Zwei gegensätzliche Fototrends: Bildqualitäten in höchster Perfektion und der Hang zum Unperfekten

Die App Grungetastic liefert morbide Ergebnisse Bildgalerie betrachten Die App Grungetastic liefert morbide Ergebnisse

Aktuell sind zwei gegensätzliche Fototrends auszumachen. Auf der einen Seite garantieren insbesondere aktuelle Kameras Bildqualitäten auf Spitzenniveau. Und auf der anderen Seite ist unter Fotobegeisterten – ob Einsteiger, ambitioniert oder Profi – eine Gegenbewegung auszumachen mit dem Hang zu alles anderem als perfekten Bildern. Bloß nicht zu viel Schärfe und dafür mehr Körnung – oder wie wäre es mit einem Farbstich, als wenn in der digitalen Welt Licht auf den Film gefallen wäre. Der Hang zu weniger perfekten Aufnahmen folgte in den Anfängen einem künstlerischen Anspruch – inzwischen ist es ein Massenphänomen. Wer vermeintlich individuellere Bilder will, hilft heute mit entsprechenden Foto-Apps oder auch mit Bildbearbeitungssoftware oft digital nach. Irgendwie doch kurios, denn da trimmen die Kamerahersteller ihre Aufnahmegeräte zu Spitzenleistungen und dann werden die Aufnahmen so bearbeitet, als wenn sie aus den Anfängen der Digitalfotografie beziehungsweise aus der Analogzeit entstammen würden. Und mit der gewünschten Individualität ist es doch auch so eine Sache, wenn man sich die mit gleichen Effekten versehenen Aufnahmen auf Instagram anschaut. Irgendwie ein zunehmender Einheitsbrei – es erinnert an die Anfänge von HDR.

Je geringer das Rauschen in digitalen Fotos wurde, umso beliebter wurde gleichzeitig die Lomografie – das ist der Versuch ein Bild eben nicht so aufzunehmen, wie es sein könnte, sondern möglichst weit weg von der Norm. Je schlechter das Objektiv der Kamera, je größer die Abschattungen zum Rand hin, desto näher am Ziel des Unperfekten sind die Bilder. Und weil das alles nicht reicht sind die beliebtesten Filme der Lomografen die, die seit einem Jahrzehnt auf der Fensterbank liegen und seltsame Farben produzieren, wahlweise werden Filme auch crossentwickelt, also Diafilme wie ein Farbnegativfilm entwickelt, ohne den Umkehrprozess.

Lomografie ist und war immer eine Kunstform, über die man sich vortrefflich streiten konnte. Inzwischen allerdings hat sich der Trend zum Unperfekten längst verselbstständigt und weiterentwickelt. Knicke im Papier, grobes Korn und vermeintlichen Lichteinfall gibt es heute quasi überall auf Knopfdruck und für jeden, egal ob am Handy oder hinterher am Computer. Wobei eingeschränkt festzuhalten ist, dass die digitale Lomografie, wenn man sie mal so nennen will, eine eindeutige Domäne der tragbaren Gerätschaften ist. Denn wer eine Bildbearbeitung oder einen RAW-Konverter am Desktop-Computer nutzt, der findet da zwar viele Werkzeuge, mit denen sich all die beschriebenen Effekte erzielen lassen, aber primär gedacht sind sie dafür nicht.

Ganz anders sieht es mit Apps für Smartphone und Tablet aus. Denn was sich unter dem Stichwort „Filter“ versteckt, sind in erster Linie meist Veränderungen der Oberflächenstruktur, ausgefranste oder geschnittene Ränder und Farbveränderungen, die wahlweise kitschig oder plakativ oder eben morbide sind. Manche Foto-Apps sind eigentlich nur dafür da, auf Bildern eine düstere Stimmung zu erzeugen. „Grungetastic“ beispielsweise trägt den Grunge (Schmutz) schon im Namen. Bilder lassen sich damit per Fingertipp um hundert Jahre und mehr altern, wahlweise mit Kratzern, Abschattungen, Farbfehlern, einfach allem, was die Sehnsucht nach dem Unperfekten erfüllt.

Nicht ausschließlich um die Möglichkeit, Bilder älter aussehen zu lassen, geht es bei der App „Shift“. Aber auch hier sind viele der Möglichkeiten nur dazu gedacht, Farbfehler und tiefe Texturen auf das Bild zu bringen, das eigentlich ja ohne Rauschen und Korn aus der Kamera kommt. Und auch diese Foto-App macht ihre Sache ziemlich gut.

Dabei sind Filmkorn und Texturen nicht nur eine Spielerei. Nicht umsonst kommen auch viele RAW-Konverter zumindest mit der Korn-Option. Denn gerade bei Schwarzweißfotos kann eine strukturierte Oberfläche einem Bild mehr Tiefe verleihen, es authentischer erscheinen lassen und das Glattgebügelte der digitalen Fotografie in den Hintergrund drängen.

Ins Extreme getragen werden diese Effekte dann von Anwendungen wie Hipstamatic oder mit all den immer gleich aussehenden Filtern von Instagram-Bildern. Natürlich kann ein mit einem Instagram-Filter verändertes Bild interessant aussehen. In Wirklichkeit ist es aber meist langweilig, weil genau der gleiche Effekt schon tausendmal zusehen war. Da wird dann die vermeintliche persönliche Note zu einem Massenprodukt, das Millionen andere Menschen auch nutzen.

Die Sehnsucht nach unvollkommenen Bildern, die technisch eigentlich perfekt sind, kann ein Ausdruck von Individualität sein. Dem muss aber nicht so sein, wenn sich die Effekte abnutzen. Der Retrotrend hat sicherlich auch Einfluss auf die Gegenbewegung nach weniger perfekten Aufnahmen – hier wäre es interessant zu erfahren, in welchem Maße die Betrachtung von Fotoalben aus den 60igern und 70igern Jahren Einfluß übt.

Den Gegentrend nach weniger perfekten Aufnahmen als Stilmittel einzusetzen kann Aufmerksamkeit generieren und den Betrachter animieren, sich mehr Gedanken über ein Bild zu machen. Ratsam ist es jedoch, bei den Effekten nicht mit der Masse mitzuschwingen.

Aufgegriffen 12 / 2017

2 Kommentare

Moin moin. Ein Trend ist ja nur vorübergehend. Wieso nicht einfach mal mitmachen und ausprobieren, ob es irgendwie lustig, spannend, interessant ist. Ich habe mir eine Holga-Linse (Plastik, 20€) gekauft und sie mal an eine 1000€ Kamera gesteckt. Wieso auch nicht. Der Look sieht eben nach Plastik aus. Aber eigentlich finde ich es tatsächlich spannender, mit analogen Kameras und Filmen zu experimentieren. Von (digitalen) Filtern halte ich nicht so viel. Viele Grüße und guten Rutsch, Dimi

Dimi

von Dimi
30. Dezember 2017, 11:16:05 Uhr

Wie wahr! Man sollte nicht jedem Trend nachlaufen. Wenn es die Situation ergibt, ist auch ein grobkörniges unscharfes Bild interessant. Aber bitte nicht mit Absicht "schlechtere" Bilder zu machen als notwendig.

Teine

von Teine
28. Dezember 2017, 18:02:13 Uhr

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