BerufsBilder

© Albrecht Tübke Bildgalerie betrachten Albrecht Tübke, Caves Portraits Nr. 5, 2009

Noch bis zum 19. März 2017 präsentiert die Neue Galerie Dachau die Fotoausstellung „BeruftsBilder“ mit Werken von Thomas Bachler & Karen Weinert, Herlinde Koelbl, Joerg Lipskoch, Hannes Rohrer, August Sander, Stefan Schröder sowie Albrecht Tübke und bezieht damit Positionen zeitgenössischer Porträtfotografie.

August Sanders großangelegte Fotoserie “Menschen des 20. Jahrhunderts” gehört zu den Meisterwerken der Porträtfotografie des vergangenen Jahrhunderts. Das Medium der Fotografie schien ihm besonders geeignet, ein Bild der Gesellschaft seiner Zeit festzuhalten, die sich aus verschiedenen Berufsständen zusammensetzte. Den Schwerpunkt seiner Aufnahmen bildet das ‘Berufsporträt’, das er von Bauern, Handwerkern, Arbeitern, Technikern, Akademikern aber auch Künstlern anfertigte. Sanders Werk stieß bereits zu seiner Zeit auf große Resonanz und wirkte auf viele nachfolgenden Fotografen inspirierend. Während Sander noch von der Einheit aus Person und Beruf ausging, die schon zu seiner Zeit durch die voranschreitende Industrialisierung und Bürokratisierung nur noch teilweise gegeben war, ist diese heute nur noch in Randbereichen zu finden. Es sind nicht nur viele Berufe seiner Zeit längst verschwunden, auch die Zahl der vorhandenen Arbeitsplätze nimmt immer mehr ab. Für einen immer größeren Teil der Bevölkerung gibt es nur noch eine Teilzeitbeschäftigung. Das Ideal einer lebenserfüllenden Berufsarbeit ist aber nach wie vor aktuell.

Die Neue Galerie zeigt Arbeiten zeitgenössischer Fotografen, die an Sanders ‘Berufsporträts’ anknüpfen und das Berufsleben ihrer eigenen Zeit reflektieren. Wie Sander wählen sie die serielle Darstellung, die zum Vergleich und somit zur Unterscheidung von typischen und individuellen Merkmalen innerhalb einer Gruppe einlädt. Inhaltlich und konzeptuell schlagen sie jedoch andere Wege ein.

Als Fotograf entwarf August Sander um 1924 ein überaus ambitioniertes Projekt: er wollte das Bild der Gesellschaft seiner Zeit in einer Sammlung einzelner Porträts festhalten, die er Menschen des 20. Jahrhunderts nannte. Dabei nahm er gleichberechtigt Männer und Frauen aller Gesellschaftsschichten und Berufsgruppen auf, vom Großindustriellen bis hin zum sozialen Außenseiter. Sander fotografierte die Menschen in ihrer charakteristischen Kleidung und zum Teil mit ihren berufsspezifischen Attributen in ihrer typischen Umgebung. Bei aller angestrebten Sachlichkeit entwickelte er einen eigenen Inszenierungsstil. Er teilte die Fotos in sieben Gruppen und 45 Mappen ein. So erfasste er in seinem Bildatlas ein weites Spektrum der Gesellschaft der Weimarer Zeit. Sanders Werk von enzyklopädischem Anspruch, das auf rund 600 Aufnahmen angelegt war, blieb unvollendet. Nichtsdestotrotz gilt er heute als einer der wichtigsten Vertreter der Fotografie der Neuen Sachlichkeit.

Thomas Bachler & Karen Weinert Fotoserie präsentieren die Serie “Menschen des 21. Jahrhunderts”, die sich auf August Sanders Werk “Menschen des 20. Jahrhunderts” bezieht. Sie wurde 2007 begonnen und ist wie die ihres Vorbilds als Langzeitprojekt angelegt. Bislang entstanden 46 Porträts in nüchtern-historisierendem Schwarzweiß, in denen die Künstler Menschen ihrer eigenen Generation an den Orten ihrer jeweiligen Tätigkeit zeigen. Die Bilder sind inszeniert, die Berufsbezeichnungen, die euphemistisch die hochtrabenden Bezeichnungen der Businesswelt imitieren, erfunden. Es handelt sich jedoch weniger um Berufe als um vorübergehende Beschäftigungen, die sich nicht zum Broterwerb eignen. Ironisch betrachten die beiden Künstler die gängige Neigung, sich über eine möglichst hochrangige Tätigkeit zu definieren und daraus den eigenen Wert abzuleiten. In einer Region hoher Arbeitslosigkeit stellen sie vor dem Hintergrund einer sich stetig wandelnden Arbeitswelt die Frage nach der Notwendigkeit des sich selbst Erfindens.

Herlinde Koelbl, eine der bekanntesten Fotografinnen Deutschlands, ist vor allem mit Langzeitprojekten bekannt geworden, in denen sie Menschen, Macht und Autorität thematisiert. 2012 erhielt sie den Auftrag, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zu fotografieren und begleitete die Musiker zehn Tage lang auf einer Tournee nach Japan. Dafür entwickelte sie ein ungewöhnliches Konzept, das keine Porträtaufnahmen im herkömmlichen Sinn vorsah. Sie rückte die Instrumente der Musiker in den Blick sowie den Teil ihres Körpers, der bei der Ausübung ihres Berufs das Handwerkszeug bildet: die Hände. Mit ihrer Hilfe wird die Musik erzeugt und nicht selten tragen sie Spuren dieses jahrelangen Gebrauchs. Auch die als Kontrollorgane dienenden Ohren werden in den Fokus gerückt. “Meine Fotos transportieren diesen Fleiß und diese Hingabe, die Kreativität, aber auch den Humor einzelner Musiker”, sagt Herlinde Koelbl über ihre unverwechselbaren Musikerporträts.

Mit seiner dokumentarischen Bildserie “Menschen des 21. Jahrhunderts” greift Joerg Lipskoch seit 2013 das Projekt August Sanders auf und überträgt es in die heutige Zeit. Seine Sammlung von Einzelporträts zeigt Menschen von heute in einer möglichst authentischen, sorgfältig auf ihre Tätigkeit abgestimmten Umgebung. Wie Sander versucht er wenig zu inszenieren. Einzige Vorgabe ist, dass die Porträtierten “mit neutralem Blick” in die Kamera schauen. Formal angelehnt an den berühmten Vorgänger, teilt Lipskoch die Porträts in Mappen ein, die aber – entsprechend den veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen – andere Lebensbereiche umfassen. Modern sind Arbeitsmittel und Veröffentlichungsform: die mit der digitalen Spiegelreflexkamera aufgenommenen Bilder werden auf der Internetseite der Serie archiviert, wo man auch Hintergrundinformationen zur Entstehung einzelner Bilder findet.

Im Rahmen seiner Bachelorarbeit im Fach Fotodesign porträtierte Hannes Rohrer das Steiff-Werk in Giengen, für das die berühmte Puppenmacherin Margarete Steiff (1847–1909) mit der Gründung einer Manufaktur 1880 den Grundstein legte. Noch heute steht ihr Name, der mit den dort hergestellten Teddybären und Plüschtieren verbunden ist, für Kindheitsträume. Rohrer dokumentierte Fabrikgebäude und Mitarbeiter zwei Wochen lang, Abteilung für Abteilung, vom Entwicklungszentrum bis zum Archiv. Aus den insgesamt 186 Aufnahmen wurden sieben Porträts der dort Beschäftigten ausgewählt, die – mit Ausnahme des Geschäftsleiters – alle in Teams arbeiten. Die produzierten Kuscheltiere wirken am Ort ihrer Entstehung in der nüchternen Umgebung der Fabrik oft wie Fremdkörper. Für sein Fotobuch wurde Hannes Rohrer von der Stiftung Buchkunst beim Förderpreis für junge Buchgestaltung mit dem zweiten Platz ausgezeichnet.

“Contributor” nennt Stefan Schröder sein 2004 begonnenes, fortlaufendes autobiographisches Fotoprojekt. Es zeigt ihn, einen freischaffenden Künstler, bei verschiedensten Tätigkeiten, etwa beim Aufbau einer Ausstellung, bei der Ausfertigung der Arbeit einer Künstlerkollegin, bei Dacharbeiten in seinem Dresdner Atelier oder beim Rasenmähen. Dies dokumentiert seine diversen Talente und große Vielseitigkeit, die er als gelernter Baufacharbeiter (mit Abitur) mitbringt. Anders als viele seiner Kollegen betrachtet er diese Nebenjobs nicht als reinen Broterwerb aus ökonomischer Notwendigkeit, der ihm freies künstlerisches Arbeiten erst ermöglicht. Vielmehr sieht er hier ausreichend Möglichkeiten sein künstlerisches Potential zu entfalten. Diesen Blick hinter die Kulissen eines Künstlerlebens rückt er bei der Langzeitstudie ins Zentrum seiner künstlerischen Auseinandersetzung und stellt dabei die Frage nach den wahren Grenzen von Kreativität und Künstlertum.

Albrecht Tübkes 2008 entstandene Dokumentation Caves über die Marmorsteinbrüche von Carrara, in deren Nähe der Künstler lebt, enthält 14 Porträts der dort tätigen Arbeiter. Alle sind frontal stehend und ganzfigurig ohne jedes Beiwerk gezeigt. Ihre selbstgewählte, nicht uniforme Arbeitskleidung trägt die Spuren der harten und schmutzigen Arbeit. Den Hintergrund bildet der berühmte Marmor, der seit der Antike für Skulpturen und Bauwerke verwendet wird und bis heute nachgefragt ist. Jeder einzelne der kräftigen Männer scheint aus dem Umgang mit diesem kostbaren Werkstoff ein gewisses Selbstbewusstsein zu schöpfen, das Albrecht Tübke eindrucksvoll in Haltung und Gesichtern dieser Persönlichkeiten festhält.

Weitere Informationen: www.dachauer-galerien-museen.de

Fotoausstellungen 01 / 2017

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