Fotografieren Frauen anders als Männer

Gibt es das weibliche Auge?

© Fotograf: Claus-D. Jauernig, fotoshooting, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Claus-D. Jauernig, fotoshooting, Blende-Fotowettbewerb
Seit diesem Jahr gibt es eine Fotofachzeitschrift, die sich speziell an fotografierende Frauen wendet – Männer dürfen diese Zeitschrift natürlich auch lesen -, da gibt es ein Fotoportal nur für Frauen und wie jetzt sicherlich nicht anders erwartet, gibt es auch Fotolehrbücher speziell für Frauen. Immer wieder von neuem entfacht die Diskussion, ob Frauen anders fotografieren als Männer und ob sie anders an das Thema Fotografie herangeführt werden müssen. Initiatoren dieser Diskussion sind übrigens Frauen wie Männer gleichermaßen. Insgeheim verstehen wir diese Diskussionen nicht wirklich und nun machen wir sie auch noch zu unserem Thema. Das mag für manchen schizophren anmuten, ist es eventuell auch. Aber manchmal ist es so, wenn man mit möglichen „Vorurteilen“ aufräumen möchte. Und genau das haben wir uns zur Aufgabe gemacht, denn wir sind keine Freunde des Schubladendenkens. Weder Frauen noch Männer haben dieses verdient und die Fotografie schon gar nicht.

Einen generellen geschlechterspezifischen Unterschied zwischen Frauen und Männern können wir zumindest nicht ausmachen – sehen Sie es anders? Wenn es einen Unterschied gibt, dann ist es jener, der unserer Individualität zugrunde liegt, mal mit mehr männlichen und dann wieder mit mehr weiblichen Ausprägungen, unabhängig vom Geschlecht. Je intensiver jeder einzelne von uns generationsübergreifend und geschlechtsunabhängig in die Fotografie eintaucht, desto mehr reift eine ihm eigene Bildsprache, die ihn unverwechselbar macht. Das betrifft Frauen und Männer gleichermaßen und das ist doch auch das anvisierte Ziel eines jeden leidenschaftlichen Fotografen. Wir stellen hier übrigens die These auf, dass der Wunsch nach einer eigenen Bildsprache noch nie so stark ausgeprägt war wie aktuell. Einer der Gründe dafür könnte in der Bilderflut begründet liegen und sich hier, mit seiner unverwechselbaren Bildsprache von der Masse abheben zu wollen.

© Fotograf: Niklas Kusche, Taking pictures, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Niklas Kusche, Taking pictures, Blende-Fotowettbewerb
Zurück zu unserem Thema und der nicht enden wollenden Diskussion. Das diese heute überhaupt geführt wird, ist der Tatsache geschuldet, dass die Fotografie mit ihrer Digitalisierung heute keine ausschließliche Domäne der Männer mehr ist. Allein schon deshalb ist der Digitalisierung der Fotografie zu danken. Zu Zeiten der Analogfotografie sah die Fotowelt mit ihren Akteuren anders aus. Da fotografierte vornehmlich das Familienoberhaupt und wenn dieses einmal mit aufs Bild wollte, dann bekam die Gattin die Kamera in die Hand gedrückt. Diese Zeiten sind Gott sei Dank vorbei – es mussten jedoch einige Jahre dafür ins Land streichen. Frauen sehen heute ihre Berufung nicht mehr nur darin, sich um die Fotoalben – heute Fotobücher – kümmern zu dürfen/müssen. Frauen, gleich welchen Alters, sind zu aktiven Bildermachern avanciert und hier haben sie nicht nur ihren Nachwuchs im Fokus sondern jedes Fotosujet. Interessant ist übrigens, dass Frauen in jüngeren Jahren als Männer die Fotografie für sich entdecken. Eventuell hängt dies auch mit ihrer stärkeren Kommunikationsfreude zusammen – und schon wären wir wieder beim Schubladendenken.

Es kursieren diverse Thesen in Bezug auf fotografierende Frauen. Eine ist beispielsweise, dass Frauen lieber mit Können überzeugen als mit protziger Technik – diese sei ihnen sogar mitunter peinlich. Nun, wollen nicht auch Männer mit fotografischem Können überzeugen? Wir haben zudem noch keine Frau kennengelernt, der ihre Fotoausrüstung peinlich war. Was wir bei unseren aktuellen Beobachtungen feststellen ist, dass heute immer mehr Frauen mit kompakten System- und Spiegelreflexkameras ausgestattet sind. Die Zeiten, in denen das weibliche Geschlecht vorwiegend mit kleinen Digitalknipsen unterwegs ist, gehören schlichtweg nahezu der Vergangenheit an. Das finden wir richtig klasse, ist es doch für uns ein Indiz, dass Frauen der Fotografie immer intensiver nachgehen und das kreative fotografische Spiel für sich beanspruchen. Bezogen auf die jüngere weibliche Generation – zur älteren liegt uns kein Stimmungsbild vor – stellen wir übrigens ein ausgeprägtes Markenbewusstsein fest und dass es für sie von elementarer Bedeutung ist, mit welcher Kamera man fotografiert. Hier herrscht gern die Meinung vor, dass überzeugende Aufnahmen nur mit kompakten System- sowie Spiegelreflexkameras gelingen und mit kleinen Kompaktkameras aber auch mit Smartphones nur geknipst wird.

© Fotograf: Wolfgang Fried, Motivsuche, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Wolfgang Fried, Motivsuche, Blende-Fotowettbewerb
Eine weitere, häufig anzutreffende These ist, dass Frauen sich nicht für Fototechnik interessieren. Also wir glauben, dass dies keine Frage des Geschlechts ist. Es gibt Menschen, die begeistern sich mehr für Technik und die anderen wenden sie an, ohne über technische Hintergrundinformationen zu verfügen. Frauen, so die weit verbreitete Meinung, fotografieren intuitiv, also aus dem Bauch heraus. Hier stellen wir uns die Frage, ob die Fotografie nicht sowieso oftmals ein sehr intuitiver Prozess ist und zwar für Frauen wie Männer gleichermaßen?

Im Hinblick auf diese Diskussion versuchten wir die Bildeinsendungen zu unserem Fotowettbewerb „Blende 2015“ Frauen oder Männern zuzuordnen. Dieser Versuch scheiterte nicht nur kläglich sondern bestätigte nur unsere These, dass der einzige Grund für Unterschiede in der jeweiligen Individualität der Fotografen begründet liegt und somit komplett unabhängig vom Geschlecht ist. In vielen Fällen lagen wir mit den Annahmen schlichtweg falsch.

Aufgegriffen 12 / 2015

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4 Kommentare

Wie schön, das Frauen! mit Kopftüchern jetzt für Frauen stehn. Ist das Ihre Form von Sexismus?

von Frau
18. Dezember 2015, 14:01:35 Uhr

In meinem Umkreis gibt es auch unglaublich viele Frauen, die fotografieren - die meisten sind auch tatsächlich mit einer Spiegelreflexkamera unterwegs und achten auf die Marke. Doch stelle ich auch immer wieder fest, dass viele (das betrifft die Männer allerdings genauso wie die Frauen), nur mit Spiegelreflexkameras unterwegs sind, weil es cool ist und sie sich bessere Bilder erhoffen, allerdings letzten Endes doch nur im Automatikmodus "knipsen", weil sie schlichtweg nicht vertraut mit den Funktionen und der Technik sind und ihnen auch fotografisches Grundwissen fehlt. Die meisten haben keine Ahnung was ein Weißabgleich ist oder wie sich das Spiel zwischen Blende und Verschlusszeit gestaltet. Da muss ich persönlich ja immer etwas schmunzeln.

von Mel
18. Dezember 2015, 09:04:38 Uhr

Da kann ich nur zustimmen. Es kommt immer auf das Auge für den Moment oder das Motiv an. Entweder man hat den Blick dafür oder nicht.

von D. Schöder
18. Dezember 2015, 08:46:16 Uhr

Gelungener Beitrag, mache auch immer öfter die Erfahrungen, dass Frauen mit richtig tollen Kameras unterwegs sind. Auch der Punkt, dass der Nachwuchs Markenbewusst ist, stimmt. Sehe ich an meiner Tochter.

von siggi
17. Dezember 2015, 13:19:41 Uhr

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