Das eigene Foto-„Studio“ - Unter freiem Himmel

SUNBOUNCE PHOTO AND LIGHTING WORKSHOPS
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Der Vorteil eines klassischen Fotostudios ist auch sein großes Manko: Die sterile Atmosphäre erlaubt berechenbare und wiederholbare Ergebnisse, sperrt aber natürliches Umgebungsflair aus. Für zahlreiche Sujets versuchen Fotografen daher, Wohnräume oder Landschaften mithilfe von Requisiten, Hintergrund und Beleuchtung zu simulieren. Dabei ist der umgekehrte Weg konsequenter: Nicht die Natur ins Studio holen, sondern das Studio in die Natur. Einen Teil des Equipments kann man nämlich mit geringen Anpassungen unter freiem Himmel nutzen und mit etwas Spezialzubehör gelingen spannende Fotos vor jeder erdenklichen Kulisse. Und manche Aufnahme gelingt überhaupt nur im Freien – etwa das Hochzeitsporträt mitsamt Brautauto.

Die Fotografie im „Freiluftstudio“ ist nicht nur von der natürlichen Umgebung geprägt, sondern vor allem auch vom natürlichen Tageslicht. Ein zweischneidiges Schwert. Zwar muss sich der Fotograf draußen keine Mühe mehr geben, reines Kunstlicht irgendwie natürlich wirken zu lassen. Aber die Sonne lässt sich andererseits nicht so komfortabel dosieren wie eine Studioleuchte oder ein Blitzgerät. Und sie strahlt entweder knallhart vom blauen Himmel oder hellt nur eine Wolkendecke auf – mit der Folge, dass das Licht von überall herkommt. Fotografie im Freien ist, was das Licht anbelangt, kein Wunschkonzert. Die Herausforderung ist, das Umgebungslicht zu formen und wo es sein muss, mit Kunstlicht zu ergänzen. Wie so oft ist die richtige Ausrüstung dazu die halbe Miete.

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Kernstücke für ein studio-ähnliches Shooting im Freien sind ganz simple Zubehörteile, die hartes Sonnenlicht weich machen oder es umlenken können: Diffusoren und Reflektoren. Diffusoren sind im Prinzip großflächige Schattenspender. Sie blenden direktes Sonnenlicht über einem Fotomodell aus und lassen die Photonen, die von der Sonne angeflogen kommen, nur gestreut weiter. Das Ergebnis ist weiches Licht wie aus einer Softbox. Im Prinzip wirken sie wie eine Wolkendecke, die man über dem Modell oder seitlich davon platziert, je nachdem woher die Sonne scheint.

Diffusoren gibt es aus Textilfasern ebenso wie aus folienartigem Kunststoffmaterial. Die Art des Materials sollte man etwas vom Einsatzzweck und der benötigten Größe des Diffusors abhängig machen. Kleinere, faltbare Diffusoren für Porträts, die man häufig an allen Ecken anfasst, am Set beiseitelegt und auch einmal entfaltet transportiert, sollten leicht zu reinigen sein. Diffusoren sollte man nicht zu klein wählen; zu groß schadet hingegen seltener. Für Porträts im Freien gibt es handliche Diffusoren, rund, oval oder rechteckig, mit deutlich weniger als einem Meter Durchmesser. Für Aufnahmen von Menschen oder gar Gruppen sind entsprechend große Diffusoren erhältlich. Weil die Arme von Helfern nicht unendlich lang werden können, gibt es für Diffusoren, die über den Köpfen von Fotomodellen gehalten werden sollen, ausziehbare Haltearme. Nach oben runden lichtdurchlässige Sonnensegel die Weichmacherpalette ab. Diese werden einfach zwischen Bäumen oder an Hintergrundständern befestigt.

Ab einer gewissen Größe sollte man grundsätzlich die Angriffsfläche möglicher Windböen im Auge behalten. Das gilt für die Softboxen von Studioblitzen, die im Freien verwendet werden sollten, ebenso wie für Reflektoren. Diese dienen, wie schon erwähnt, der Umlenkung des Lichts. Sie sind ähnlich wie Diffusoren aufgebaut, also im Prinzip dünne, oft faltbare und folienartige Kunststoffe, die Licht reflektieren. Ein solcher Reflektor, im passenden Winkel zur Sonne vor ein Fotomodell gehalten, wirft etwas Sonnenlicht von unten zurück auf das Gesicht und hellt es auf. Reflektoren wirken wie eine zusätzliche Lichtquelle und kommen daher ebenso im geschlossenen Studio zum Einsatz. Auch sie gibt es in unterschiedlichen Größen, vor allem aber in unterschiedlichen Farben. Die Klassiker sind Reinweiß, Silber und Gold. Die Wirkung ist deutlich verschieden. Weiße Reflektoren hellen Schatten auf und erzeugen dabei sehr weiches Licht, allerdings geht auch mehr Licht verloren als bei silberbeschichteten Reflektoren. Diese streuen das Licht weniger, hellen stärker auf und sorgen für tendenziell härteres Aufhelllicht. Die goldbeschichteten Reflektoren wirken ähnlich, verändern aber auch den Farbton des Lichts. Er wirkt wärmer und gibt vor allem Hauttönen das gewisse Etwas.

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Das Über-Bande-Spiel mit dem natürlich vorhandenen Licht hat aber seine Grenzen. Nicht jede Gegenlichtsituation lässt sich mit diesen recht einfachen Hilfsmitteln in den Griff bekommen. Dann kommen aktive Lichtquellen ins Spiel: Studiolampen oder Studioblitzgeräte. Soweit das Set in der Reichweite von Steckdosen ist, ist der Einsatz der Elektrosonnen unproblematisch und unterscheidet sich prinzipiell nicht von dem in geschlossenen Räumen. Lediglich an die ästhetisch ansprechende Mischung aus Sonnenlicht und Kunstlicht muss sich der Fotograf herantasten.

Anders sieht es fernab des Stromnetzes in freier Natur oder in der ansprechenden Kulisse einer Industrieruine aus. Der erste Gedanke mag da auf Stromerzeuger aus dem Baumarkt fallen. Doch so ein Notstromaggregat kann nicht nur nervtötend lärmen. Es verträgt sich vor allem nicht mit jedem angeschlossenen Gerät. Simpel und robust konstruierte Leuchten mögen mit dem Strom aus dem ratternden Benzinmotor noch zurechtkommen.

Für die empfindliche Elektronik von Studioblitzgeräten sind einfache Stromerzeuger unter Umständen aber zu grobe Kerle. Natürlich gibt es im Fachhandel Spitzengeräte, die Strom mit sauberen Sinuskurven für elektronische Bauteile erzeugen, und freilich kann man seine wertvollen Studioblitze mit Überspannungschutz-Geräten absichern. Doch bekommt man fürs gleiche Geld auch transportable Batteriepacks, die die Stromversorgung einer Studioblitzanlage gewährleisten. Wer sich eine Blitzanlage neu anschafft und sich mit dem Gedanken trägt, sie auch an Locations ohne Steckdose einzusetzen, sollte prüfen, ob der Hersteller eine aus Akkus gespeiste Stromversorgung anbietet oder ob die Blitze, zumindest mit denen auf dem Markt befindlichen transportablen Batteriepacks, funktionieren.

Eine interessante Alternative zu großen Studioblitzanlagen ist das kompakteste aller Blitzgeräte: der Aufsteckblitz. Die kleinen Lichtwunder können in vielen Situationen fein dosierbare Aufhellblitze liefern, die ausreichend hell sind. Wie eine Studioblitzanlage können die Aufsteckblitze auf Stativen und/oder Schienensystemen im Raum verteilt werden. Moderne Systemblitze können mit abgestufter Leistung zentral ausgelöst werden. Und wie bei Studioblitzen kann der Fotograf das Licht über Mini-Softboxen formen. Ein Klassiker als Aufhellblitz in der Porträtfotografie on location ist das große Ringblitzgerät beziehungsweise ein Ringblitzvorsatz, die einen weichen, voll ausleuchtenden Aufhellblitz erzeugen.

Das Draußen-Studio ist Wind und Wetter sowie neugierigen Blicken ausgesetzt. Lohnende Investitionen sind daher Stellwände zum Vertäuen, die als Windschutz dienen – und im Fall von Aktaufnahmen auch als Sichtschutz. Dazu gibt es im Handel auch mobile Umkleidekabinen, die Modells etwas Privatsphäre geben. Mehr über solche pfiffigen Helferlein, die die Arbeit im Studio erleichtern, gibt es im nächsten Teil unserer Studio-Serie.

Fotografieren in der Praxis 04 / 2013

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