Wer schön sein will muss retuschieren - Oder?

Beauty-Retusche ist längst im Fotografen-Alltag angekommen, doch was bedeutet das eigentlich für unsere Gesellschaft?

Retusche Apps, Elefant

Beauty-Retusche, mehr oder weniger perfekt, ist im Alltag angekommen. Große Kenntnisse über Bildbearbeitung muss man heute zwangsläufig nicht haben, gibt es doch zahlreiche Apps, mit denen sich „Traumfiguren“ mit quasi einem Klick optimieren lassen und Weichzeichnungen nicht nur Hautunreinheiten beseitigen, sondern Gesichter zu Masken machen. Nicht alles ist bei solchen Beauty-Retuschen gelungen.

Volkskrankheit Schönheitswahn

Wenn es um Beauty-Retusche geht, scheiden sich die Geister. Verfechter der Pro-Seite argumentieren, dass man sich z.B. ein Motivationsfoto an den Kühlschrank pinnen könnte, auf dem man digital 5 Kilo verloren hat. Man solle zu seinem Körper stehen behauptet die Gegenseite. Und wendet ein, was für eine Blamage es wäre, sein Onlinedate im realen Leben zu treffen, nachdem man vorher fleißig das Ergebnis einer stundenlangen Retuschieraktion hochgeladen hat. Hitzig wird dann diskutiert, bis man am Ende bei dem Kompromiss landet: Ein kleiner Pickel, den könne man schon noch retuschieren, 6 Kilo schlanker, das sei aber keine allzu gute Idee. Warum dieser Kompromiss? Weil wir es ja eigentlich alle schon einmal gemacht haben. Weil wir, so gerne wir über dieser Oberflächlichkeit stehen möchten, am Ende doch ungerne mit Pickeln, Bauchspeck und gelben Zähnen aus der Reihe tanzen. Der Mensch ist ein Herdentier und soziale Netzwerke verstärken diesen Effekt noch.

Diagnose: Depressiv durch soziale Netzwerke

Meinungsmacher, auf Neudeutsch „Influencer“ genannt, haben neben einer großen Reichweite in den sozialen Netzwerken in der Regel noch etwas gemeinsam: Sie sind schön. Makellos, immer mit der richtigen Bikinifigur und auch ihre Haare scheinen den Begriff „Bad Hair Day“ nicht zu kennen. Und schon setzt die bekannte Maschinerie ein: Man möchte dazugehören, auch so makellos sein und dies am besten noch in Form von Likes bestätigt bekommen. Also schaut man sich einmal diese App an, von der immer alle reden, „Facetune“, das klingt ja vielversprechend. Und ab da ist der Übergang fließend, denn es fängt alles klein an: Hier der Pickel, der unpassenderweise den linken Nasenflügel ziert, dort die Augenringe – man will ja schließlich nicht aussehen, als würde man nachts Vampire jagen. Und ach, eigentlich hat man ja auf dem Foto nur kurz ausgeatmet, da kann man ja den Bauch auch mal ganz kurz ein klitzekleinwenig flacher retuschieren. Bis man selbst zu der Person wird, die bei einer anderen ein Unwohlsein auslöst, weil sie so porenlos und mühelos schön scheint. Nicht umsonst hieß es von Instagram kürzlich, es sei das soziale Netzwerk, das am ehesten einen psychischen Knacks bei jungen Menschen auslösen kann. Depressionen, bedingt durch das ständige Vergleichen, dem Anpassen an die changierenden Schönheitsideale und dem Unzufriedensein mit dem, was der eigene Körper – obwohl eigentlich gesund und munter – nun mal in der Realität ist.

Beauty-Retusche, Facetune
Mit wenigen Klicks werden bei Facetune einer Person (mitte) mehr Kurven oder längere Beine gezaubert. Photo des Screenshots: Linn Jäpel

#fürmehrrealitätaufinstagram

Alles zugespitzt? Schwarzmalerei? Teilweise auf jeden Fall, denn auf Instagram gibt es unter dem Hashtag #fürmehrealitätaufinstagram Menschen, die sich dem Beauty-Wahn entgegen stellen wollen. Sie distanzieren sich bewusst von Photoshop und Retusche-Apps und plädieren für eine Rückkehr zum natürlichen, diversen Schönheitsideal. Sie wollen insbesondere jungen Menschen Mut machen, Mut zum eigenen Ich, auch wenn das nicht so aussieht, wie in der Werbung. Und auch die Politik scheint langsam nachzuziehen. So muss in Frankreich in Zukunft gekennzeichnet werden, wenn ein Model in der Werbung schlanker oder kurviger retuschiert wurde.

Eine neue Dimension, vielleicht auch eine Hoffnung?

Abschließend sei noch gesagt, dass dies nicht nur ein Problem der Digitalisierung und der sozialen Medien ist. Denn gephotoshopped, haben wir früher auch schon, nur war es damals nicht ohne fotografische Grundausbildung mit nur einem bloßen Fingerklick möglich. Und damals wurden die Pickel auch nicht mit Ulli aus Timbuktu geteilt, die einem auf Instagram folgt. Stattdessen gab es nur dieses wenig schöne Foto im Familienalbum, das wir immer geflissentlich überblättert haben. Es ist also kein neues Problem sondern erreicht nur eine neue Dimension. Aber vielleicht kann uns genau das auch retten, könnten uns die sozialen Netzwerke helfen, die Diversität unserer Gesellschaft schätzen zu lernen und unser eigenes, pures Ich schön zu finden. Denn, was ein Foto besonders macht, ist immer noch der Moment, in dem man es eingefangen hat – und nicht, ob es ein glattgebügeltes Photoshop-Kunstwerk ist. Trotzdem leben wir uns natürlich auch gerne mal kreativ in einem Bildbearbeitungsprogramm aus oder entspiegeln digital ein Brillenglas, wichtig bleibt dabei: Was wir aus den Programmen schlussendlich exportieren, sollte dem Bild gleichen, das wir durch den Sucher unserer Kamera sahen.

Aufgegriffen 05 / 2018

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