unterbleibt dies aber, kommen ethische Fragen auf, die sich darum drehen, ob der Verstorbene überhaupt damit einverstanden gewesen wäre, dass sein Konto in den Gedenkzustand versetzt wird oder der Nachlasskontakt das Konto im Sinne des Verstorbenen weiter betreibt.

In sozialen Netzwerken ist der Tod keinesfalls eine persönliche und private Sache, sondern verkommt förmlich zu einem öffentlichen Event, dass man der systemeigenen Logik zufolge teilen und kommentieren kann. Zu Lebzeiten, so unsere Einstellung, sollte man sich Gedanken darüber machen, was im Fall unseres Todes damit passieren soll und dies entsprechend Personen unseres Vertrauens mitteilen.

Aufgegriffen 08 / 2016

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