Wolfgang Tillmans erhält den Kulturpreis 2009 der Deutschen Gesellschaft für Photographie

Verleihung am 3. Oktober 2009 im Heidelberger Kunstverein im Rahmen des 3. Fotofestivals Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg

Die Deutsche Gesellschaft für Photographie (DGPh) verleiht ihren Kulturpreis 2009 an den in London lebenden, deutschen Fotografen Wolfgang Tillmans. Als Fotograf hat er in der internationalen Kunstwelt höchste Auszeichnungen erhalten - allen voran 2000 als erster Fotograf und Ausländer den renommierten Turner Prize der Tate Gallery in London. Sein umfassendes und vielfältiges fotografisches Oeuvre ist vor allem durch achtsame Beobachtung seiner Umwelt, ein bewusstes künstlerisches Spiel zwischen Perfektion und Imperfektion sowie konsequente und innovative Präsentationsformen geprägt. Es ist einflussreich, stilbildend und hat vor allem den Wirkungskreis der Fotografie in den letzten 20 Jahren in ungewöhnlicher Art und Weise erweitert. Deshalb sieht die DGPh Wolfgang Tillmans als „Persönlichkeit mit bedeutenden Leistungen im Bereich der Fotografie“ und verleiht ihm die - neben dem Dr.Erich-Salomon-Preis für die vorbildliche Anwendung der Fotografie in der Publizistik - höchste Ehrung der Gesellschaft.

Der 1968 in Remscheid geborene Tillmans war als Jugendlicher leidenschaftlicher Hobbyastronom und schärfte so seine Beobachtungsgabe. Früh begann er mit dem Medium Fotografie zu experimentieren, beispielsweise mit verfremdenden und abstrahierenden Schwarz-Weiss-Fotokopien. Als Bestandteil und Beobachter von Subkulturen – beispielsweise der Londoner Club-, Rave- und Schwulenszenen - fotografierte er in größter Unmittelbarkeit und verstörender Intimität. Seine eigene Intention war dabei nicht die Provokation, sondern vor allem das Interesse an der Beobachtung von Gemeinsamkeiten und Strukturen der ihn umgebenden Welt. Porträts, immer wieder in Auftrag für Magazine, wie i-D, Spex, Interview, SZ-Magazin und Butt, sowie freie Arbeiten verschmolzen 1995 in einen vielbeachteten Bildband im Taschen Verlag (Köln) und gründeten seinen Ruf als authentischen und prominenten Zeugen aktueller gesellschaftlicher Strömungen, der mit seiner Arbeit gängige Sichtweisen von Wirklichkeit in Frage stellt. Mehr als 20 weitere selbst gestaltete Künstlerbücher, Monographien und Kataloge folgten - ein Hinweis darauf, welch eine zentrale Bedeutung das klassische Medium des Fotobuchs für Tillmans in seinem Gesamtoeuvre einnimmt.

Ein wichtiger stilprägender Aspekt seines Schaffens sind seine eigenwilligen musealen Ausstellungskonzepte: beispielsweise in Vitrinen, zuletzt als raumgreifende Tischinstallationen („Truth study center“) und vor allem in seinen berühmten vielteiligen Wandinstallationen, in denen verschieden große Abzüge zum Teil ungerahmt mit Klebeband an der Wand befestigt werden.

Tillmans verbindet die konsequente Beobachtung mit dem visuellen Experiment der Realitätserfahrung: sei es eine Sequenz startender Concorde-Überschallflugzeuge, astronomische Beobachtungen, stilprägende Stillleben oder Porträts. In den letzten zehn Jahren spielt die Abstraktion eine wesentliche Rolle innerhalb seines komplexen fotografischen Oeuvres. Es entstehen Studien über Licht und Farbe, in denen fotochemisches Papier ohne Kamera belichtet wird („Blushes“, „Freischwimmer“, „Lighter“). Dass die Fotografie eine Dreidimensionalität, d.h. eine eigene Haptik auch jenseits des Abbildhaften des Motivs besitzen kann, beweist Tillmans mit seinen konkreten skulpturalen Fotoobjekten. Hier behauptet sich das Foto als Objekt im Raum und nicht nur als Illusion von Raum.

In den letzten Jahren waren Wolfgang Tillmans’ Arbeiten in großen Museums-Einzelausstellungen zu sehen, unter anderem im PS1, New York, Museum of Contemporary Art, Chicago, Hammer Museum, Los Angeles, Hirshhorn Museum, Washington D.C und zuletzt im Hamburger Bahnhof in Berlin.

Nach einer Gastprofessur an der Hochschule für bildende Kunst in Hamburg von 1998 bis 1999 ist Tillmans seit 2003 Professor für interdisziplinäre Kunst an der Städelschule in Frankfurt am Main. Tillmans lebt und arbeitet heute in Berlin und London, wo er zudem in einer eigenen Galerie Öffentlichkeit für aus seiner Sicht zu wenig beachtete Positionen anderer Künstler schafft.

Der Kulturpreis wird seit 1959 verliehen. Mit ihm zeichnet die DGPh lebende Persönlichkeiten für bedeutende Leistungen im Bereich der Fotografie aus. Träger des Kultpreises der DGPh waren unter anderem Bernd und Hilla Becher, Henri Cartier-Bresson, Chargesheimer, F.C. Gundlach, David Hockney, Daido Moriyama, Irving Penn, Man Ray, Albert Renger-Patzsch, Ed Ruscha, August Sander und Wim Wenders.

Die öffentliche Preisverleihung ist für den 3. Oktober 2009 im Heidelberger Kunstverein im Rahmen des 3. Fotofestivals Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg geplant.

Weitere Informationen: www.dgph.de
 

Fotonachrichten 07 / 2009

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