Fototipp: Streetfotografie - Streit auf der Straße

So gelingen emotional geladene Aufnahmen

© Fotograf: Herbert A. Franke, Streit, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Herbert A. Franke, Streit, Blende-Fotowettbewerb
Wow, hier geht es zur Sache! Das prämierte „Blende“-Bild vom handfest ausgetragenen Streit zieht den Betrachter sofort in seinen Bann. Er hat das Gefühl, sich dem Geschehen gar nicht entziehen zu können, weil es unmittelbar vor ihm abläuft. Der „Blende“-Fotograf Herbert A. Franke nimmt einen mit an den Ort des Geschehens und erfüllt somit die wichtigste Funktion guter Reportagefotografie: Nähe erzeugen – räumliche Nähe, aus der sich emotionale Nähe ableitet. „Sind Deine Fotografien nicht gut genug, warst Du nicht nah genug“, meißelte Robert Capa einst für alle nachfolgenden Generationen von Fotojournalisten in Stein („If your photographs aren’t good enough, you’re not close enough“). Capa durfte das mit Fug und Recht sagen – er sprang 1944 mit den US-Soldaten aus einem der Landungsboote ins Gemetzel am „Omaha Beach“.

Die von Herbert A. Franke gewählte Perspektive entspricht etwa der des menschlichen Auges. Sein Fotografen Standpunkt ist nicht überhöht und auch nicht zu tief. Die Szenerie ist weder durch ein zu starkes Tele verdichtet, noch durch ein Weitwinkel-Objektiv aufgespreizt. Klassische Reportage-Brennweiten liegen (bezogen auf Vollformat-Sensoren) grob zwischen 35 und 90 Millimeter. Davor gehört eine Streulichtblende, denn wenn es auch einmal im ungünstigen Winkel zu einer Lichtquelle schnell gehen muss, sollten quer einfallende Lichtstrahlen das Bild nicht flau machen.

Die Aufnahme wirkt in zwei Stufen: Der erste Eindruck fesselt durch die Dynamik der Bewegung und durch den Gesichtsausdruck der Hauptakteure. Dann erkundet der Blick spannende Details: das Hämmerchen, eine Krücke, die Socken, in denen einer der Männer unterwegs ist. Diese Konzentration auf das Wesentliche beim ersten Eindruck wird auch von der Beschränkung auf den Farbraum Schwarzweiß unterstützt. Keine knalligen Farben lenken von der Handlung ab. In einem Bildbearbeitungsprogramm kann man leicht an Bildern die veränderte Wahrnehmung testen, wenn man den Farbmodus nach Schwarzweiß wechselt. Dabei ist es oft hilfreich, einen neutralen Betrachter zu Rate zu ziehen.

Für Reportage-, Straßen- und allgemeine Schnappschuss-Fotografie ist es keine Schande, sich auch einmal auf die Schärfe- und Belichtungsautomatiken der Kamera einzulassen. Entscheidend für solche Aufnahmen ist es, mit seiner auslösebereiten Kamera zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Bei diesem Streit ist das offensichtlich gelungen. Viel Zeit, um an den idealen Kameraeinstellungen herumzutüfteln, bleibt da nicht. Ansonsten heißt es: Draufhalten und viele Bilder schießen. Hier ist man ganz klar im Vorteil, wenn man über eine Kamera mit einer schnellen Serienbildfunktion verfügt. Noch besser ist natürlich eine Kamera die 4K bietet. Kurzes Video aufgenommen und dann das Stehbild nachträglich auswählen.

Gerade bei bewegten Motiven ist die Ausschussquote – außer man filmt in 4K – aufgrund der Bewegung hoch. Sekundenbruchteile früher wäre der Mann mit dem Hammer noch verdeckt gewesen. Einen Wimpernschlag später würde womöglich der prägnante Gesichtsausdruck fehlen. Umso schöner, wenn man dann auf seinem Display den perfekten Treffer entdeckt. Noch ein wichtiger Tipp: Kein Bild ist es wert, dass man sich als Amateurfotograf in Gefahr bringt oder brenzlige Situationen durch provozierendes Fotografieren weiter anheizt. Zu nah sollte es dann doch nicht sein.

Fotografieren in der Praxis 03 / 2016

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