Eigenes Fotostudio für People- und Aktaufnahmen

© Fotograf: Heidi Wittwer, Madonna - Revival...2, Photoglobus
© Fotograf: Heidi Wittwer, Madonna – Revival…2, Photoglobus
Das Fotostudio wächst mit seinen Aufgaben. Wer die Fesseln eines kompakten Porträtstudios ablegen und Ganzkörperaufnahmen oder Gruppenbilder schießen möchte, wird sich vielleicht nach größeren Räumlichkeiten umsehen müssen – fast sicher aber nach großzügiger bemessener Ausrüstung. Der Hintergrund und wesentliche Teile der Beleuchtung müssen mit dem „Wachstum“ des Motivs und den Ansprüchen des Fotografen Schritt halten. Und wer sich an die Königsdisziplin der Fotografie von Menschen – den Akt – wagt, muss den nackten Tatsachen ins Auge sehen. Unter anderem, dass unbekleidete Fotomodelle in Kellerräumen schon einmal Gänsehaut bekommen. Kurzum: Etwas Infrastruktur gehört zum großen Fotostudio dazu.

Das beginnt bei einer so banalen Angelegenheit wie der Temperaturregelung. Kein Fotomodell, zumal im Amateurbereich, hält lange durch, wenn es im Keller friert. Und aus dem samtigen Glanz eines Rückens auf FineArt-Papier wird es nichts, wenn dem Modell in einem Dachstudio im Sommer der Schweiß herunterrinnt. Für ein entspanntes Shooting ist in kühlen Räumen eine Heizung Pflicht. Studios, die spätestens beim Einsatz von sich stark erwärmenden Studioleuchten zum Überhitzen neigen, sollten gut belüftet oder mit einer Klimaanlage ausgestattet werden. Das ist ebenso kein Luxus wie eine abgetrennte Umkleidemöglichkeit. Sich vor der Kamera nackt fotografieren zu lassen, ist nämlich die eine Sache, sich vor dem Fotografen auszuziehen, ein ganz andere.

© Fotograf: Michael Lupp, Maria, Photoglobus
© Fotograf: Michael Lupp, Maria, Photoglobus
Die Lichtführung ist das A und O im Studio. Gegenüber Porträtaufnahmen ist bei Ganzkörperaufnahmen der Bereich, in dem Licht geformt werden muss, wesentlich größer. Für eine gleichmäßige, weiche Ausleuchtung vom Scheitel bis zur Sohle reichen die kleinsten Blitz-Softboxen nicht mehr aus, da sollten es, je nach Einsatzgebiet, runde beziehungsweise achteckige Softboxen mit eineinhalb oder zwei Metern Durchmesser sein oder lange, schmale Softboxen, die auch als Striplights bekannt sind. In der Leuchtenversion gibt es solche Striplights auf Basis von Leuchtstoffröhren. Eine gleichmäßige Ausleuchtung in der Fläche versprechen auch LED-Flächenleuchten. Diese haben auch den Vorteil, dass sie relativ wenig Hitze abgeben.

Die Fotografie eines ganzen Körpers oder mehrerer Menschen in Interaktion bietet mehr Ansätze zu kreativer Lichtführung als Porträtsitzungen. Zu den zwei obligatorischen Lichtquellen können durchaus zwei bis drei weitere hinzukommen, je nachdem wie raffiniert Lichteffekte eingesetzt werden sollen. Ein Extremfall als Beispiel: Das Fotomodell wird von einem Blitzgerät über der Kamera frontal beleuchtet. Zwei weitere Blitzgeräte setzen Spotlichter seitlich am Körper und nochmals zwei weitere überblitzen flächig und gleichmäßig den weißen Hintergrund.

Für den Anfang sollten drei Lichtquellen ausreichen, bei denen übrigens nicht jede leistungsfähiger sein muss als die Leuchten oder Blitzgeräte in kleineren Studios. Entscheidend ist der Einsatzzweck. Ein ungefilterter Spot aus geringer Nähe benötigt weniger Blitzleistung als das Fluten eines Raumes durch eine Riesensoftbox. So kann sich zu zwei „schwächeren“ Blitzgeräten mit vielleicht 300 oder 400 Wattsekunden zunächst eines, später auch zwei mit der eineinhalbfachen oder doppelten Blitzenergie gesellen. Bei Leuchten gilt das im Prinzip genauso, nur steigen hier die Anschaffungspreise nicht in dem Maß mit der Leistung wie bei Blitzgeräten.

Je nach Anspruch des Fotografen rücken bei den Blitzgeräten andere Kriterien gegenüber der puren Leistung in den Vordergrund, die sich ja teilweise über die ISO-Einstellung an der Kamera kompensieren lässt. Zum einen können funzelige Einstelllichter das Arbeiten unnötig erschweren. Diese Dauerbrenner sollen dazu dienen, den Lichtverlauf des Blitzes vorherzusehen. Sind sie zu schwach ausgelegt, wird es damit aber nichts.

© Fotograf: Michael Lupp, Nicole, Photoglobus
© Fotograf: Michael Lupp, Nicole, Photoglobus
Ein Trost: Mit Testaufnahmen kann man die Lichtsituation am Display einschätzen. Schwieriger wird es, wenn Fotografen Action im Studio fotografieren wollen. Um schnelle Bewegungen einzufrieren, also etwa den Tänzer bei der Pirouette, sind extrem kurze Belichtungszeiten nötig. Dabei wird die sogenannte Abbrennzeit eines Blitzgerätes zur entscheidenden Größe. Diese zu messen und zu interpretieren, ist eine kleine Wissenschaft für sich. Wichtig ist: Wenn es auf kürzeste Blitzzeiten ankommt, sollte man vor der Anschaffung die Produktdatenblätter der Hersteller vergleichen – und notfalls speziell auf Profi-Equipment zurückgreifen, das auf kurze Abbrennzeiten ausgelegt ist. Das gilt auch für die Blitzfolgezeiten. Wer Action-Aufnahmen machen möchte, wartet ungern zwei Sekunden zwischen zwei Aufnahmen, bis der Blitzkondensator wieder aufgeladen ist.

Zur weiteren Grundausstattung eines größeren Studios zählt ein breiter Hintergrund. Dessen Beschaffenheit – Textilien, abwaschbarer Kunststoff oder Papier – ist Geschmackssache. Sehr komfortabel sind abrollbare Papierhintergründe, die es in vielen Farben gibt. Dazu sind Abrollvorrichtungen verfügbar, in die mehrere Rollen eingespannt werden können. Der Wechsel von einer Farbe zur nächsten geht so in einer Minute. Die Rollen – und natürlich jeder Stoffhintergrund – können fest an der Wand oder der Decke montiert oder auf Stativen befestigt werden. Und man kann zwischen beiden Varianten wechseln – ein wichtiger Punkt, wenn man nicht jede Aufnahme in den eigenen Räumen realisieren kann.

In ersten Überlegungen wird oft nicht klar, dass der Umstieg von Porträt- auf Ganzkörperfotografie ein Vielfaches an Platz benötigt. In drei Dimensionen stoßen Fotografen an die Grenzen von Innenräumen: in der Länge des Raums, in der Breite und in der Höhe. Die Problematik der Entfernung zwischen Kamera und Fotomodell haben wir bereits im Beitrag „Das eigene Fotostudio für Porträts – so viel Platz muss sein“ erläutert. Wer mit den im Studio beliebten leichten Telebrennweiten einen Körper komplett aufnehmen möchte, muss mindestens fünf Meter Abstand einkalkulieren. Die nächste Hürde ist die Breite. Der gern fotografierte liegende Akt braucht mit gestreckten Armen gut 2,50 Meter. Mindestens so breit muss der Hintergrund sein. Rechnet man links und rechts einen Meter für die Beleuchtung, so sind es schon 4,50 Meter, die der Raum in der Breite aufweisen muss. Zuletzt die Höhe, die kritische Dimension für Kellerräume. Ein stehender Mensch braucht mehr Raumhöhe als man denkt. Das hat mit der Kameraperspektive zu tun. Abhängig von der Position der Kamera und der Aufnahmebrennweite muss der Hintergrund teilweise deutlich über die Kopfhöhe hinausragen.

Bei all diesen Parametern stößt der vermeintlich so geräumige Hobbykeller rasch an seine Grenzen. Fotografen sollten daher auch die Option prüfen, das größere Studio ganz oder zumindest für Aufgaben, die viel Platz benötigen, an eine externe Location zu verfrachten. Was zunächst verrückt klingt, hat aber seinen Reiz. Viele geeignete große Räume lassen sich tageweise nutzen. Das kann der Versammlungsraum der Feuerwehr sein, die Kegelbahn, der Tanzsaal im Landgasthof oder die Lagerhalle eines Unternehmens. Fragen kostet nichts, vielleicht stimmt der Besitzer schon zu, wenn ganz nebenbei ein paar Familienporträts für ihn herausspringen. Das Verfrachten der Ausrüstung ist kein großer Akt. Das meiste Equipment ist zusammenklappbar und lässt sich in jedem Kombi transportieren. Lediglich lange Hintergrundrollen werden zum Problem. Entweder weicht man dann auf faltbaren Stoff aus oder nutzt als Hintergrund eine reizvolle Umgebung. Industriehallen, Altbauwohnungen oder Scheunen bieten alles, was der Fotograf braucht: viel Platz und ein tolles Ambiente. Wie man das unter freiem Himmel auf die Spitze treiben kann, zeigt der nächste Teil unserer Studio-Serie.

Fotografieren in der Praxis 04 / 2013

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