Spiegelreflexkameras für Profis und Amateure

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Blende ,“Rue du Nord”
Karl-Heinz Schleder

Fragte man Günther Osterloh, Autor zahlreicher Photofachbücher und jahrzehntelanger Leiter der Leica Akademie, nach dem Unterschied zwischen Profi- und Amateurphotographen, so pflegte er zu sagen: „Ein Profi kauft die Kamera, die er braucht, ein Amateur die, die er sich leisten kann.“ Ähnlich war auch die Antwort auf die Frage nach dem Unterschied hinsichtlich der Bildqualität. „Es gibt keinen, außer daß der Profi seine Bilder verkaufen muß, der Amateur sie jedoch in erster Linie zum eigenen Vergnügen macht.“ Diese einfache Unterscheidung gilt auch heute noch. Profiaufnahmen müssen den Ansprüchen des Auftraggebers genügen. Amateurphotos müssen nur dem Urheber gefallen.

Hochwertige Spiegelreflexkameras sind auch in der digitalen Photographie das bevorzugte Werkzeug von Hobby- und Profiphotographen. Selbst von den Topmodellen verkaufen die Hersteller noch immer mehr Kameras an Amateure als an Profis. Nicht selten kommt es vor, daß ein Amateur besser ausgerüstet ist als der Profi, der jede Erweiterung seiner Ausrüstung eventuell als Belastung empfindet.


Was macht eine Kamera "professionell"?

Die Antwort ist ganz einfach: Wenn sie die Anforderungen, die eine photographische Aufgabe an den Berufsphotographen stellt, erfüllt. Doch so einfach das auch klingt, ganz so banal ist es dann doch wieder nicht, denn die Anforderungen der professionellen Photographie sind so komplex, daß es kein System gibt, das allen Aufgaben gerecht wird.

Ähnlich wie bei den digitalen Kompaktkameras, herrscht auch bei der Beurteilung digitaler SLR-Kameras - bei den Profis ebenso wie bei den Amateuren - häufig das weit verbreitete Vorurteil, die Pixelzahl sei oberster Maßstab für Bildqualität und Professionalität. Weder für die Qualität noch für die Professionalität ist die Anzahl der Pixel des Bildsensors der allein entscheidende Maßstab. Es gibt Beispiele, wo Hersteller bewußt Sensoren mit geringerer Pixelzahl für eine digitale Systemkamera einsetzen, um dadurch andere professionelle Merkmale, wie etwa kürzere Reaktionszeiten, geringere Bildverarbeitungsdauer und somit höhere Aufnahmefrequenzen bei Serienaufnahmen zu erreichen. Umgekehrt gibt es digitale Spiegelreflexkameras für Hobbyphotographen, die in ihrer Bildauflösung die ebengenannten Profikameras deutlich übertreffen.

Für den Profi steht an erster Stelle die optimale Eignung eines Systems für seine Aufgabenstellung im Vordergrund. Da spielen für den Studiophotographen andere Parameter eine Rolle als für den Bildjournalisten in Krisengebieten oder den Sportphotographen. Für alle aber sind Zuverlässigkeit und Robustheit auch beim täglichen Dauereinsatz unverzichtbare Kriterien - das soll nicht heißen, daß SLR-Kameras für den Amateur nicht zuverlässig sind. Ein Berufsphotograph beispielsweise kann sich einen Systemausfall nicht leisten. Zuviel steht bei ihm auf dem Spiel, denn professionelle Photoproduktionen sind oftmals mit hohen Kosten für Studiomieten, Modellen, Maskenbildner und anderen Hilfskräften verbunden. Bildjournalisten, die von politischen oder sportlichen Großveranstaltungen berichten, sehen sich mit nicht wiederholbaren Szenen konfrontiert, die eine auch unter extremen Bedingungen zuverlässig arbeitende Ausrüstung unerläßlich machen. Ein Spritzwasserschutz, der das Eindringen von Feuchtigkeit in das Kamerainnere verhindert, ist da eine ebenso selbstverständliche Forderung, wie die Widerstandsfähigkeit des Systems gegenüber Stößen und Vibrationen beim Transport, weshalb das Gehäuse meist aus einem anderen Material gefertigt ist. Bei bildjournalistischen Einsätzen kann auch die Lebensdauer der Akkus und eine flexible Stromversorgung für den Photographen eine höhere Priorität haben als die Anzahl der Pixel.

Während professionelle Kamerasysteme dafür entwickelt werden, eine begrenzte Anzahl photographischer Aufgaben optimal zu erfüllen, sollen Kameras für die engagierte Hobbyphotographie möglichst viel können und bestenfalls auch weniger kosten. Die Kosteneinsparungen gehen daher oftmals zu Lasten der Robustheit, Lebensdauer, Displaygröße, Schnelligkeit oder des Sensorformats. Die meisten elektronisch realisierbaren Ausstattungsmerkmale zur Bildoptimierung wie schneller Autofokus, präzise Belichtungsmessung, Histogrammfunktion oder manuelle Steuermöglichkeit, alle relevanten Parameter für eine Aufnahme, finden sich heute in den höherwertigen Amateurkameras ebenso wieder wie bei den Profimodellen eines SLR-Systems.

Die wirklich qualitätsentscheidenden Merkmale finden sich in den Objektiven, die sich durch aufwendigere, optische Konstruktionen, schnellere AF-Motoren, wirkungsvolle Bildstabilisation oder hohe Lichtstärken von den Amateurlinien absetzen. Allerdings lassen sich diese Objektive auch an den Amateurkameras verwenden. Auch die Größe der Sensorbildfläche kann ein Hinweis auf die professionelle Eignung einer Kamera sein. Da die meisten digitalen Spiegelreflexkameras systemkompatibel zu den analogen SLR-Kameras einer Marke sind, können Kameras mit einem Sensor im Kleinbildformat alle Objektive des Systems mit gleicher Brennweitenwirkung verwenden wie bei einer analogen Kleinbild-Spiegelreflexkamera. Bei kleineren Bildsensoren verlängert sich die effektive Brennweite mit abnehmender Sensorgröße. Objektive für das Kleinbild gerechnet, können deshalb nur bedingt ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen. Ein anderer Vorzug vollformatiger Sensoren ist der gewohnte Umgang mit der Schärfentiefe. Hier kann der Photograph die Schärfe bei der Verwendung eines Objektivs mit großer Anfangsöffnung selektiv auf eine beliebige Bildebene legen. Das ist bei den kleineren Sensoren, die eine größere Bildtiefe und damit einen größeren Schärfentiefenbereich liefern, nicht in der Form möglich.

Die Professionalität einer SLR-Kamera äußert sich kaum in der Pixelzahl. Zahlreiche Kompaktmodelle können hier heute bereits mithalten, ohne Anspruch auf Professionalität zu erheben. Die Bildqualität, die diese Kameras ermöglichen, reicht manchmal bereits aus, um doppelseitige Photos in Hochglanzmagazinen drucken zu können. Dabei spielt die absolute Zahl der effektiven Pixel nur bedingt eine Rolle für das Endergebnis. Wesentliche Faktoren, die zusätzlich zur Sensorauflösung die Abbildungsqualität erhöhen, sind die Qualität der Pixel, ihre Form, die Anordnung sowie Filterstruktur. Hinzu kommen das Signal-Rauschverhältnis und der Dynamikumfang. Je kleiner der Sensor umso kleiner müssen die Pixel werden, wenn gleich viele oder sogar mehr auf ihm Platz finden sollen. Kleinere Pixel können nun einmal nicht soviel Licht erfassen wie größere. Die Empfindlichkeit des Sensors sinkt und der als Rauschen bezeichnete Bildfehler verstärkt sich. Vergleichbar ist das digitale Rauschen etwa mit der Körnigkeit in der analogen Photographie. Hinzu kommen optische Schwächen der für die analoge Photographie gerechneten Objektive. Da die lichtempfindlichen Zellen der Sensoren wie kleine Röhren oder Trichter aufgebaut sind, werden sie von schräg einfallenden Lichtstrahlen vor allem zu den Bildrändern hin nur gestreift und von den einzelnen Pixel nicht voll erfaßt. Zum Teil werden Teile eines Lichtstrahls dabei von benachbarten Pixel aufgefangen, so daß sich an den Konturen Farbsäume bilden. Um die Lichtstärke von kleineren Pixel zu erhöhen und um die Lichtstrahlen präziser erfassen zu können, haben manche Hersteller ihre Sensoren mit Mikrolinsen für jedes Pixel ausgestattet, die das Licht präziser zu den lichtempfindlichen Elementen leiten. Außerdem gibt es Softwarelösungen, mit denen sich Bildfehler bestimmter Objektiv-Kamerakombinationen ausgleichen lassen - eine beliebte Lösung, um mit Systemen, die für die Hobbyphotographie entwickelt wurden, dennoch zu professionellen Ergebnissen zu gelangen.
 

Digitalfotografie 10 / 2005

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