Es muss nicht immer gerade sein - Versuchen Sie sich mal in schrägen Bilder

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Blende, Zeig’s mir, Baby
Micaela Ortenstein

Unser Gang ist aufrecht und wir haben gelernt, die Welt horizontal zu sehen. Wie wäre es mal, wenn Sie diese Position verlassen und sich seitlich auf den Boden legen oder wenn Sie einfach Ihren Kopf in Schräglage bringen? Ihr Gehirn ist so konditioniert, dass es bei aller eingenommenen Schiefheit das Bild gerade ausrichtet. Weil wir dies so gewohnt sind, tendieren wir auch dazu, in der Fotografie unsere Bilder horizontal auszurichten – übrigens eine der goldenen Regel der Bildgestaltung. Muss man diese Regeln immer strikt befolgen? Nein, denn Regeln sind in der Fotografie dazu da, ab und an gebrochen zu werden. Das soll nun jedoch nicht heißen, nur noch schräge Bilder aufzunehmen. Zudem gibt es Motive, die keine Schrägheit vertragen. Entscheidet man sich gegen die gerade Ausrichtung, so müssen diese Bilder überzeugen, damit der Betrachter nicht auf den Gedanken kommt, dass der Fotograf sein Unvermögen auslebt.

In der Schnappschussfotografie, bei der es ja oftmals sehr schnell zugeht, werden schräge Aufnahmen meistens verziehen, da sie authentischer wirken. Der Horizont muss also nicht zwangsläufig gerade ausgerichtet sein, wenn der Fußballer zum Köpfen ansetzt oder die frisch Vermählte ihren Brautstrauß von sich wirft. Selbst Fotografen im Studio kippen vielfach die Kamera bei actiongeladenen Shootings, um die Aufnahmen lebendiger und echter erscheinen zu lassen. Auch bei Motiven, wo Linien das bildbestimmende Element sind, lohnt es sich, die gewohnte Sichtweise mal zu verlassen. Auch Linien müssen in der Fotografie nicht zwangsläufig gerade angeordnet werden. Wichtig ist jedoch darauf zu achten, dass man bei aller Schrägheit in der Aufnahme nicht die Orientierung verliert. Das bringt Chaos bei der Bildbetrachtung, denn die Augen finden keinen Halt und wissen nicht, wohin der Fokus gelegt werden muss. Positiv empfunden werden Linien, die in der Aufnahme von links oben nach rechts unten zu fallen scheinen, während der Linienverlauf von links unten nach rechts oben als anstrengend gilt. In seinen Aufnahmen sollte man der gewohnten Leserichtung folgen, also von links nach rechts – das erzeugt Geschwindigkeit.

Ob es sinnvoll ist, Landschaften oder beispielsweise Stadtansichten schräg auszurichten, muss sehr in Frage gestellt werden. Bei diesen Motiven stört Schrägheit, weil unser Weltbild ein anderes ist. Wir alle kennen Aufnahmen, bei denen das Wasser aus dem Bild zu laufen scheint, weil der Horizont nicht gerade ausgerichtet wurde. Das liegt an der Dominanz der Horizontlinie, also der Trennung von Himmel und Erde. Die schräge Ausrichtung führt dazu, dass wir das Gewohnte verlassen. Entweder man übertreibt maßlos oder man entscheidet sich für die gewohnte horizontale Ausrichtung. Und noch einen Aspekt gilt es zu beachten. Bei solchen Motiven geht der Betrachter davon aus, dass der Fotograf alle Zeit der Welt hatte, seine Kamera richtig auszurichten.

Fotografieren in der Praxis 04 / 2012

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