Blitzlichtfotografie: Licht ins Dunkel bringen

In Wildwest-Filmen gibt es nicht nur rauchende Colts. Auch die Fotografen dieser Zeit schossen ihre Bilder mit Knall und Pulverdampf. Ihre puffenden Magnesiumblitze haben die Lichtbildner damals auf Stangen weit von sich weg gehalten, um nicht Zylinder oder Melone abzufackeln. Dabei könnten sie mit dieser Blitzanordnung noch heute auf Spitzenniveau fotografieren. Denn den Blitz getrennt von der Kamera zu positionieren, ist als entfesseltes Blitzen eine der kreativsten Techniken der Lichtführung. Mit modernen Kameras und Blitzgeräten ist sie so einfach und mächtig wie nie zuvor.

Blitzlichtfotografie: Licht ins Dunkel bringen

Als ungefährliche Entwicklungen die Magnesium-Brandsätze ablösten, rückten die Blitzgeräte auch näher an Kamera und Fotograf heran. Zunächst wurden die Lichtspender auf Schienen mit der Kamera verbunden, eine Methode, die bei großen Geräten noch heute verwendet wird und für kreative Anwendungen Flexibilität bietet. Die immer kompakteren Blitzgeräte wurden schließlich auf so genannten Blitzschuhen auf den Kameragehäusen angebracht. Das ist die bis heute am weitesten verbreitete Methode, externe Blitzgeräte zu verwenden. In Kompaktkameras und in den meisten Systemkameras unterhalb der Profiliga sind zudem eingebaute Miniblitzgeräte Standard.

Moderne Blitzgeräte und ihre Einbettung in Kamerasysteme sind kleine Wunder der Technik. Wer sich der Vollautomatik einer Kamera hingibt, kann erleben, wie Umgebungs- und Blitzlicht perfekt aufeinander abgestimmt werden. Blitzen auf den zweiten Verschlussvorhang erlaubt spannende Aufnahmen von sich bewegenden Objekten. Im Stroboskop-Modus friert das Blitzgerät eine Serie einer Bewegung ein wie eine anatomische Studie. Das alles hat bei der Standard-Anordnung nur einen Haken: Das Licht trifft immer frontal vom Standpunkt des Fotografen aufs Objekt. Das ist die „Fessel“, die die feste Montage des Blitzgeräts an der Kamera dem Fotografen anlegt, und sie hat einige Folgen.

Der auffälligste Effekt, den frontales Blitzlicht hervorrufen kann, sind rote Augen bei Menschen und Tieren, die in die Kamera blicken. Das liegt daran, dass das Licht des Blitzes im sehr flachen Winkel zur optischen Achse auf die Pupille trifft und den gut durchbluteten Augenhintergrund ausleuchtet. Kleine Vorblitze oder Spotlichter, die das Auge blenden, damit sich die Pupille verengt, sind ein Hilfsmittel. Ein anderes sind schwenkbare Blitzgeräte, die das Licht zum Beispiel über eine Zimmerdecke abgeben, wodurch es im steilen Winkel und gestreut auf das Auge trifft. Die Vorblitzmethode ist aber nicht hundertprozentig zuverlässig, und indirektes Blitzen scheitert immer dort, wo keine Zimmerdecke vorhanden ist. Auch, wenn eine Decke in einem dunklen oder kräftigen Ton gehalten ist, gibt es Einschränkungen, weil viel Licht verloren geht oder sich ein Farbstich über das gesamte Bild legt.

Ein grundsätzliches physikalisches Problem beim Blitzen ist die Art der Lichtausbreitung. Von einer punktförmigen Quelle ausgehend verteilt sich Strahlung kugelförmig im Raum. Dabei nimmt ihre Intensität auf den Abstand bezogen quadratisch ab. In der zweifachen Entfernung kommt also nur ein Viertel des Lichtes an. Das bedeutet in der Praxis, dass etwa hintereinander stehende Menschen auf einer nächtlichen Party nicht gleich viel Licht abbekommen. Wegen des eben beschriebenen Abstandsgesetzes fällt die Ausleuchtung durch einen frontalen Blitz dramatisch nach hinten ab. Die am nächsten stehenden Gäste sind noch korrekt belichtet, oft sogar etwas überbelichtet, aber alle anderen wirken schon so düster als würden sie im Abseits stehen. Vom Partyhintergrund ist oft nicht viel zu sehen, außer ein paar Fackeln oder Lichtern, die aus dem Dunkel herausleuchten. Auch diesen Effekt kann man in geschlossenen Räumen durch indirektes Blitzen abmildern, aber nur bis zu einem bestimmten Grad, denn der Blitz an die Decke verlagert nur den scheinbaren Ursprung des Lichtes weg von der Kamera auf eine größere Fläche über dem Geschehen; die Physik aushebeln kann der Kniff auch nicht.

Es gibt noch ein grundsätzliches ästhetisches Problem beim frontalen Blitzen. Das harte, senkrecht auftreffende Licht nimmt vor allem Gesichtern Natürlichkeit und Plastizität. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom „Totblitzen“. Auch dagegen gibt es Hilfsmittel wie Streulichtvorsätze, manche sogar mit hautfreundlicher Farbgebung, aber das Dilemma bleibt: Das Licht kommt nur von vorne, und der Fotograf hat kaum eine Chance zu einer bewusst eingesetzten Lichtführung. Hinzu kommt ganz profan der störende Schattenwurf eines Menschen auf eine dahinterliegende Wand.

Um nicht missverstanden zu werden: Moderne Blitztechnik in eingebauten Geräten und Aufsteckblitzgeräten kann in Verbindung mit hochempfindlichen Sensoren und Bildstabilisatoren viele Situationen retten, aus denen früher kaum noch etwas herauszuholen gewesen wäre. Wenn es schnell gehen muss oder wenn man die Location nicht kennt, bleibt einem oft auch kaum eine andere Wahl als in der Standard-Blitzanordnung zu fotografieren. Doch mit etwas Vorbereitung und dem Mut, die Fesseln der Blitzfotografie zu sprengen, kann man im wahrsten Sinn des Wortes Licht ins Dunkel bringen und auch größere Locations ansprechend ausleuchten. Der Einstieg in das entfesselte Blitzen ist einfacher als gedacht, wie unser nächster Teil zu diesem Thema zeigen wird.

Fotografieren in der Praxis 06 / 2015

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