Sind Fotobegeisterte konservativ und Innovationen erst zeitverzögert aufgeschlossen?

© Fotograf: Nico Sonnabend, Abflug ..., Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Nico Sonnabend, Abflug …, Blende-Fotowettbewerb
Kürzlich hatten wir über 4K und die sich draus ergebenen genialen Optionen, nicht nur für Videobegeisterte, sondern auch für Fotografen geschwärmt. Nicht alle sehen dies so wie wir – nun, das wird unsere Begeisterung nicht mindern und wir sind uns jetzt schon sicher, dass sich immer mehr Fotobegeisterte unserer Euphorie anschließen werden. Natürlich fragen wir uns, warum viele Fotografen diesem neuen Feature so skeptisch gegenüberstehen, wo es doch einen klaren Mehrwert bietet. Wer den Auslöser betätigt, dem geht es doch darum, den Moment der Momente mit dem Aufnahmegerät einzufangen. Bei aller Schnelligkeit der Aufnahmegeräte und des eignen Ichs waren einem, bis 4K taugliche Aufnahmesystem auf den Markt kamen, klare Grenzen gesetzt. Logische Konsequenz – der Moment war vorüber und man durfte warten, bis er sich möglicherweise wieder einstellte.

Warum also stehen gerade ambitionierte Fotobegeisterte technischen Innovationen wie 4K oftmals zunächst so skeptisch gegenüber. Diese Frage treibt uns rum, denn auch vor 4K gab es zurückliegend immer wieder Vorbehalte gegenüber technischen Neuerungen, und das obwohl diese in unseren Augen einen deutlichen Mehrwert mit sich brachten. Wenn man es ganz oberflächlich angeht könnte man annehmen, dass Fotografen konservativ sind, die das Gewohnte bevorzugen. Dies ist uns jedoch zu einfach und an diesen gedanklichen Ansatz glauben wir auch nicht, steht dem gegenüber die Neugierde der Fotobegeisterten für Motive und ihre Freude/Begeisterung am fotografischen Experimentieren. Das passt irgendwie für uns nicht zusammen. Wir vermuten, dass die Ursache wo anders liegt – keine Angst, wir haben kein Studium der Psychologie auf die Schnelle belegt.

Zählt man sich zu den ambitionierten Fotobegeisterten dann weiß man, das hinter vielen Aufnahmen nicht nur fotografisches Können steckt, sondern auch eine große Zeit an Entbehrungen bei der Jagd nach den Motiven. Nehmen wir hier als exemplarisches Beispiel den visuell festgehaltenen Start einer Ente aus dem Wasser. So eine Fotografie vermittelt die Beobachtungsgabe des Fotografens und sie ist zugleich Sinnbild für seine grenzenlose Geduld, die er als Fotograf für solche Aufnahmen aufbringen muss. Ist einem eine solche Aufnahme gelungen, dann ist einem logischerweise die Anerkennung von allen Seiten sicher. Man ist schlichtweg zu Recht stolz und die positive Resonanz ist Motivation pur.

Mit 4K, um bei unserem technischen Beispiel zu bleiben, verlieren solche Aufnahmen, wie unsere startende Ente, den Status des sogenannten Sonntagschusses. 4K lässt einen bekanntlich keinen Moment mehr verpassen und somit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass immer mehr Fotobegeisterte solche entscheidenden Augenblicke eingefangen. In der Konsequenz bedeutet dies, dass der ehemalige Sonntagsschuss seinen Status als solchen verliert und damit möglicherweise auch die Anerkennung. Das man darüber als Fotofan nicht begeistert ist und demendsprechend Neuerungen wie 4K erst einmal skeptisch gegenübersteht liegt menschlicher Weise irgendwo auf der Hand. Die Konkurrenz derer steigt, denen solche Aufnahmen in Zukunft auch gelingen werden. Was das bedeutet weiß jeder, denn auf einmal ist die startende Ente ein Allerweltmotiv mit dem man sich nicht mehr abheben kann. Man sollte es jedoch nicht so negativ sehen, denn die Technik ist – wenn überhaupt – nur die halbe Miete. Auch mit 4K braucht man Beobachtungsgabe, das Gespür für Motive und beispielsweise in der Tierfotografie auch weiterhin eine ganz große Portion Geduld. Mit 4K wird schlichtweg die Wahrscheinlichkeit erhöht, den entscheidenden Augenblick eingefangen zu haben.

Aufgegriffen 06 / 2016

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1 Kommentare

Guter Artikel, die psychologische Erklärung sitzt. Als ich vor 3 Jahren eine Fotoexkursion für den bekennenden Analogfotografen Norbert Rosing durchführte, gab's die Situation, dass ihn ein im Schilf liegendes Ruderboot störte. Ich sagte: "Retourchier's doch hinterher weg." Da reagierte er sichtlich ungehalten - unter seiner Würde. Das ist das Gleiche wie mit der Extraktion von JPGs aus 4K-Filmen: Die heutigen technischen Möglichkeiten lassen Amateure in ernstzunehmende Konkurrenz zu altgedienten Profis treten, was diese natürlich ohne Ende frustet!

von Karl Goldhamer
02. Juli 2016, 17:07:51 Uhr

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