Fotografieren … Du sollst, Du musst

Wenn wir etwas müssen, dann nur eins …

© Fotograf: Axel Böttger, Applaus, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Axel Böttger, Applaus, Blende-Fotowettbewerb
Man soll, man muss so viel im Leben – man soll und/oder muss es auf eine bestimmte Art machen, aber bestimmt nicht so, wie man es gemacht hat. Ist man fotografischer Einsteiger und zeigt anderen seine Bilder oder geht auf Fotoportale, weil man einfach mal reinschnuppern will, dann wird man vielfach nicht nur den Eindruck los, grenzenlos unterbemittelt zu sein, sondern dann soll man und muss man nur noch. Gesteigert wird das Ganze noch, wenn dann so Sätze aufkommen: „Du fotografierst in JPEG“ oder beispielsweise „Du kaufst Dir Kameras, ohne zu wissen, wie Du sie benutzen kannst“ – Oh, welche Vorwürfe stecken dahinter. Oder sind wir zu sensibel? Wir empfinden es als wenig aufbauend, da es uns suggeriert, dass es mit der eigenen Fotografie möglicherweise nie etwas wird, wenn wir dem „muss“ und „soll“ nicht folgen und dann auch noch im JPEG fotografieren ohne zu wissen, wie wir unsere Kamera benutzen können.

© Fotograf: Lucas Fontaine, Jumpin' water, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Lucas Fontaine, Jumpin’ water, Blende-Fotowettbewerb
Wie findet man den Weg zur Fotografie? Da ist die Faszination und Freude für Bilder, die man haben will und da ist der Spaß am Fotografieren als solches. Früher oder später zeigt man seine Aufnahmen anderen und irgendwann kommen auch Fragen auf, weil man irgendetwas nicht weiß. Man fragt Freunde, geht auf Fotoportale und/oder Blogs und dann wird man ganz schnell feststellen, dass bei den Beiträgen, insbesondere für Fotoanfänger, verstärkt die Wortkombinationen „Du sollst“ und „Du musst“ unglaublich oft verwendet werden. Eigentlich gibt es doch kaum etwas Schöneres, als sich spielerisch ein solches Thema wie die Fotografie zu erschließen. Das ganze wird aber womöglich zwanghaft, wenn man etwas „soll“ oder gar „muss“. Und dann kann man schnell die Lust verlieren. Was aber wird mit dem „soll“ und „muss“ forciert? Etwa, dass ein Anfänger möglichst alle bestehenden Regeln und Gesetzmäßigkeiten beachtet und/oder dass sie/er nicht auf die Idee kommen, auf neuen Wegen zu wandeln? Schlagworte wie „typische Anfängerfehler“ sind merklich oft zu lesen, unisono folgt auch meist ein „soll“ und „muss“ bezüglich der Ratschläge, wie es richtig geht.

© Fotograf: Erich Johanns, Wattwandern, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Erich Johanns, Wattwandern, Blende-Fotowettbewerb
Also mal ganz ehrlich: Wenn man etwas muss, dann mit Sicherheit irgendwann einmal sterben. Alles andere obliegt zum Glück dem freien Willen und der eigenen Entscheidungskraft. Wer fotografisches Wissen erlangen und/oder seine Kenntnisse erweitern möchte, für den ist es sinnvoll, sich in Situationen zu begeben, in denen man sich ausprobieren kann. Die Basisfunktionen der eigenen Kamera erschließen sich einem meist von selbst und alle anderen Features lernt man vielfach durch erproben und experimentieren kennen oder einen schnellen Blick ins Handbuch. Empirisches Wissen, also Kenntnisse, die auf gemachten Erfahrungen basieren, erlangt man nur durch das Ausprobieren, nicht durch das Kopieren von Dritten und nicht durch „muss“ oder „soll“.

Vieles passiert in der Fotografie gerade am Anfang intuitiv – Falsch kann man hier gar nichts machen, denn jedes Bild bringt neue Erfahrungen mit sich. Vielleicht ist die Blende zu weit offen gewesen oder das Motiv ist verwackelt. Eventuell war der Bildausschnitt zu klein oder der Standpunkt nicht geeignet. In der späteren Betrachtung der Aufnahmen wird man schnell ein Auge dafür entwickeln, wie sich die Bilder optimieren lassen. Dazu bedarf es nicht „Du musst“.

© Fotograf: Nelly Sparrer, ...ein Buch zu lesen., Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Nelly Sparrer, …ein Buch zu lesen., Blende-Fotowettbewerb
Inspiration ist ein wichtiger Impulsgeber beim eigenen fotografischen Reifungsprozess. Vorbilder lassen einen ein Gespür für spannende Bildsituationen und interessante Motive entwickeln. Beim Gang durch Galerien oder Museen, beim Blättern von Fachzeitschriften oder Bildbänden, beim Durchstöbern von fotostarken sozialen Netzwerken und überall dort, wo man mit Bildern konfrontiert wird, wird der fotografische Blick geschult – das ist das Fundament für die eigene Bildsprache ohne „muss“ oder „soll“.

Die Technik ist dabei erst einmal ebenso sekundär wie das theoretische Wissen um den Zusammenhang zwischen Belichtungszeit, Blende und ISO-Empfindlichkeit. Für fotografische Einsteiger – aber nicht nur für diese – ist es optimal, die Automatikfunktion an ihrer Seite zu wissen. Durch sie kann man sich voll und ganz auf Motive konzentrieren. Die Vorurteile gegen die Automatikfunktionen sind groß – das ist gerade bei Aufnahmegeräten der jüngeren Generation unberechtigt, sind sie doch richtig gut und ein wertvoller Wegbegleiter. Irgendwann – möglicherweise eventuell auch nie – verlässt man die Automatik, wird man experimentierfreudig und erweitert seine Kenntnisse. In der nächsten Situation, die ähnlich ist, wird man seine Aufnahme vielleicht dann direkt mit den manuellen Kameraeinstellungen machen. Womöglich gelangt man ab einem gewissen Zeitpunkt zur Überzeugung, dass der jetzigen Kamera verschiedene manuelle Einstellmöglichkeiten fehlen und man denkt über die Anschaffung einer neuen Kamera mit weitreichenderen Funktionen nach. Auch das ist Teil der eigenen Entwicklung und gründet in dem Streben nach Perfektion, das jedem Kreativen innewohnt.

Abschließend möchten wir allen Fotobegeistertenden einen kleinen Mutmacher mit auf den Weg geben: „Ich möchte nicht auf betonierten Wegen gehen, sondern auf den Wegen, die nicht ausgetretenen sind, weil dort noch Blumen wachsen!“

Aufgegriffen 04 / 2016

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3 Kommentare

Wie WAHR doch diese Reflexion auf die Fotografie! Ich habe mich noch nie diesen Zwängen unterworfen. Fotografiere immer noch, zumindest meistens in JPG. Bin auch fest davon überzeugt, damit Erfolg zu haben. Wie man an meinem letzten Erfolg sehen kann: Goldmedaille beim Trierenberger Super Circuit. In der Katergorie: Digitale Images General. Wobei mir durchaus bewusst ist, das Raw wichtig und seine Berechtigung hat. Aber, wenn man Fehler von vorne herein vermeiden kann, ist Raw nicht mehr existenziell wichtig. Gruß Lutz Klapp

von Lutz Klapp
05. Mai 2016, 13:54:01 Uhr

wie wahr ... sollen und müssen kann zur Spaßbremse werden

von Timo
21. April 2016, 15:56:06 Uhr

Super und wie wahr!!!!

von Thea
15. April 2016, 12:07:41 Uhr

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