MADAME D‘ORA. MACHEN SIE MICH SCHÖN!

Madame d‘Ora: Josephine Baker, 1928, Silbergelatineabzug, 19,4 x 16 cm © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg Bildgalerie betrachten Madame d‘Ora: Josephine Baker, 1928, Silbergelatineabzug, 19,4 × 16 cm
© Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

In einer umfassenden Retrospektive gibt das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) noch bis zum 18. März 2018 erstmals einen Überblick über das Schaffen der Fotografin Madame d‘Ora (1881-1963) und nimmt eine Neubewertung ihres Werkes mit besonderem Schwerpunkt auf dem Nachkriegswerk vor. Über 30 Jahre nach der ersten Monografie, die d’Oras Wirken als Gesellschaftsporträtistin beschreibt, erlauben neue Erkenntnisse andere Zugänge zu ihrem Werk. In den Vordergrund rücken das persönliche Umfeld der Fotografin und die teils radikalen Auswirkungen der gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Veränderungen auf ihr Schaffen. Neu eingesehenes Material aus ihrem schriftlichen Nachlass und zahlreiche neu entdeckte Fotografien geben Aufschluss über ihre Wurzeln im jüdischen Wiener Bürgertum, ihre lange Freundschaft mit Maurice Chevalier und der Pariser Modistin Madame Agnès sowie über die vielschichtige Arbeit für den Ballettimpresario Marquis de Cuevas. Die Ausstellung versammelt rund 170 fotografische Arbeiten aus der Sammlung des MKG, der Sammlung Bonartes, Wien, der Sammlung des Ullstein Verlags und aus Privatsammlungen. Gezeigt werden zudem Modeobjekte aus dem MKG, dem Wien Museum und der Universität für angewandte Kunst Wien. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Photoinstitut Bonartes, Wien.

Wer sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Madame d‘Ora porträtieren lässt, verleiht seiner Person einen Hauch französischer Eleganz. Von 1910 bis in die 1930er Jahre inszeniert Madame d’Ora die Wiener und Pariser Gesellschaft und die Künstlerbohème. Sie fotografiert Schriftsteller wie Arthur Schnitzler, die russische Primaballerina Anna Pawlowa, die skandalumwitterte Nackttänzerin Anita Berber, Josephine Baker und Größen der Modewelt wie Coco Chanel und Madame Agnès. Die Bilder aus dem Atelier d’Ora spiegeln den Anspruch der Abgelichteten auf einen Platz in der Welt der schönen, gebildeten und berühmten Menschen. Durch die äußerst erfolgreiche Kooperation mit Bild- und Zeitschriftenagenturen erreicht Madame d’Ora eine breite Öffentlichkeit. Ihre Porträts und Modefotografien zeigen den Übergang von aristokratischen Idealen zu einem Bild von der “neuen Frau”, welches von der Welt des Theaters und Films geprägt ist, die sich in einer sich rasant entwickelnden Zeitschriftenkultur verbreitet. Während des nationalsozialistischen Regimes verschlechtert sich die Auftragslage der jüdischen Fotografin zunehmend. 1942 flüchtet sie vor der Deportation in ein Bergdorf in der Ardèche. Zurück in Paris nimmt sie 1945 die Porträtfotografie wieder auf. Doch das Unfassbare hinterlässt Spuren: Madame d’Ora wendet sich den Opfern der Gesellschaft und des Krieges zu und fotografiert in österreichischen Flüchtlingslagern und Pariser Schlachthäusern.

1907 eröffnet d’Ora im Alter von 26 Jahren in Wien ein Porträt-Atelier, das von der Wiener Bohème bereits im ersten Jahr regelmäßig besucht wird. Sie fotografiert die Kulturkritiker Hermann Bahr und Karl Kraus sowie den Maler Gustav Klimt. Vor ihrer Kamera stehen die österreichische Tänzerin und Choreografin Grete Wiesenthal, die Modeschöpferin Emilie Flöge und zahlreiche weitere Protagonisten der Wiener Gesellschaft. 1917 begleitet d‘Ora als etablierte Porträtistin die Krönungsfeierlichkeiten von Kaiser Karl zum König von Ungarn mit der Kamera.

Seit Mitte der 1910er Jahren arbeitet Madame d‘Ora als eine der ersten Modefotografinnen Wiens für den sich rasant entwickelnden Markt der Illustrierten. Ihre Fotos erscheinen etwa in Sport und Salon (Wien, ab 1910) und Die Dame (Berlin, ab 1916), in der Kulturzeitschrift Uhu (Berlin, ab 1924) und in Das Magazin (ab 1925). Ein Großteil ihrer gedruckten Porträts zeigt Damen der höheren Gesellschaft und glamouröse Schauspielerinnen. Die Vorlagen, die d‘Ora an die Agenturen liefert, prägen das neue Bild der Frau mit Bubikopf, Zigarette und seidenbestrumpftem Bein, das in den gerade erfundenen, gehobenen Lifestyle-Magazinen entworfen wird.

Diese Aufnahmen sind selten Modefotografien mit Nennung des Modeschöpfers zur Präsentation von Kollektionen. Die fotografierten Stars dienen vor allem der modischen Orientierung. Erste dezidierte Modefotografien entstehen 1909 im Auftrag der Wiener Modehäuser Zwieback und Decrole, für den Salon der Schwestern Flöge und für die Wiener Werkstätten. Ab 1925 zählt die Modefotografie zu d’Oras Hauptgeschäft. Sie erstellt für das französische Publikationsorgan der Modeindustrie L’Officiel de la Couture zahlreiche Aufnahmen von Lanvin, Edward Molyneux, Louis Bourbon, Lucile Pasay oder Madame Agnès. Die Arbeiten kann sie auch auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt unterbringen, wo die Mode in Frankreich noch immer als stilprägend gilt.

Die Ausstellung zeigt eine Auswahl von Veröffentlichungen, die den Schwerpunkt und das Themenspektrum von d’Oras Bildberichten in deutschen und österreichischen Zeitschriften spiegelt. Interessanterweise liefert sie nicht nur die Bilder, sondern verfasst auch eine Vielzahl von kurzen, essayistischen Texten, häufig mit ironischem Unterton. Sie bezeugen die Prominenz der Fotografin, die nicht mehr nur als anonyme Bildlieferantin für massenhaft reproduzierte Fotografien angesehen wird, sondern selbst zur Persönlichkeit aufsteigt.

Weitere Informationen: www.mkg-hamburg.de

Änderungen vorbehalten.

Fotoausstellungen 01 / 2018

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