Fotografie - Der Tod

Fotografie - Der Tod
Heute wenden wir uns mit dem Tod, einem schwierigen Thema zu, was sicherlich auch darin begründet liegt, dass es bei uns in Deutschland vielfach zu einem Tabuthema geworden ist. Die Themenwoche in den öffentlich rechtlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten im November 2012 hat uns sensibilisiert, dieses Thema aufzugreifen. Die große Frage ist, ob und wie wir dem Thema fotografisch begegnen sollen und dürfen. Die einen werden sagen, eine Kamera hat da nichts zu suchen, für andere ist sie ein Muss. Soviel vorneweg – diese Frage kann nur jeder für sich beantworten, man sollte sich von Dritten nicht beeinflussen lassen. Fest steht, dass es in der heutigen Zeit etwas sehr Intimes ist, einen toten Menschen abzulichten. Darüber spricht keiner, denn es wird oftmals mit geschmacklos und makaber assoziiert. Für viele Menschen sind Aufnahmen von Toten unendlich wichtig. Sie geben Halt und sind geprägt von der Friedlichkeit, die einen eventuell auch mit dem Tod versöhnen lässt. Hinzu kommt, dass der Tod durch Bilder ein Gesicht bekommt, was bei der Trauerbewältigung so wichtig ist. Bilder von Toten helfen zu begreifen, zu bewahren und nicht zu vergessen. Wir sollten niemanden dafür verachten, wenn er Aufnahmen von einem Verstorben wünscht – die Gründe dafür sind vielschichtig. Wichtig ist nur das, was der Trauernde für sich braucht, um mit der lebensveränderten Situation leben zu können.

Schaut man in die Geschichte, so ist es nichts Anrüchiges, Tode abzulichten. Vor der Fotografie waren es Maler und auch Künstler wie beispielsweise Gustav Klimt porträtierten im 20. Jahrhundert noch Tote. Mit dem Aufkommen der Fotografie wurden die Maler immer mehr abgelöst, was auch damit in Zusammenhang steht, dass für Maler die Ausdrucksmöglichkeiten – mit Rücksicht auf die Auftragsgeber – begrenzt waren. Nur in den seltensten Fällen weisen sie eine künstlerische Handschrift auf. Die Bildnisse ersetzten früher oftmals ein Porträt, das zu Lebzeiten nicht gemacht wurde. Ein Teil der Gemälde stellt die Verstorbenen als Lebende dar. Andere zeigen sitzende oder stehende Menschen, deren Blick mit geöffneten oder geschlossenen Augen nach unten gerichtet ist. Zwischen 1830 und 1860 erlebten gemalte Porträts eine Blüte, wenngleich in dieser Zeit bereits Fotografien von Verstorbenen gefertigt wurden. Maler und Fotografen standen übrigens nicht in Konkurrenz zueinander, was am Interesse der jeweiligen Auftraggeber lag. Maler vermittelten die Illusion des Lebens, während es Fotografen nur in den seltensten Fällen gelang, Tote schlafend darzustellen.

In den Anfängen wurden die Toten von den Fotografen in ihrem Studio aufgenommen oder aber in den Räumlichkeiten der Hinterbliebenen. Der Fotofachhandel, so ist zu lesen, stellte den Fotografen Requisiten zur Verfügung. Künstlerisch gestaltete Porträts waren eher selten, es ging vorrangig um das Porträt der Verstorbenen. Die Verstorbenen wurden sitzend oder liegend, meist in ihrer Sonntagskleidung, abgelichtet. Nur selten wurden Bilder von Verstorbenen im Sarg gemacht. Das Gesicht, mit oder ohne Oberkörper, stand im Mittelpunkt des aufgenommenen. Der Verstorbene wurde aufs Sofa oder in den Sessel gesetzt, umgeben von Blumen oder Gegenständen mit religiöser Bedeutung. Waren die Verstorbenen Kinder, so ist auf den Bildern auch Spielzeug zu sehen.

Um 1900 wurden Leichen immer weniger von professionellen Fotografen abgelichtet. Auch die Bildsprache änderte sich, denn nun wurden die Verstorbenen auch als Tote im Sarg liegend abgelichtet. Hinzu kamen Aufnahmen von Aufbahrungsszenen und des Begräbnisses. Dafür verantwortlich waren die veränderten Bestattungsbräuche – Herrichten und Aufbahrung übernahmen zunehmend Bestattungsinstitute.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und besonders seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts bis heute geschieht das Fotografieren von Verstorbenen im Verborgenen. Ein möglicher Grund dafür könnte sein, dass damit oftmals ein Hang zum Makabren von Dritten assoziiert wird. Es könnte aber auch an der fehlenden Auseinandersetzung mit dem Thema Tod zusammenhängen und an der Angst, die man mit ihm verbindet. Eine Ausnahme bildet übrigens die Fotografie von Kindern, die tot geboren wurden. Hier raten Geburtshelfer und auch Therapeuten, zu fotografieren. Nur so haben Eltern die Möglichkeit, sich ein Bild von dem Menschen zu machen, den sie verloren haben. Im Internet gibt es immer mehr Galerien, die den Eltern bei der Trauerbewältigung helfen sollen. Die Frage lautet, ob nicht auch alle anderen, die einen Menschen – ob jung oder alt – durch Tod verloren haben, zur Trauerbewältigung Bilder brauchen. Es sollte uns egal sein, was andere darüber denken. Wichtig ist, was jeder einzelne für sich braucht, wenn ein für ihn wichtiger Mensch gestorben ist.

Fotografieren in der Praxis 12 / 2012

1 Kommentare

Tja, das ist in der Tat ein heikles Thema.Das sieht man schon daran, dass zu diesem Titel noch kein Kommentar geschrieben wurde. Wir haben im letzten Jahr die Eltern meiner Frau verloren.Vater starb im Krankenhaus, die Mutter liesen wir bei uns zu Hause ihren letzten Weg gehen. Beide haben wir fotografisch begleitet. Die Fotos jedoch nicht veröffentlicht. So können wir die Eltern immer wieder anschauen.Wir haben es bis heute nicht bereut das wir Fotos und Videos gemacht haben.

Bernhard Schindele

von Bernhard Schindele
13. Januar 2013, 10:00:14 Uhr

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