Architekturphotographie - Wie jede Gerade zur Kurve wird

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Moritz Maler

In der Architekturphotographie wird stets darauf geachtet, dass waagrechte Linien als solche erscheinen. Senkrechte Linien sollten immer auch wirklich senkrecht stehen, Gebäude auf Photos mit stürzenden Linien sehen meist aus, als würden sie demnächst umfallen. Es geht aber auch anders und dann hat man im Bild das gewisse Etwas. Mit dem Weitwinkelobjektiv ganz nah ran und stürzende Linien noch steiler stürzen lassen.

Die meisten Weitwinkelobjektive bilden die Welt mit mehr oder weniger starken Verzeichnungen ab. Diese Verzeichnungen kann der Photograph ganz gezielt einsetzen, um eine überspitze Darstellung zu erzielen. Je näher der Photograph an das Gebäude heran geht, desto weiter muss er sich nach oben beugen und desto stärker stürzen die eigentlich gerade aufstrebenden Kanten und Häuserwände. Die Wahl des Standortes, aber auch die Haltung der Kamera entscheiden darüber, ob ein Bild gelingt oder nicht.

Auf keinen Fall sollte eine breite Fassade das ganze Bild ausfüllen. Wird an einer solchen mehr oder weniger ebenen Fläche nach oben photographiert, sieht es hinterher im Bild aus, als liege eine Fassade vor dem Betrachter. Eine Kante oder Ecke des Gebäudes und der Fuß eines Turmes sind die richtigen Orte, Architekturphotographie mit dem Weitwinkelobjektiv zu betreiben. Eine Ecke verleiht dem Bild Tiefe. Diese ist wichtig, sie gibt dem Betrachter Orientierung. Die Gebäudekante muss nicht unbedingt in der Mitte des Bildes verlaufen. Ist sie mehr an den Rand gerückt, wird sie zwar unter Umständen tonnenförmig verzeichnet, also zur nach außen gewölbten Kurve, aber gerade das kann dem Bild zusätzliche Spannung verleihen.

Empfehlenswert und reizvoll ist es, eine Hochkantaufnahme zu machen und dabei die Außenkante eines hohen Gebäudes oder eines Turms an den Rand der langen Seite des Bildes zu setzen. Verläuft die eine Kante parallel zum Bildrand, am besten in sehr geringem Abstand, dann stürzt der Rest des Gebäudes umso mehr, denn die stürzenden Linien bleiben in jedem Fall erhalten. Rückt man auf der einen Seite eine stürzende Linie ins Lot, kippt die auf der anderen Seite des Bildes umso mehr. Wird so steil nach oben photographiert, muss auch der Sockel des Hauses nicht mehr im Bild sein. Der Betrachter wird ihn bei einer Aufnahme, die in den Himmel zeigt, nicht vermissen.

Weitwinkelaufnahmen aus geringer Entfernung eröffnen noch weitere Möglichkeiten zur Bildgestaltung, nämlich mit der Schärfenverteilung im Bild zu spielen. So kann der Photograph den Schärfepunkt auf den Bildteil im Vordergrund setzen. Er kann aber auch eine entsprechende Unschärfe im Vordergrund in Kauf nehmen und den Hintergrund scharf abbilden. Bei Weitwinkelaufnahmen ist der Schärfebereich ohnehin recht groß, es bieten sich also mit kurzer Brennweite viele interessante Möglichkeiten, Gebäude mal anders als üblich zu photographieren.
 

Fotografieren in der Praxis 12 / 2007

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