Fototipp: Straße zum Horizont - So geht's

Wenn Fotos funktionieren, dann holen sie den Betrachter ab und nehmen ihn mit auf eine gedankliche Reise durch Zeit und Raum. Selten stimmt dieses Bild so gut wie bei Aufnahmen von Wegen, Straßen, auslaufenden Schiffen oder Flugzeugen beim Start. Die „Unendlichen Weiten“ dieser gleichnamigen Fotografie sind fast greifbar und man kann sich der mitreißenden Fluchtpunkt-Perspektive nicht entziehen.

© Fotograf: Ayleen Reichert, unendliche Weiten, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Ayleen Reichert, unendliche Weiten, Blende-Fotowettbewerb

Man wird beim Betrachten solcher Aufnahme zu einem Teil dieser – das ist vom Bildautor gewünscht, der unsere Gefühle anspricht. Das ist das Geheimnis jeder guten Geschichte, jedes gelungenen Filmplakats und jedes erfolgreichen Produktdesigns. Fernweh, Abenteuerlust, Neugier stecken in uns Menschen, jedenfalls in den meisten. Um solche Gefühle zu wecken, muss der Fotograf verstehen, die entsprechenden Schalter zu drücken. Das Bild schafft es mit mehreren Elementen. Das vielleicht wichtigste ist die Weitwinkelperspektive, die viel Landschaft einfängt, die Weite des Landes sozusagen, und die gleichzeitig für Tiefe sorgt. Den Effekt sollte man aber dosiert einsetzen und mit mehreren Brennweiten experimentieren, um sich an die beste Wirkung heranzutasten. Tiefe gibt dem Bild ein Detail am Rande: der Baum an der linken oberen Bildecke, der sich zudem noch als Schatten auf dem Asphalt abzeichnet.

Entgegen anderslautender Dogmen sind Horizont und Straße jeweils mittig angeordnet und nicht im Goldenen Schnitt. Das verstärkt die Fluchtperspektive in diesem Fall. Entscheidend ist auch, dass die Straße leer ist. Ein Fahrzeug oder ein Tier im Vordergrund würde den Charakter der Aufnahme völlig über den Haufen räumen. Dass tolles Wetter herrscht und die Landschaft nach einem fernen Land aussieht, unterstreicht die Kernaussage. Aber beides ist nicht zwingend. Ähnlich starke Bilder, die Stimmung transportieren, sind bei wolkenverhangenem Himmel oder Gewitterstimmung möglich. Und es muss auch keine Landstraße in Südspanien, Afrika oder New Mexico sein. Jede Landstraße und jeder Feldweg, die sich schnurgerade durch deutsche Fluren ziehen, eignen sich für solche mitreißenden Aufnahmen. Ein leider immer wieder unterschätztes Hilfsmittel ist in derlei Aufnahmesituationen das Stativ.

Solche Bilder sind keine Schnappschussmotive, sondern wollen komponiert werden. Das gelingt am besten, wenn die Kamera ruht und der Fotograf sich darauf konzentrieren kann, dass der Horizont nicht verkippt und die Blende ausreichend weit geschlossen ist, um alles scharf von vorne bis hinten abzubilden (hohe Blendenzahl!). Und natürlich darauf, dass von hinten keine Gefahr in Form eines Autos um die Ecke kommt.

Fotografieren in der Praxis 10 / 2016

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