Wenn der Algorithmus die Vorauswahl trifft - Wirklich die besten Bilder?

Flickr, das ist wohl eine der größten, wenn nicht die größte Foto-Website, die es derzeit gibt. Und es ist alles dort versammelt: Gute Fotos, schlechte Fotos, kuriose Fotos und seltene Fotos, Archivwerke und Bilder der Zeitgeschichte. Mehr als 500 Bilder werden jede Minute zu Flickr hochgeladen, so das Unternehmen. Da bietet es sich doch an, auch mal nach den besten Bildern zu suchen. Das hat Flickr getan, wie auch schon in den vergangenen Jahren. Ein Sieger wurde nicht gekürt, aber die 25 besten Bilder gesucht, gefunden und im Blog veröffentlicht. Das Ergebnis allerdings ist ernüchternd.

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Natürlich kann man einfach mal sagen, die Bilder, die Flickr ausgesucht hat, sind nicht so der Brüller. Aber irgendwie funktioniert das doch nur mit einem entsprechenden Vergleich, einem Fotowettbewerb. So hat „Blende“ beispielsweise statt ein paar Millionen Fotos etwa 80.000 die jährlich eingereicht werden. Das heißt aber nicht, dass die geringere Zahl auch zu einer geringeren Qualität führt. Denn Masse war für Qualität noch nie ausschlaggebend. Während Fotografen für den „Blende“-Wettbewerb sich dem kreativen fotografischen Spiel zu den jährlich ausgeschriebenen thematischen Vorgaben hingeben und ihre Wettbewerbsbeiträge dann zur regionalen Vorausscheidung bei ihrer Tageszeitung einreichen, kann bei Flickr jeder ein Terrabyte Speicherplatz in Anspruch nehmen und endlos Bilder hochladen. Wer ab und zu mal auf die Website schaut weiß außerdem, dass manches ohne Sinn und Verstand hochgeladen wird. Und nun wurden die besten Bilder bestimmt und das Ergebnis ist nicht so prickelnd. Wieso?

Wie genau die Bilder ausgesucht werden, sagt Flickr nicht. Nur so viel: Ein Algorithmus hat eine Vorauswahl getroffen, eine Jury hat nochmal nachgearbeitet. Und da liegt der große Unterschied zum „Blende“-Fotowettbewerb. Denn dort sind bei allen Entscheidungen ausschließlich Menschen beteiligt. Wie genau die Computer die Datenbank bei der Yahoo-Tochter Flickr durchsucht haben, weiß man natürlich nicht. Aber man kann vermuten, dass die Zahl der Likes oder Kommentare unter jedem Bild eine erhebliche Rolle gespielt haben. Aber was bekommt Likes? Künstlerisch wertvolle Bilder nur von denen, die die Kunst auch erkennen. Völlig übersättigte, mit Filtern verschandelte Bilder, alles was den Massengeschmack trifft, ist beliebt. Nun muss der Massengeschmack ja nicht per se schlecht sein, aber die Entwicklung der vergangenen Jahre hat gezeigt, dass fotografische ebenso wie künstlerische Qualitäten immer unwichtiger werden, die Zahl der vernetzten Freunde aber immer wichtiger. Die „Blende“-Jury dagegen ist unbestechlich, ist nicht mit den Fotografen bei Facebook befreundet, kann sich ein unabhängiges Urteil bilden.

Flickrs Highlights beinhalten dann auch ein mit Filtern völlig verunstaltetes Bild einer asiatischen Einkaufsstraße bei Nacht, ein Foto ohne Motiv (Blitze über dem Meer mit nach rechts auslaufendem Ozean). Da hat es der Fotograf nicht einmal geschafft, den Horizont gerade zu rücken. Ebenso ein Bild von Pete Souza, dem Fotografen des Weißen Hauses. Es zeigt den Dalai Lama zusammen mit US-Präsident Barack Obama und einen seltsam und zur Hälfte abgeschnittenen Mann im Hintergrund. Pete Souza hat viele großartige Bilder gemacht, das Ausgewählte gehört bestimmt nicht dazu, Dalai Lama hin oder her. Wenn Menschen Bilder aussuchen, kommen solche Werke nicht in die Endauswahl. Ebenso nicht wie die durch Bäume im Wald scheinende Sonne, leider nur durchgängig unscharf. Und dann wären da noch all die Bilder, bei denen so lange an der Sättigung geschraubt wurde, bis die Stimmung im Bild eine völlig andere ist, selbst bei eigentlich gelungenen Motiven. Ganz abgesehen davon, dass eine startende Rakete des Apollo-Programms schon Jahrzehnte alt ist.

Bilder in sozialen Netzwerken zur Abstimmung zu stellen, ist keine gute Idee, egal ob bei Facebook, Twitter oder Flickr, denn dann haben offenbar immer die Bilder die Nase vorne, die gerade den Zeitgeist treffen, es aber auf lange Sicht nie schaffen würden, aufs Siegertreppchen bei einem Wettbewerb wie der „Blende“ zu gelangen. Wer gute Fotos aussuchen will, muss auf die Beurteilungsfähigkeit von Menschen setzen und nicht auf irgendwelche Algorithmen. Sicherlich sind hier die Ergebnisse auch streitbar – aber die ausgewählten Aufnahmen haben wenigstens Qualitäten.

Aufgegriffen 12 / 2016

3 Kommentare

Da geht es dem Blende Wettbewerb auch nicht viel anders, als in dem beschriebenem Beispiel. Ich könnte sich Beispiele nennen. Da kann ich dem Vorschreiber eb nur beipflichten.

Lutz Klapp

von Lutz Klapp
31. Dezember 2016, 17:04:16 Uhr

Grundsätzlich stimmt das ja aber ausgerechnet der Blende Wettbewerb ist da nicht wirklich das beste Beispiel. Gerade was bei kleineren lokalen Zeitungen in die Endauswahl kommt, kann ich nicht immer nachvollziehen. Da hätte es das Blitzbild auch durchaus schaffen können. Es Steht und Fällt mit der Qualität Jury. Das konnte ich dieses Jahr live erleben. Wo (auch bei einen lokalen Wettbewerb) ca. 1/3 der Fotos in der Endauswahl, einfach nicht da rein gehörten. Und es gab mit Sicherheit bessere Bilder. Das man nicht jede Entscheidung einer Jury nachvollziehen kann und das man zu seinen eigenen Bildern eine eEmotionale Bindung hat ist ja normal und OK. Aber wenn Bilder mit offensichtlichen gestalterisch UND technischen Mängel in die Auswahl kommen, dann stellt man fest das auch eine Jury kein Garant für Qualität ist.

eb

von eb
31. Dezember 2016, 12:12:40 Uhr

Da die Erde eine Scheibe ist, muß der Horizont natürlich waagrecht verlaufen! Wird er aber auch dann nicht, wenn rechter und linker Schnittpunkt von Horizont und Bildrand gleich sind. Dann entsteht in der Bildmitte eine geringfügige Beule. Würde sich im übrigen der Gesamteindruck des Bildes verbessern, liefe der Ozean nicht nach rechts aus? Meine Beurteilung hätte sich eher an der linken Felsklippe mit dem nahezu detaillosen Schwarz zum Minus geneigt; ob es anders besser geworden wäre, weiß ich nicht. Doch summa summarum: Mir gefällt das Bild.

Archytas

von Archytas
24. Dezember 2016, 12:26:57 Uhr

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