Das Selfie ist keine neue Erfindung und wird zur Kunst

Bildgalerie betrachten Ebenfalls mit Pinseln malte sich Rembrandt 1660

Selfies sind das Werkzeug der Stars und Sternchen. Mit der Verbreitung der sozialen Medien haben Selfies inzwischen Kultstatus erreicht und inzwischen machen Museen den Versuch, es zur hohen Kunst zu erheben – die Rede ist von Selfiekunst. Selfies sind übrigens keine neue Erfindungen, nur der Name ist neu.

Selfie, das wird heute immer wieder gern mit einem schnelllebigen Medium assoziiert, das Internet transportiert diese Bilder, es macht sie überall verfügbar. Das Selfie ist ein Selbstdarstellungswerkzeug, das praktisch jeder nutzen kann. Man muss kein Detektiv sein, um ein Selfie erkennen zu können. Wenn der Abgebildete ganz offensichtlich einen Arm ausstreckt, dann hatte er da wahrscheinlich ein Smartphone oder eine handliche Kamera, wahlweise noch einen Selfiestick als technisches Hilfsmittel. Das Wort Selfie ist eine Erfindung des 21. Jahrhunderts, das Selbstbildnis aber, das ist alt. Und die Kim Kardashians dieser Welt haben berühmte Vorbilder.

Selfies haben schon vereinzelt den Weg ins Museum gefunden, aber jetzt hat die Londoner Saatchi Gallery das Selbstbildnis des modernen Menschen in einen historischen Zusammenhang gestellt (Ausstellung bis zum 31. Mai 2017). Und siehe da: Selfies gab es schon immer. Rembrandt van Rijk hat sich gerne mal selbst gemalt, Vincent van Gogh hat der Welt Selbstbildnisse hinterlassen – im Prinzip hat jeder berühmte Maler schon einmal den Pinsel geschwungen, um sich selbst zu verewigen. Und auch der Fotograf Helmut Newton steht da nicht hinten an. Er hat sich im Spiegel selbst fotografiert und somit selbst abgelichtet und zwar mit einer nackten Frau im Vordergrund.

Die Saatchi Gallery in London stellt jetzt also klar, dass das Selfie keine neumodische Erfindung ist. Und trotzdem hat die Galerie die Kunst in der Jetzt-Zeit angesiedelt. So durften Kunstinteressierte vorab Selfies einreichen, die anschließend bewertet wurden. Gewonnen haben dabei – man ahnt es – künstlerisch anspruchsvolle Selbstporträts, keine Schnappschüsse vor irgend einer Sehenswürdigkeit, wie es sie en masse gibt. Und weil die Ausstellung vom „modernen“ Selfie ausgeht, sind auch die Werke großer Meister nicht wirklich in London vertreten, dafür aber ihre Projektionen. Wer will, kann mit einer App Likes vergeben, so wie im richtigen Leben. Wer Rembrandt im Original sehen möchte, muss ins Kenwood House in Hampstead gehen, immerhin auch in London. Und Vincent van Goghs berühmtes Selbstporträt hängt standesgemäß im van Gogh Museum in Amsterdam.

Das Selfies durchaus zur Kunst erhoben werden können, das visualisiert die Ausstellung eindrucksvoll. Sie inspiriert zugleich sich intensiver mit der Selbstdarstellung vor der Linse auseinanderzusetzen, denn damit ist garantiert, mit seinem Selfie aus der Masse herauszustechen. Selfie bedeutet sich immer an der Grenze zum Narzissmus zu bewegen. Denn wer sich ausgiebig selbst in den Mittelpunkt rückt, sieht sich entweder dort oder will anderen zeigen, dass er dort ist oder hingehört. Die alten Meister kann man nicht mehr fragen, aber auch sie scheinen mitunter einen ausgedehnten Hang gehabt zu haben, sich selbst in Szene zu setzen, zumindest die beiden Beispiele Rembrandt und van Gogh. Ein Selfie bietet für den Ersteller den Vorteil, sich so in Szene setzen zu können, wie es seinem Idealbild entspricht. Die wenigsten Selfies entstehen heute sicherlich spontan und an Bildbearbeitung wird, um aufzufallen, nicht gespart.

Aufgegriffen 04 / 2017

1 Kommentare

Ein sehr interessanter Artikel. Selfies werden ja nie mehr angeschaut nachdem sie geschossen wurden. Höchsten an Freunde und/oder Verwandte geschickt um dann im Speicher ein ungesehenes Dasein zu fristen oder um unwiederbringlich gelöscht zu werden. Seit einiger Zeit fotografiere ich Menschen, die sich selbst fotografieren und dabei allerlei Verrenkungen machen und Anstrengungen unternehmen. Mittlerweile habe ich eine stattliche Auswahl zusammen und plane gerade eine 'Spied-Selfie-Exhibition'- Ausstellung.

ArminHabermann

von ArminHabermann
13. Mai 2017, 15:50:44 Uhr

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