Gerade Wände, klare Strukturen: Architekturfotografie

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Beton, Glas, Stahl, Holz, Lehm, Ziegel - die Liste der Materialien, die beim Bau zum Einsatz kommen, ist lang. Und unzählige Gebäude sind viel mehr als nur langweilige Kästen, sie bieten aus verschiedenen Perspektiven und je nach Tageszeit überaus spannende Fotomotive. Größte Schwierigkeit für den Fotografen: Das Gebäude nicht aus dem Bild kippen zu lassen.

Einstürzende Neubauten sind auf so manchem Foto zu sehen: schief im Wind hängende Fassaden, nach hinten kippende Wohnhäuser, Kirchtürme krumm wie der Schiefe Turm von Pisa. Das alles sieht meist nicht wirklich beeindruckend aus. Es liegt also am Fotografen, die Kamera so auszurichten, dass alles im Bild gerade ist. Traditionelles Werkzeug des Architekturfotografen ist eine Großformatkamera, die Negative in einer Größe erzeugen, wie mancher Urlaubsschnappschuss nicht einmal auf Papier ausbelichtet wird. Gebräuchliche Formate sind hier 9 x 12 cm und 13 x 18 cm, es gibt aber noch größere Filmformate. Eine Großformatkamera bietet mit ihrem oftmals altertümlich anmutenden Balgen optimale Einstellmöglichkeiten für die Architekturfotografie. Aber auch mit kleineren Bildformaten lassen sich ansehnliche Bilder erstellen ob mit einer Kompakt-, Bridge- oder Spiegelreflexkamera.

Beim exakten Ausrichten der Kamera in der Waagerechten hilft eine Gittermattscheibe, wie sie für viele SLR-Kameras erhältlich ist. Oft kann diese selbst eingesetzt werden, manchmal muss die Kamera aber auch zum Service eingeschickt werden - eine oft lohnende Investition. Die Mattscheibe erzeugt dann ein Gittermuster im Sucher, an dem sich der Fotograf orientieren kann und das nicht nur bei der Architekturfotografie. Außerdem empfiehlt sich die Verwendung eines Stativs. So können Bildausschnitt und Belichtung in aller Ruhe festgelegt werden, ohne dass der Fotograf die Kamera die ganze Zeit im Anschlag halten muss.

Zweitgrößtes Problem in der Architekturfotografie ist die Höhe der Gebäude. Um ein optimales Bild zu erhalten, muss dieses eigentlich in der Zentralperspektive aufgenommen werden. Wird die Kamera nach oben geneigt, entstehen stürzende Linien. Bei einstöckigen Gebäuden mag das noch gehen, wenn die Hausfassade allerdings höher ist, hilft nur noch eine Hebebühne oder ein Shiftobjektiv. Mit einem solchen Spezialobjektiv kann das Bild nach oben verschoben werden, die Kamera also waagerecht ausgerichtet blieben. Shiftobjektive haben meist den Nachteil, dass die Blende manuell eingestellt werden muss, da eine automatische Übertragung oder auch die Messung der Belichtung durch die besondere Konstruktion nicht möglich ist. Wer einen externen Handbelichtungsmesser hat, ist also im Vorteil.

Manchmal können stürzende Linien aber auch als Gestaltungsmittel eingesetzt werden, ebenso wie schiefe Gebäudekanten. Es ist durchaus möglich, ein Gebäude stark zur Seite zu kippen, um so einen besonderen Effekt zu erzielen. Wichtig ist aber, dass die Schräglage extrem ist und nicht aussieht, als sei sie zufällig entstanden. Auch wenn in der Bildmitte ein gerader und dominanter Bildteil steht, kann es durchaus reizvoll sein, stürzende Linien bewusst in Kauf zu nehmen.

Wenn nicht gerade Gebäudedetails fotografiert werden, ist größtmögliche Tiefenschärfe gefragt, damit alle Details später im Bild zu sehen sind. Wird ein Stativ verwendet, kann bedenkenlos abgeblendet werden. Ansonsten gilt natürlich, die Empfindlichkeit an der Kamera möglichst gering einzustellen, um jedes Bildrauschen zu vermeiden. Wer auf Film fotografiert, verwendet vorzugsweise einen niedrigempfindlichen Film.

Die Architekturfotografie ist eines der klassischen Einsatzgebiete für fotografische Filter. Ein Polarisationsfilter ist fast schon ein Muss. Mit ihm lassen sich, je nach Sonnenstand, Spiegelungen aus Fenstern beseitigen, die Farben werden kräftiger, Himmelblau hebt sich stärker vom Gebäude und den weißen Wolken ab. Bei Schwarzweißaufnahmen kann außerdem mit einem dunkelorangenen oder roten Filter ein blauer Himmel abgedunkelt werden.

In der Architekturfotografie können sich wiederholte Besuche lohnen. Manche Gebäude wirken nur zur richtigen Tageszeit beeindruckend, am hellen Mittag ist die Lichtstimmung meist eher langweilig. Auch die optimale Aufnahmerichtung herauszufinden, braucht mitunter einige Versuche.
 

Fotografieren in der Praxis 02 / 2009

1 Kommentare

Sehr guter, kompakter Artikel! Hier allerdings scheint der Autor etwas anderes zu meinen, nämlich Schärfentiefe! Auch hier hilft ihm ein Spezialobjektiv, nämlich ein Tilt-Objektiv, das die Schärfenebene vom Vordergrund in die Tiefe des Bildes hinein verlaufen lassen kann, und dadurch einen größeren Schärfenbereich ohne starkes Abblenden. Beste Grüße aus Linz.

Karl Pfeiffer

von Karl Pfeiffer
03. Dezember 2015, 18:29:32 Uhr

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