Nomi Baumgartl - Summertime

© Nomi Baumgartl, Glasses and Shell, New Milford, Connecticut 1989 Bildgalerie betrachten Glasses and Shell, New Milford, Connecticut 1989

Johanna Breede PHOTOKUNST in Berlin präsentiert noch bis zum 22. September in Berlin die Fotoausstellung „Summertime“ mit Werken von Nomi Baumgartl.

Die Welt ist durchzogen von Paradoxien: Von dem Reden, das ohne Worte auskommt; von der Erkenntnis, die keine Gedanken mehr braucht. Es scheint das Widersinnige zu sein, das einen im Leben wirklich voranbringt; der Weg ohne Routen und ohne Routinen. Selbst wenn unsere Worte genau und unsere Gedanken richtig wären, lehrte schon im sechsten Jahrhundert der chinesische Zen-Meister Kanchi Sosan, sie entsprächen dennoch niemals der Wahrheit. Die nämlich entzieht sich jeglicher Logik und aller Erwartung. Sie führt über vermeintliche Abwege und durch Widersprüche hindurch.

Nomi Baumgartl hat derlei Paradoxien erlebt. In den 80er und 90er Jahren hatte sich die 1950 in Donauries geborene Fotografin als gefragte Fotojournalistin etablieren können. Ihre Bildreportagen waren gefragt, ihre Portraits von Supermodels wie Kate Moss und Tatjana Patitz wurden in namhaften Magazinen veröffentlicht. Alles verlief gradlinig in dieser außerordentlichen Karriere. Doch dann, mitten im Leben, der Wendepunkt: Nach einem schweren Autounfall, dem eine mehrjährige Rehabilitation folgte, musste sie nicht nur das Sehen neu lernen, auch ihr Langzeitgedächtnis blieb in Dunkelheit verborgen. Jahre sollten vergehen, bis sie hinter diesem scheinbaren Endpunkt einen neuen Anfang setzen konnte; bis sie, wie es die Dichterin Hilde Domin einmal formuliert hat, den Fuß erneut in die Luft zu setzen wagte, um festzustellen, dass diese zu tragen verstand.

Sie habe, so erzählt Nomi Baumgartl heute, mit verletzten Augen neu zu fotografieren lernen müssen. Mit Augen, die fortan eher die Tiefe der Dinge erblickten, anstatt nur an den Oberflächen zu verweilen. Auf den 36 Einzelbildern, die Johanna Breede noch bis zum 22. September 2017 von Nomi Baumgartl in ihren Galerieräumen zeigt, kann man sie immer wieder entdecken: Blicke, getragen von großer Empathie und von tiefen Erkenntnissen über die Zusammenhänge unseres Daseins. Zunehmend etwa geht Baumgartl jetzt in die Natur; fotografiert im Wasser der Meere, im Dickicht des Urwalds oder im ewigen Eis am Polarkreis. Bestechend die Fotografien, die sie Anfang der 2000er Jahre von den Bahamas mitbringt: Für die Organisation „Dolphin Aid“ gelingen ihr hier einzigartige Unterwasseraufnahmen von Delphinen und Menschen – Bilder, reich an spielerischer Tänzelei und getragen von sommerlicher Leichtigkeit. Als hätte Baumgartl das eigene Schicksal letztlich nicht härter, sondern auf wundersame Weise zartfühlend und mild gemacht.

Immer wieder sind es nun Augen, die auf ihren Bildern auftauchen: 1999 etwa gewährt Baumgartls Kamera einen Blick auf die isolierte Pupille eines wilden Delphins; vier Jahre später schaut sie auf das riesige Auge eines afrikanischen Elefantenbullen. Und selbst bei ihrem bis heute vielleicht persönlichsten Projekt – einer Portrait-Serie über ihren langjährigen Freund und Kollegen Andreas Feininger – fokussiert Baumgartl immer wieder dessen Augen. Mal schaut sie durch eine zerbrochene Muschel hindurch auf halbgeöffnete Lider, mal fokussiert sie die isolierten Brillengläser des 1999 verstorbenen Fotografen. Es sind eben vor allem die Augen, die uns auf solchen Bildern tiefe Zugänge zu Schöpfung und Mitgeschöpfen eröffnen. In Baumgartls Werk sind sie immer wieder wie Türen – wie Öffnungen in Bereiche, die man früher vielleicht einmal die Seele genannt hat und durch die hindurch wir auf geheimnisvolle Weise mit Baumgartls Sujets verbunden werden. „Auch in meinem wieder geschenktem Leben“, sagt Nomi Baumgartl heute, „bin ich Fotografin. Der große Unterschied aber besteht darin, dass ich ein anderes Bewusstsein für die großen Zusammenhänge des Daseins bekommen habe.” (Ralf Hanselle)

Weitere Informationen: www.johanna-breede.com

Fotoausstellungen 08 / 2017

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