Bokeh, die schönste und variantenreichste Form der Unschärfe

Schärfe und Unschärfe sind nicht nur Kriterien für die technische Qualität einer Fotografie und die Abbildungsleistung des Objektivs oder des Sensors, sie sind auch wesentliche Werkzeuge zur Bildgestaltung. Ebenso wie die Schärfe verfügt auch die Unschärfe über spezifische Charakteristika, die Einfluss auf die Bildwirkung haben. Anmutung und Aussage einer Fotografie werden nicht zuletzt auch durch die Verteilung und die Charakteristik der scharfen und unscharfen Bildanteile bestimmt. Deswegen greifen viele Fotografen in den letzten Jahren immer häufiger zu Kameras und Objektiven, von denen sie sich einen ganz besonders gearteten Unschärfeverlauf versprechen. Dazu gehören Nachbauten historischer Objektive, wie das 1840 von Josef Maximilian Petzval erstmals konstruierte und nun von der Lomographischen Gesellschaft wiederaufgelegte Porträtobjektiv mit steuerbarer Charakteristik der Unschärfe durch unterschiedliche Blendeneinsätze.

© Fotograf: Monika Drobez, ...Löwenzahnballett..., Blende-Fotowettbewerb  ...bei diesem Foto steht für mich das Bokeh im Vordergrund, es sieht aus, wie mit einem Pinsel gemalt.
…Löwenzahnballett…
…bei diesem Foto steht für mich das Bokeh im Vordergrund, es sieht aus, wie mit einem Pinsel gemalt.

‚Bokeh‘ – Bezeichnung für die durch die optische Bedingungen verursachte Unschärfe

Sprachen Fotografen früher von ‚selektiver‘ oder ‚springender‘ Schärfe oder auch von dem ‚besonderen Schmelz‘, wenn sie die Verteilung von Schärfe und Unschärfe als Gestaltungsmittel verwendeten, so hat sich inzwischen der aus dem Japanischen stammende Begriff ‚Bokeh‘ als Bezeichnung für die durch die optische Bedingungen verursachte Unschärfe durchgesetzt. Bestimmt – wie in Teil I und II unserer Artikelreihe über die technischen und ästhetischen Aspekte von Schärfe und Unschärfe ausgeführt – die Größe des Zerstreuungskreises den Grad der Unschärfe, so bewirkt seine Form deren Charakter.

Dazu ein kleiner Exkurs zur Entstehung der Zerstreuungskreise. Wie schon gesagt gibt es keine absolute Schärfe, da der optimale Schärfepunkt in seiner Größe gegen „0“ tendiert. Jeder Bildpunkt hat physikalisch bedingt, eine Größe, die ab einem bestimmten Grad als unscharf wahrgenommen wird. Größe und Form der Bildpunkte wiederum bestimmen schließlich die Charakteristik der Unschärfe.

Hintergrundunschärfe lässt sich mit den meisten Objektive erzeugen. Sie ist das Resultat der Schärfentiefe. Mit ihr lassen sich die bildwichtigen Objekte aus ihrem Umfeld lösen, das unwichtige in der Unschärfe verschwinden. Die Ausdehnung oder Limitierung des Schärfebereichs wird durch den Abbildungsmaßstab und die Blendenöffnung bestimmt. Bei größeren Abbildungsmaßstäben wird der Schärfebereich eingeschränkt und bei kleineren erweitert. Es sind also nicht Sensorgröße und Brennweite, wie oftmals angenommen, die zu einer deutlichen Hintergrundunschärfe führen. Auch Superweitwinkelobjektive mit extremer Lichtstärke und kurzen Aufnahmedistanzen für einen großen Abbildungsmaßstab, können einen wunderschönen Verlauf der Hintergrundunschärfe erzeugen. Das erklärt auch, warum immer mehr Fotografen, die dieses Gestaltungsmittel schätzen zu den modernen, hochlichtstarken Superweitwinkelobjektiven greifen und so Nahaufnahmen erstellen, die durch ihr bezauberndes Bokeh begeistern.

© Fotograf: Sandra Ilgaz, Bokehtraum, Blende-Fotowettbewerb
Bokehtraum

Doch nicht jedes Objektiv gleicher Brennweite und Lichtstärke liefert die gleiche Anmutung des Unschärfeverlaufs. Eine weitere, wesentliche Rolle spielt die optische Konstruktion und die Form der Blende, durch die Lichtstrahlen, die auf den Sensor fallen, geformt werden. Allgemein wird eine sanft verlaufende Unschärfe als ein angenehmes Bokeh empfunden, doch für bestimmte Bildaussagen, sind auch spezifische Ausprägungen der Unschärfe gefragt. Diese sind bei manchen Spezialobjektiven durch die Möglichkeit mit Steckblenden zu arbeiten, die der Blende vorgeschaltet werden, auch variierbar.

Einen besonderen Unschärfecharakter liefern die sogenannten Spiegelobjektive, bei denen Reflexe im Unschärfebereich als mehr oder weniger große Kreise abgebildet werden und dadurch den Teleaufnahmen eine ganz bestimmte Charakteristik verleihen.

Häufig wird diskutiert, was denn ein gutes oder ein schlechtes Bokeh* sei. Eine obsolete Frage, denn welchen Unschärfeverlauf sich ein Fotograf für seine spezifische Aufnahme wünscht, hängt von der Aussage ab und der Wirkung, die er damit erzielen möchte. Sicherlich ist eine sanft und gleichmäßig verlaufende Unschärfe, wie sie von den meisten Objektivherstellern angestrebt wird, für viele Porträtfotos oder Nahaufnahmen erstrebenswert. Umgekehrt können aber auch die sogenannten Seifenblasen-Bokehs, wie sie von manchen Objektivnachbauten erzielt werden, speziell für Nachtaufnahmen, wo die Lichter im Hintergrund als bunte, unscharfe Punkte wiedergegeben werden sollen, die bessere Wahl sein. Die Form von Lichtreflexen im Bildhintergrund hängt, wie gesagt, von der Form der Blende ab. Moderne Objektive versuchen, durch eine möglichst kreisrunde Blende, erzeugt durch eine größere Anzahl von Blendenlamellen, einen besonders sanften Unschärfeverlauf mit ebenfalls kreisrund abgebildeten Lichtpunkten zu erzeugen. Bei älteren Konstruktionen, die noch mit weniger Lamellen arbeiten, haben diese Reflexe manchmal auch die Form eines Polygons, die unter Umständen eine für die angestrebte Bildwirkung, passendere Charakteristik haben. Besonders augenfällig wird das Bokeh bei Aufnahmen mit Tele- und Makroobjektiven, weil diese wegen ihres großen Abbildungsmaßstabes eine besonders geringe Schärfentiefe besitzen. Hier machen die Qualität der optischen Konstruktion und dabei nicht zuletzt die Form der Blende den entscheidenden Unterschied in der Wirkung des Unschärfeverlaufes aus, auch wenn – wie gesagt – die Unterscheidung zwischen einem guten oder schlechten Bokeh letztlich mehr oder weniger eine Geschmacksfrage bleibt und der Gestaltungsabsicht des Fotografen folgen sollte.

Fünf Tipps für Aufnahmen mit Bokeh

Um überhaupt die Unschärfe als Gestaltungsmittel nutzen zu können, sind ein paar einfache Tipps zu beachten:

  • Nutzen Sie Objektive mit Festbrennweite, hoher Lichtstärke und kurzer Naheinstellgrenze.
  • Wählen Sie einen unruhigen, bunten Hintergrund und keine einfarbige Fläche
  • Stellen Sie die Kamera auf Zeitautomatik und wählen Sie eine große Blende (kleine Blendenzahl)
  • Für Porträtfotos liefern hochlichtstarke Objektive mit mittleren Telebrennweiten im Bereich von 85 bis 135 Millimetern in der Regel ein sehr gutes Bokeh.
  • Wählen Sie ein Objekt als Hauptmotiv mit begrenzter Ausdehnung und experimentieren sie mit der Blende, damit beispielsweise bei Porträtaufnahmen nicht die Augen scharf und die Nasenspitze unscharf erscheint.

Blende – Der Fotowettbewerb für Fotobegeisterte jeden Alters

„Blende“, ist der Wettbewerb für Fotobegeisterte aller Altersgruppen. Seit Jahrzehnten ist „Blende“ ein Trendbarometer für den Stand der Fotografie und damit ein wichtiges Zeitdokument. Die jährliche Gemeinschaftsaktion von Tageszeitungen und der Prophoto GmbH begeistert Teilnehmer, Veranstalter und Bildgenießer gleichermaßen.

„Blende“ bietet allen Amateurfotografen ein Forum und die große Chance, ihre Schaffenskraft zum Besten zu geben. Dazu gehört auch, mit Gleichgesinnten zu den thematischen Vorgaben in den Wettstreit zu treten. Dabei wachsen die Teilnehmer über sich hinaus und geben Zeugnis über ihr kreatives fotografisches Potential. Ihre Bilder sind allesamt fotografisch konservierte Augeneindrücke, die durch ihre Teilnahme an „Blende“ zudem den Raum der privaten Betrachtung verlassen und den öffentlichen Schauplatz betreten. Nur die Präsentation der „Blende“-Bildeinsendungen in den Galerien auf unserer Homepage erscheint uns ausbaubar. Deshalb zeigen wir – vielfach mit Unterstützung der „Blende“-Fotografen – auf, was notwendig ist, um zu so sehenswerten Aufnahmen, wie hier veröffentlicht, zu gelangen. Damit soll nicht zum Kopieren inspiriert werden, sondern motiviert werden zum eigenen Spiel mit Zeit und Blende. Übrigens: Der Startschuss zu „Blende 2017“ ist inzwischen gefallen. Weitere Informationen: https://www.prophoto-online.de/fotowettbewerb-blende/blende-2017-startschuss-zur-43-runde-gefallen-10010700

Fotografieren in der Praxis 07 / 2017

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