„gute Aussichten“ die Jury hat gearbeitet und entschieden

„gute aussichten - junge deutsche fotografie 2008/2009“ stellt die neun Gewinner(innen) und ihre Arbeiten vor - Premieren-Ausstellung am 22. Januar 2009 in Hamburg

Die Gewinner(innen) für das Nachwuchsförderungs-Projekt „gute aussichten - junge deutsche fotografie 2008/2009" stehen fest. Noch nie gab es zu „gute aussichten - junge deutsche fotografie“ so viele Einsendungen wie in diesem Jahr. So mussten die Juroren aus insgesamt 103 eingereichten Arbeiten von 39 deutschen Hochschulen, Akademien und Universitäten auswählen. Und dies, obwohl die einreichenden Institutionen bereits eine Vorauswahl treffen und maximal fünf Arbeiten in den Wettbewerb schicken können.

Die diesjährige Jury, bestehend aus der Initiatorin Josefine Raab (Wiesbaden), der Leiterin der Kunstsammlung der DZ Bank Luminita Sabau (Frankfurt/Main), dem Künstler und Maler Norbert Bisky (Berlin), dem Art Director Mario Lombardo (Berlin), dem Photochef der Zeitschrift „brand eins“ Stefan Ostermeier (Hamburg) und dem Kurator des Hauses der Photographie, Deichtorhallen, Ingo Taubhorn (Hamburg), hatte es daher in diesem Jahr nicht leicht. So endete der Tagungsmarathon, der um 10 Uhr in der DZ Bank, Frankfurt/Main, begonnen hatte, auch erst gegen 1 Uhr nachts. Am Ende des diskussionsreichen Tages standen 9 Auserwählte mit ihren Arbeiten fest. Wie immer gibt es bei „gute aussichten“ kein Siegertreppchen, kein Preisgeld, keine Rangliste, sondern „nur Gewinner(innen)“, diese aber streng nach ABC geordnet:

Den Blick auf ihre „fotografische Wunderkammer“ gerichtet, unternimmt Laura Bielau in „Color Lab Club“ (Hochschule für Graphik und Buchkunst Leipzig) in spielerischen wie humoristischen Bildern Streifzüge quer durch die Geschichte der Photographie. Die phototechnischen Experimente (welche als Erfindung der Photographie gelten können) des Franzosen Joseph Nicéphore Niepce (1765-1833) werden ebenso munter zitiert wie surrealistische Bildschöpfungen Man Rays (1890-1976). In „Labgirls“ bittet die Photographin professionelle Stripperinnen im roten Licht der Dunkelkammer zur erotischen Selbstdarstellung. Das Ergebnis ist ein visueller Parcours rund um Dunkelheit und Darkroom, welcher das Geheimnis der „dunklen Kammer“ zelebriert.

Markus Georg praktiziert in „Die Macht der Bilder“ (Hochschule für Gestaltung Offenbach) eine andere Form der Inszenierung: Hier mutiert eine fein säuberlich in Reih und Glied aufgestellte Anzahl von Möbelpackern mit Umzugskartons zu einem visuellen Abdruck des Brandenburger Tors. Oder ein hoch aufgereckter Mann mit aufgefaltetem Stativ wandelt sich zum Pariser Eiffelturm. Was als visuelle Verkleidung im Postkartenformat daher kommt, ist die Anrufung eben jener wirkungsvollen „Macht der Bilder“, die aus Wäschestücken Assoziationen an Stonehenge zu zaubern vermag. Im drehbaren Postkartenständer stehen anschließend unsere kollektiv gelernten Bildklischees zur Mitnahme bereit.

Maziar Moradi bedient sich in seiner Arbeit mit dem für den Iran geschichtsträchtigen Titel „1979“ (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) ebenfalls einer Inszenierung: Mit Mitgliedern seiner Familie, welche die Machtübernahme 1979 durch Ayatollah Khomeini und der iranisch-irakische Krieg aus ihrem bisherigen Leben herausriss und so manchen in die Emigration zwang, spielt er in symbolreichen Bildern exemplarisch ihre durch Kummer, Angst und Verlust gekennzeichneten Schicksale nach.

Reza Nadjis Arbeit „Tehran“ (Fachhochschule Dortmund) ist eine photographische Erforschung der am Fuße des Elburs-Gebirges gelegenen Hauptstadt des Iran. In der urbanen Vielfalt architektonischer Erscheinungsformen blitzt immer wieder das Spannungsfeld einer sich an westlichen Vorstellungen orientierenden Gesellschaft und einer unberechenbaren theokratischen Staatsführung hervor. So zeigt Reza Nadji anhand äußerer Gegebenheiten den inneren Zustand einer Gesellschaft auf, die in ihrer jüngsten Geschichte von großen politischen Umwälzungen betroffen war.

Florian Rexroth erkundet in „Bäume der Stadt“ (Lette-Verein Berlin) die Begrünung im heimischen städtischen Raum. Bäume, die in der urbanen Landschaft zumindest ein Minimum an kultivierter Natur repräsentieren, werden zu Protagonisten einer Porträtserie. Das städtische Umfeld, durch Verhüllung mit weißen Tüchern weitestgehend unsichtbar, tritt nahezu vollständig zurück. Dergestalt vereinzelt und isoliert verwandeln sich die Gewächse zu Individuen und werden als solche sichtbar gemacht.

Heiko Schäfer legt in „Maritime Incidents“ (Lette-Verein Berlin) sein Augenmerk auf jene Menschen, die alljährlich aus vielen Teilen Afrikas kommen und unter den gefährlichsten Bedingungen versuchen, europäisches Festland zu erreichen. Photographien authentischer Flüchtlingsboote, unter schwierigen Umständen entstanden, sind mit offiziellen Informationstexten und einer Seekarte kombiniert, anhand derer die Routen und das Schicksal der betroffenen Boote verfolgt werden können.

Juergen Staacks Arbeit „Transcription-Image“ (Kunstakademie Düsseldorf) basiert auf einem ganzen Bündel bildtheoretischer Fragestellungen über die Entstehung und Wirkungsweise von Bildern. Analog einer wissenschaftlichen Versuchsreihe werden Menschen gebeten, ein bestimmtes Motiv in ihrer nativen Sprache zu beschreiben. Anschließend schwärzen sie das Original des Künstlers. So entsteht ein neues Werk, das das vorangegangene photographische Bild als audiovisuelles Zeichensystem in sich birgt. Die Tondokumente werden anschließend wieder in visuelle Zeichen transkribiert, woraus ein abstraktes Bild entsteht.

Sarah Strassmann erkundet in ihren großformatigen Tableaus mit dem Werktitel „The Void _ Nothing but Space“ (Fachhochschule Bielefeld) die Darstellbarkeit von Leere. Der physikalische Raum tritt in seiner Materialität vollständig zurück. Stattdessen übernehmen Licht- und Stimmungsqualitäten eine Raumgestaltung, die an persönliche Erinnerungen der Bildautorin geknüpft sind. Auf diese Weise entsteht ein bildhaft anschaulicher Denkraum, der über das Abgebildete hinaus in das Reich der Imagination weist.

Katrin Trautner widmet sich in ihrer Serie „Morgenliebe“ (Fachhochschule Bielefeld) dem Thema Sexualität im Alter. Sie greift damit das in Politik und Gesellschaft viel diskutierte Phänomen einer zunehmend alternden Gesellschaft auf, dessen Auswirkungen auf nahezu allen Ebenen Gegenstand öffentlicher Debatten sind. Trotz des aufgeklärten Zustandes westlicher Gesellschaften galt bislang die photographisch-dokumentarische Erforschung erotischer Begegnungen alternder Menschen weitestgehend als Tabu. So richtet sich Katrin Trautners Augenmerk auf „die Abbildung einer gelebten Normalität“, die sich in der öffentlichen Wahrnehmung augenscheinlich erst noch als selbstverständlich etablieren muss.

Summa summarum: „gute aussichten - junge deutsche fotografie 2008/2009“ umfasst exakt 174 einzelne Motive, neun Tondokumente, acht Postkarten, zwei Bücher, einen Postkartenständer und eine Seekarte. Wie in den ersten vier Jahren bietet „gute aussichten 2008/2009“ somit eine einzigartige und stilistisch breit gefächerte Zusammenschau dessen, was in den letzten 12 Monaten an junger Photographie in Deutschland entstanden ist. Die einzelnen Bildserien zeichnen sich durch sehr unterschiedliche ästhetische, formale und konzeptionelle Ansätze aus und gewähren einen Einblick in jene Themen, mit denen sich junge Künstler auseinandersetzen.

Die Initiatorin Josefine Raab zur diesjährigen Auswahl: „Die bereits im vergangenen Jahr sich abzeichnenden thematischen Verlagerungen setzten sich im aktuellen Jahrgang fort. Während sich weiterhin etliche Arbeiten mit gesellschaftspolitischen und nun auch grünen Themen auseinandersetzen („Morgenliebe“, „Maritime Incidents“, „Bäume der Stadt“), spielen, analog zu anderen Medien wie Malerei und Film, die Inszenierungen und Vermischungen von Realität und Fiktion als stilistische Mittel eine starke Rolle („1979“, „Color Lab Club“, „Die Macht der Bilder“, „Bäume der Stadt“). Die kritische Auseinandersetzung mit medientheoretischen Fragen („Transcription-Image“, „Die Macht der Bilder“) ist für die jungen Talente genauso wichtig, wie die Erkundung und Auslotung des Mediums Photographie an und für sich („The Void_Nothing but Space“, „Color Lab Club“).“

Weitere Informationen zu den diesjährigen „gute aussichten“ - Photograph/inn/en und ihren Arbeiten finden Interessierte ab Anfang Dezember unter: www.guteaussichten.org/index.php?id=guteaussichte und ab Ende November im „gute aussichten“-Spezial-Heft, das in Zusammenarbeit mit „brand eins" erscheint und der Dezember Ausgabe der Zeitschrift beiliegen wird und ab Mitte Dezember im neuen Katalog-Buch „gute aussichten - junge deutsche fotografie 2008/2009“.

Erste Ausstellungen & Aktions-Termine
Die Deutschland-Premiere von „gute aussichten - junge deutsche fotografie 2008/2009“ findet am Donnerstag, den 22. Januar 2009, in Hamburg im Haus der Photographie, Deichtorhallen, statt (bis 22. Febuar 2009). Erste Previews der jungen Talente waren bereits vom 15. bis 19. Oktober 2008 auf der Buchmesse (Frankfurt/Main) zu sehen.

 

Fotonachrichten 11 / 2008

Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben.

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden