Früher Schwarzweiß - heute bunt, weil nachkoloriert

© Fotograf: Manfred Kramer, Photoglobus
© Fotograf: Manfred Kramer, Photoglobus
Man mag es aus heutiger Sicht kaum glauben, aber die Fotowelt war noch nicht immer farbig. Wer beispielsweise in Familienalben sehr vergangener Zeiten stöbert, der wird ausschließlich Aufnahmen in Schwarzweiß dort entdecken. Nun das verwundert nicht, denn die Farbe hat erst später Einzug in die Fotografie erhalten. Möglicherweise entdeckt man aus dieser Zeit vereinzelt Aufnahmen in Farbe – diese wurden seinerzeit nachkoloriert. Wie nun zu lesen ist, hauchen aktuell Spezialisten alten Aufnahmen Farbe ein. Nicht willkürlich, wie sie argumentieren, sondern nach historischer Recherche und Referenzen für die damalige Farbwelt. Wir fragen uns, ob das legitim ist, da man doch Zeitdokumente und damit die Vergangenheit dadurch verfälscht.

Zunächst liegt es für uns nicht auf der Hand, worin die Notwendigkeit besteht, Schwarzweißaufnahmen heute digital zu kolorieren. Antriebsfeder, so ist zu lesen, seien unteranderem Buchverlage, die bei Veröffentlichung neuer Bildbände nach farbigem Bildmaterial verlangen. Mit der digitalen Kolorierung wolle man näher an die damalige Welt heranrücken und sie greifbarer in die Jetztzeit übertragen. Argumentation der Befürworter ist zudem, dass auch schon früher Schwarzweißaufnahmen koloriert worden seien und es dementsprechend keinen Unterschied mache, dies heute auch zu tun.

© Fotograf: Rainer Schmidt, Photoglobus
© Fotograf: Rainer Schmidt, Photoglobus
Archivare und Fotohistoriker bewerten es kritisch, historische Schwarzweißaufnahmen heute zu kolorieren. Sie sehen darin eine Verfälschung der Geschichte und eine vorsätzliche Entstellung sowie Verletzung der ursprünglichen Aufnahmen. Die Aufgabe der Archivare/Fotohistoriker bestehe darin, historische Dokumente in ihrer ursprünglichen Überlieferung zu bewahren und für zukünftige Generationen zu erhalten.

Die Spezialisten, die heute digital Schwarzweißaufnahmen die Farbe einhauchen, sehen es natürlich anders als die Archivare und Fotohistoriker. Die Kolorierung erfolge nach tiefgreifender Recherche und Analyse. So würden die Grautöne Rückschlüsse auf die möglichen Farben geben. Standardisieren ließe sich das jedoch nicht. Man komme jedoch der realen Farbe sehr nahe durch Kontext-Hinweise und historisches Wissen. Ein gewisses Maß an künstlerischer Freiheit gebe es ebenso wie einen Spielraum für Ungenauigkeiten. In ihrem Handeln motiviert werden die Kolorierer durch die positiven Reaktionen derer, die sich die bearbeiteten Aufnahmen anschauen. Die Betrachtung sei eine andere mit der Schlussfolgerung, Ereignisse und Persönlichkeiten relevanter einzuschätzen.

Wir schließen uns in unserer Ansicht/Meinung den Archivaren und Fotohistorikern an. Es ist legitim, in der Jetztzeit die gemachten Fotografien zu bearbeiten. Damit Aufnahmen sich den Status als Zeitdokument erhalten, sollte eine Bearbeitung nach einer gewissen Zeitspanne von wenigen Jahren, nicht mehr erfolgen. Natürlich kann jeder mit seinen Fotos machen was er will – aber bitte nie am Original, sondern immer nur an der Kopie.

Aufgegriffen 07 / 2016

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