Bilderjagd mit der Fokusfalle

© Fotograf: Heinz Molke, READY FOR TAKE OFF, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Heinz Molke, READY FOR TAKE OFF, Blende-Fotowettbewerb
Wer Vögel an einer Futterstelle fotografieren möchte, kann sich geduldig auf die Lauer legen – mit dem Finger am Auslöser. Oder es der Kamera überlassen, dass sie im richtigen Augenblick auslöst, sobald ein Piepmatz einfliegt. Eine Möglichkeit dazu ist der Einsatz der so genannten Fokusfalle. Diese Technik, von der auch die Bezeichnungen „Schärfefalle“ oder „Catch-in Focus“ kursieren, ist nicht sehr weit verbreitet und auch nicht mit jedem Kameramodell ohne Weiteres möglich. Dennoch kann es sich lohnen, sich mit den Möglichkeiten auseinanderzusetzen, die sich ergeben, wenn der Fotoapparat wie von Geisterhand Bilder schießt.

Die Autofokus-Funktion hat das Fotografieren in den 1980-er und 1990-er Jahren revolutioniert. Seither nimmt es die Kamera dem Fotografen ab, auf ein Objekt scharfzustellen. Ein Antippen des Auslösers genügt. In den zwei gängigen Betriebsarten des Autofokus stellt die Kamera entweder einmal auf ein Objekt scharf und belässt es bei dieser Einstellung, oder die Kamera prüft immer wieder, ob sich an der Entfernung zum Objekt etwas geändert hat und fokussiert bei Bedarf erneut. Durch das Durchdrücken des Auslösers schießt die Kamera in jedem Fall ein Bild. Einen dritten Weg eröffnet die Fokusfalle. Die „Falle“ ist dadurch gespannt, dass ein Fokuspunkt gefunden und der Auslöser bereits durchgedrückt ist. Nur das Objekt fehlt noch. Erst, wenn Hund, Katze, Maus oder Vogel im richtigen Abstand vor der Linse auftauchen, schnappt die Falle zu: Die Kamera löst aus.

© Fotograf: Josef Graf, Umarmung, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Josef Graf, Umarmung, Blende-Fotowettbewerb
So weit die Theorie. In der Praxis können nur die allerwenigsten Kameras dieses Feature serienmäßig vorweisen – aber viele andere Modelle kann man überlisten, indem man das vorhandene Potenzial kreativ ausschöpft. In diversen Fotoforen kursieren für entsprechende DSLR-Modelle Anleitungen, und die jeweilige Kombination von Kamera und Objektiv verlangt eine maßgeschneiderte Prozedur. Nicht jede davon ist ohne Risiken. Wer an der Software „herumfummelt“ oder an Elektrokontakten manipuliert, setzt unter Umständen Gewährleistungsansprüche aufs Spiel. Bei solchen Basteleien empfiehlt es sich, auf Digitalkameras älterer Bauart zurückzugreifen; für derlei Zwecke lohnt es sich im Übrigen, ausrangierte Schätzchen aufzuheben.

Welches Vorgehen sich eignet, lässt sich durch eine Internet-Recherche nach der eigenen Kamera in Verbindung mit Suchbegriffen wie „Fokusfalle“, „Schärfefalle“ oder „Catch-in Focus“ sowie den englischen Entsprechungen „trap focus“ oder „focal trap“ herausfinden. Mit etwas Glück reicht die empfohlene Prozedur nur bis zum Ändern der Tastenbelegung in den Kameramenüs. Dabei werden bei einigen Modellen Autofokusfunktion und Auslösefunktion entkoppelt. Sodann wird auf einen festgelegten Punkt scharfgestellt, der Auslöser gedrückt – was zunächst folgenlos bleibt – und gewartet, bis ein Objekt wie das Vögelchen am Futterhäuschen in die Schärfezone gerät. Dann sollte die Kamera auslösen.

Für andere Modelle, bei denen es nicht mit ein paar Einstellungen getan ist, reichen die Hinweise vom Bedienen der Kamera über ein externes und dafür maßgeschneidertes Programm von einem Computer aus bis hin zu einem Firmware-Hack, also dem Einspielen einer modifizierten Kamerasoftware. Weitere Kameras sollen die Fokusfalle dadurch möglich machen, dass beim Vorfokussieren der Fokusring am Objektiv festgehalten wird – eine ebenso brachiale Methode. Und für wieder andere Modelle lautet die Empfehlung, einen bestimmten goldenen Kontakt am Anschluss des Objektivs mit Klebefilm abzudecken.

Dieser Hinweis, so verrückt er zunächst klingt, führt im Test tatsächlich zum Erfolg. Ein Fitzelchen Klebeband mit kaum drei Millimeter Kantenlänge reicht aus, um dem entsprechenden Kameramodell die Fähigkeit zu rauben, auf das scharfzustellen, was der Autofokus-Sensor erkennt. Stattdessen wird manuell auf eine bestimmte Entfernung scharfgestellt und dann der Auslöser gedrückt. Sobald nun ein Objekt in der Schärfeebene auftaucht, macht es „klick“. Ganz so einfach ist es nun nicht. Damit es funktioniert, müssen zudem die Kamera in den manuellen Belichtungsmodus versetzt und die Blende mit voller Öffnung gewählt werden. Aber immerhin, es klappt am Ende.

© Fotograf: Alexander Ahrenhold, One apple a day, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Alexander Ahrenhold, One apple a day, Blende-Fotowettbewerb
Für die Praxisanwendung ist es jedoch unpraktisch, dauernd den Auslöser gedrückt zu halten. Damit hätte man nichts gewonnen. Also muss ein arretierbarer Fernauslöser den Finger am Auslöseknopf ersetzen. Zudem ist ein einziges Foto womöglich zu wenig, um den perfekten Moment einzufangen. Der erste Gedanke: die Serienbildfunktion der Kamera. Doch daran zeigen sich die kleinen Überraschungen, wenn man die Kamera austrickst: der Apparat schießt tatsächlich ein Bild nach dem anderen, allerdings auch noch, wenn das Objekt bereits wieder verschwunden ist. Für Abhilfe sorgt wieder ein Fernauslöser. Wenn es sich um einen programmierbaren handelt, kann er der Kamera vorgeben, in einem bestimmten Intervall von zum Beispiel einer Sekunde immer wieder auszulösen. Dabei achtet die Kamera offenbar bei aktivierter Fokusfalle im Gegensatz zur Serienbildfunktion bei jedem einzelnen Bild darauf, dass sich etwas im Schärfebereich befindet. Die Kamera löst im Sekundentakt aus, so lange sie ein Objekt erkennt, danach ruht sie.

Wofür braucht man das alles? Zugegeben, die Anwendungsmöglichkeiten halten sich in den engen Grenzen, die die Technik vorgibt. Innerhalb der Schärfezone darf kein anderes Objekt die Falle auslösen. Wenn der Wind einen Zweig immer wieder ins Bild weht, werden natürlich Hunderte Bilder von Blättern entstehen statt von Vögeln. Und auch im Gewirr von Ästen wird die Fokusfalle nicht zwischen Holz und Federn unterscheiden und zu oft auslösen. Voraussetzung ist also eine Umgebung, die Fehlauslösungen vermeidet. Denkbar ist – um bei den Vögeln zu bleiben – ein weit entfernter Hintergrund hinter dem Futterplatz. Abseits dieser Einschränkung sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Wolken oder Flugzeuge am strukturlosen blauen Himmel können für die Fokusfalle ebenso lohnende Beute sein wie der Blitz, der beim Gewitter in der pechschwarzen Nacht aufflammt.

Für viele Einsatzzwecke gibt es allerdings gute Alternativen. Eine der gängigsten ist die Lichtschrankentechnik. Sie ist im Prinzip nichts anderes als eine „Fokusfalle“, auch, wenn sie über einen Umweg der Kamera signalisiert, dass gerade etwas in dem Bereich auftaucht, auf den der Fotograf scharfgestellt hat. Der Vorteil der Lichtschranke ist, dass sie ausgereift ist und mit allen Kameras funktioniert, die einen Eingang für externe elektronische Auslöser besitzen. Zudem erfordert sie keine Manipulationen an der Kamerasoftware oder irgendwelchen Objektivkontakten.

Fotografieren in der Praxis 01 / 2014

Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben.

Artikel kommentieren
* Diese Felder müssen ausgefüllt werden