Fotoprojekt - „little planet“ Technik - 360-Gradaufnahmen

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Stefan Klingenberger, Dürerhaus

Stefan Klingenberger, gebürtiger Nürnberger und leidenschaftlicher Fotograf, hatte an sich die Aufgabe gestellt, seine Stadt, entgegen aller herkömmlichen Postkartenmotive, aus einer neuen Perspektive in Fotografien festzuhalten. Die “little planet”-Technik mit 360-Gradaufnahmen von bestimmten Motiven erschien ihm dafür am geeignetsten. Wir lassen Sie an seinen Erfahrungen teilhaben, nicht nur, weil seine Aufnahmen faszinieren, sondern auch inspirieren, das eigene fotografische Experiment zu suchen und immer wieder neue Wege einzuschlagen.

Anfangs war meine Ausrüstung sehr einfach gehalten. Eine digitale Spiegelreflexkamera, ein Weitwinkelobjektiv und ein Stativ mit Panoramakopf. Fotografiert habe ich mit einer Brennweite von 10 mm. Da die Kamera einen kleinen Chip hat, musste ich den Crop-Faktor hinzurechnen, sodass sich eine reale Brennweite von zirka 16 mm ergab. Aufgrund der vielen verschiedenartigen Standorte musste ich bei der Wahl des Stativs berücksichtigen, dass es sehr leicht, aber auch stabil war. Den Panoramakopf habe ich aus Materialien vom Baummarkt selbst gebaut. Nach den ersten Aufnahmen stellte ich jedoch fest, dass ich für eine bessere Bildqualität (gerade bei Nachtaufnahmen und aufgrund der extremen Verzerrung im Randbereich der Bilder bei der Nachbearbeitung) auf eine hochwertigere Ausrüstung umsteigen muss.

Ich fotografiere jetzt mit einer Canon 5D Mark II Kamera, einem Sigma Objektiv 15 mm, einem Manfrotto Stativ und Panoramakopf. Auch, wenn dies eine enorme Auswirkung auf das Gewicht und den Wert der Ausrüstung hat, verbesserte sich die Qualität dadurch merklich.

Technik

Nachdem ich geeignete Motive ausgewählt hatte, war es zunächst notwendig, einen passenden Standort für das Stativ zu finden. Um eine hohe Qualität der Aufnahmen zu erreichen, durfte das Stativ während der Fotoserie auf keinen Fall verschoben oder bewegt werden. Gerade dies war bei einigen Motiven sehr schwer (wie zum Beispiel beim Fotografieren der Kaiserburg), da der Untergrund häufig zu uneben (Wiese, Steine) war oder zu wenig Platz bot (Mauer).

Weiterhin war zu beachten, dass das Stativ im Wasser stehen musste (Wasseruhr am Stativ). Ganz wichtig war, dass der Nodalpunkt des Objektivs mit dem Drehpunkt des Stativs übereinstimmte, da sonst bei der Nachbearbeitung Paralaxenfehler entstehen.

Fotografiert habe ich im RAW-Format. Der Vorteil hierbei ist, dass man im Nachhinein mithilfe der Software Belichtungskorrekturen vornehmen kann. Nachteilig ist jedoch die Dateigröße von zirka 20 MB pro Bild.

Insgesamt habe ich acht Winkelschritte zu je 45 Grad für eine 360-Gradaufnahme gewählt, wofür ein Stativkopf mit Gradanzeige Voraussetzung ist. Dabei habe ich die Kamera bei einer Serie mit dem Panoramakopf um zirka 45 Grad nach oben und bei dem zweiten Durchgang um 45 Grad nach unten geneigt. Insgesamt entstanden somit 16 Bilder pro Standort.

Bei den ersten Testaufnahmen ist aufgefallen, dass die Zeichnung in den Wolken kaum zu erkennen war. Daher entschied ich mich zukünftig für eine Belichtungsreihe, die sich in der Kamerasoftware individuell einstellen lässt. Im Normalfall sind dies drei Aufnahmen pro Foto mit unterschiedlich langen Belichtungszeiten. Schließlich hatte ich mindestens 48 Aufnahmen pro Motiv mit einem ungefähren Datenvolumen von 1GB. Ausgelöst habe ich per Funk, um Verwacklungen der Kamera auf dem Stativ zu vermeiden.

Anschließend begann die Bearbeitung der Fotos am Computer. Die Aufnahmen einer Belichtungsreihe zum “little planet” wurden mittels Software zusammengesetzt. Hierbei können sogenannte “stitching”-Fehler an den Nahtstellen zwischen den einzelnen Fotos auftreten. Solche Fehler lassen sich, allerdings nur begrenzt, im Nachhinein durch Kontrollpunkte und andere Einstellungen in der Software beheben. Je ungenauer die Arbeit beim Fotografieren ist, desto schwerwiegender sind diese “stitching”-Fehler. Allgemein lässt sich daher sagen, dass genaue und gründliche Vorarbeit viel Nacharbeit erspart.

Waren die Einstellungen einer Belichtungsreihe optimiert, wurden diese auf die beiden anderen Belichtungsreihen angewandt, um hierfür ebenfalls ein “little planet”-Bild mit jeweils anderer Belichtung zu erzeugen. Somit hatte ich drei “little planet”-Bilder mit unterschiedlicher Belichtung. Mit einer weiteren Software wurden in einem letzten Schritt aus den drei Bildern ein finales “little planet”-Bild mit einer nahezu perfekten Lichtqualität generiert. Nun besaßen die Wolken eine optimale Zeichnung und Kontrast, Objekte waren nicht überstrahlt oder unterbelichtet und das Bild wies keine ungewollten schwarzen oder weißen Flächen auf. Man sollte sich jedoch nicht der Illusion hingeben, dass nicht noch viel Photoshop-Arbeit auf einen zukäme.

Probleme

Die größte Herausforderung besteht darin, das Motiv zur richtigen Zeit bei richtigem Wetter zu fotografieren. Dies ist letztlich entscheidend für die Wirkung des Bildes.

Neben dem Stativ und dessen Schatten variiert der Nacharbeitungsaufwand, je nach aufkommenden Störfaktoren, wie “stitching”-Fehlern, Plakaten, Mülltonnen, Autos oder Personen. Diese müssen alle herausretuschiert werden.

Abschließend sind Korrekturen im Bereich Farbe, Schärfe, Helligkeit und Kontrast notwendig, um dem Bild den letzten Feinschliff zu verpassen.

Zusammengefasst

Für ein solches Projekt sollte man viel Zeit mitbringen. Häufig waren die Standorte mit Menschen überfüllt oder andere Störfaktoren behinderten die Arbeit. Oft war es aber auch das Wetter, das das Fotografieren zur Geduldsprobe machte. Die Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben oder es war allgemein nicht das passende Wetter. Dann hieß es warten, warten, warten …, notfalls sehr früh aufstehen oder mehrmals die Standorte anfahren. Desweiteren hatten manche Motive nicht die gewünschte Wirkung. Dann musste der Standort gewechselt oder ganz auf das Motiv verzichtet werden.

Insgesamt hat das Projekt über ein volles Jahr in Anspruch genommen und mit allen Testläufen wohl Tausende von Aufnahmen mit einem Datenvolumen von mehr als 100 GB entstehen lassen. Schließlich habe ich mich vorerst für Zwölf Motive entschieden, die die Stadt Nürnberg in ihrer ganzen Faszination widerspiegeln, allerdings aus einer ganz neuen Perspektive: Nürnberg als virtuelles Zentrum!

Quelle: Stefan Klingenberger, www.stadtplaneten.de

Fotografieren in der Praxis 06 / 2013

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1 Kommentare

Sehr informativ, vor allem die Hinweise zu den Problemen. Und tatsächlich zeigen die Beispiele oben fast beispielhaft perfekte Himmel! Ich hatte Little Planets bisher nur als zusätzliche Spielerei aus unseren linearen Panoramen erstellt, aber da sind die Ergebnisse auch recht überraschend und wirken aufgrund des Fokus auf einzelne Architekturen noch einmal völlig anders als bei klassischen Panoramen: http://panoramastreetline.de/news/little-planets-created-from-linear-panorama

von Jörg
01. Oktober 2014, 16:24:55 Uhr

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