Immer mit der Ruhe: Der Weg zu scharfen Bilder

© Fotograf: Aleksandra Wilk, Bunt reisen, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Aleksandra Wilk, Bunt reisen, Blende-Fotowettbewerb
Man kann trefflich darüber streiten, ob ein Bild gut oder schlecht ist. Was im Auge des einen Betrachters eine meisterliche Aufnahme ist, mag für den anderen ganz nett sein – aber eben nicht ansprechend. Vieles in der Fotografie ist Geschmackssache, anderes unterliegt Modeerscheinungen. Aber es gibt harte Kriterien, nach denen ein Foto zumindest technisch als gelungen bezeichnet werden kann. Eines der wichtigsten ist die Schärfe einer Aufnahme. Das heißt: die gewollte Schärfe. Es ist nämlich ein Trugschluss, dass ein Bild nur dann technisch gelungen ist, wenn alles scharf ist. Schärfe ist ein Gestaltungselement, das die Bildwirkung enorm beeinflusst. Beispielsweise auf Porträts – nicht auf behördlich genormten Passfotos! – sind oft nur die Augen scharf. Das ist gewollt, lenkt es doch den Blick auf das Wesentliche – so wie es der Fotograf wollte. Ein gelungenes Foto sollte also an den Stellen scharf sein, die für die Bildaussage entscheidend sind. Doch trotz des technischen Fortschritts gelingt das nicht immer. Wenn die Kamera unscharfe Aufnahmen liefert oder die Schärfe an der falschen Stelle sitzt, liegt es meistens an einer von drei Hauptursachen:

Verwacklung

© Fotograf: bernhard geisen, Trittbrett, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: bernhard geisen, Trittbrett, Blende-Fotowettbewerb
Das ist in erster Linie ein Benutzerproblem. Fotoapparat oder Smartphone werden nicht ruhig genug gehalten. Während der Aufnahme bewegt sich dadurch die Kamera. Das vom Motiv durch das Objektiv einfallende Licht trifft deswegen – bildlich gesprochen – während der Sekundenbruchteile dauernden Belichtung nicht immer dieselbe Stelle auf dem Aufnahmesensor. Das Bild wird regelrecht über den Sensor verschmiert, ein bisschen so, wie man über ein noch feuchtes Aquarell streicht. Charakteristisch an Verwacklungsunschärfe ist, dass nichts auf einer Aufnahme scharf ist. Vordergrund, Hauptmotiv und Hintergrund sind betroffen. An hellen Lichtquellen, wie Lampen oder Kerzen, finden sich manchmal gekrümmte Leuchtspuren.

Das hilft: Wenn es möglich ist, sollte man die Belichtungszeit der Kamera verkürzen. Also mehr Licht, und/oder größere Blendenöffnung und/oder höhere Empfindlichkeit. Ein fast schon zu simpler Weg ist: raus aus dem Schatten und in eine hellere Umgebung. Geht natürlich nicht, wenn das Motiv nicht mitkommt oder die Sonne nicht erwünscht ist. Eine Möglichkeit ist der Einsatz des Blitzgeräts. Innenräume lassen sich am besten mit einem aufsteckbaren Systemblitz, der gegen die helle Zimmerdecke oder eine Wand gerichtet wird, so weit erleuchten, dass es für verwacklungsfreie Aufnahmen reichen sollte. Selbst ein direkter Blitz nach vorne, egal, ob aus einem Aufsteckblitzgerät oder aus dem eingebauten, hellt zumindest den Nahbereich so weit auf, dass dieser wie eingefroren erscheint und damit scharf abgebildet wird.

Die Alternative: Blende weiter öffnen. Dazu muss man in die Kameraautomatik eingreifen. Die Programmautomatik vieler Kameras lässt sich durch Drehen an einem Einstellrad so beeinflussen, dass die Zeit-/Blendenkombination sich verändert. Eine größere Blendenöffnung (Achtung: entspricht einem kleineren Blendenwert) verkürzt die Belichtungszeit.

An den allermeisten Kameras kann man die effektive Empfindlichkeit, angegeben als ISO-Wert, einstellen. Eine höhere Empfindlichkeit bedeutet kürzere Belichtungszeiten und damit weniger Verwacklungen. Die ISO-Zahl kann man in kritischen Situationen ruhig einmal höher wählen, auch am oberen Ende der Skala. Eine sehr hohe Empfindlichkeitseinstellung verstärkt zwar das so genannte Rauschen im Bild, aber dieser Effekt ist im Zweifel der Bildqualität weniger abträglich als Unschärfe. In der sogenannten ISO-Automatik-Einstellung erkennt die Kamera ohnehin, dass es brenzlig werden könnte und steuert von sich aus ISO-Werte ein, die ein Verwackeln möglichst verhindern.

Wenn alle Einstellungen nicht so recht greifen wollen, hilft gegen Verwacklungsunschärfe nur Ruhe hinter der Kamera: Der sichere Halt des Fotoapparats ist das A und O beim Fotografieren. Dabei gilt überraschenderweise: Je kleiner und leichter eine Kamera ist, desto schwerer tut man sich, sie ruhig zu halten. Wichtig ist, das Gehäuse in beiden Hände zu halten, locker und ohne zu zittern. Die Griffstellung der rechten Hand wird durch den Auslöseknopf und die Gehäuseergonomie vorgegeben. Die Linke stützt in heiklen Situationen bei Kompaktkameras am besten das Gehäuse von unten. Das ist dann meist ruhiger als der Versuch, mit Daumen und Zeigefinger die Seite der Kamera zu halten, die dem Auslöseknopf gegenüberliegt. An Spiegelreflexkameras unterstützt die linke Hand am besten von unten Gehäuse und Objektiv, wobei die Größe des angesetzten Objektivs den idealen Punkt vorgibt, an dem man ansetzt. Zudem muss bei Zoomobjektiven ja der Zoomring „in greifbarer Nähe“ sein.

Gerade bei den kleinsten Kameramodellen ist es wichtig, den Auslöseknopf ruhig durchzudrücken, ohne die Kamera zu erschüttern. Viele Modelle besitzen einen eingebauten Bildstabilisator („Anti-Wackel-Automatik“). Dieser sollte natürlich eingeschaltet sein und bringt, je nach Optik, einige Blendenstufen mehr Licht. Reicht auch das nicht aus, Verwacklungen zu vermeiden, kann man den Fotoapparat auf einem Tisch oder Geländer aufstützen, an einen Türrahmen anlehnen oder auf einer ebenen Fläche abstellen und dann gleich mit dem Selbstauslöser fotografieren. Noch besser ist es allerdings in heiklen Situationen, ein Stativ zu verwenden, das garantiert Ruhe im Bild. Eine alter Fotografen-Ratschlag hat auch im Zeitalter der Bildstabilisatoren und hochempfindlichen Sensoren noch Bestand: So viel man bereit ist, für seine Kamera auszugeben, so viel sollte man auch bereit sein, in ein Stativ zu investieren.

Bewegung

© Fotograf: Günter Klein, Hunger, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Günter Klein, Hunger, Blende-Fotowettbewerb
Das ist so etwas wie das Gegenstück zur Verwacklungsunschärfe. Nicht der Fotoapparat ist unruhig, sondern das Motiv, das man fotografieren möchte. Bewegungsunschärfe erkennt man daran, dass die ruhigen Teile im Bild scharf sind, die unruhigen dagegen verwackelt. Also beispielsweise ist das Gras absolut scharf, nicht aber der Hund, der darauf herumtobt. Die Lichtstrahlen, die von ihm kommen, treffen während der Aufnahme wieder nicht alle dieselbe Stelle auf dem Sensor – das Hundebild wird „verschmiert“. Bewegungsunschärfe tritt ebenso bei wenig Licht auf und bleibt auch dann sichtbar, wenn man gegen Verwacklungsunschärfe schon einiges unternommen hat. Denn auch das beste Stativ kann nicht verhindern, dass sich ein Gegenstand oder ein Mensch vor der Kamera zu schnell bewegt.

Das hilft: kurze Belichtungszeiten und Ruhe vor der Kamera. Wenn es möglich ist, sollte man mit dem Hund – um beim Beispiel zu bleiben – aus dem Schatten ins Helle gehen und wieder eine hohe Iso-Zahl einstellen beziehungsweise die ISO-Automatik wählen. Und es ist hilfreich, das Motiv, also beispielsweise den Hund, in einer Sekunde zu erwischen, in der es sich etwas weniger wild bewegt. Hierbei bietet es sich an, so viele Bilder wie möglich zu machen und später die schärfsten auszuwählen.

Ganz spannende Bilder ergeben sich durch das so genannte Mitziehen. Dabei macht man aus der Not eine Tugend: Wenn der Hund sowieso in vollem Lauftempo unterwegs ist, behält man ihn immer im Bild, klebt also förmlich mit der Kamera am bewegten Objekt. Dabei bewegt sich unweigerlich die Kamera, allerdings nicht relativ zum bewegten Objekt. Heraus kommen dynamische Fotos, auf denen ein mehr oder weniger scharfer Hund auf einer verwischten Wiese herumtobt. Hilfreich gegen Bewegungsunschärfe ist abermals der Einsatz des Blitzgeräts. Dieses friert wegen seiner extrem kurzen Blitzabbrennzeit das Motiv augenblicklich ein. Das Blitzen ist also nicht nur bei völliger Dunkelheit angesagt, sondern immer dann, wenn zu wenig Licht vorhanden ist.

Fehlfokussierung

© Fotograf: Deniz Günal, Ein einsames Blümchen, Blende-Fotowettbewerb
© Fotograf: Deniz Günal, Ein einsames Blümchen, Blende-Fotowettbewerb
Es ist nicht immer möglich und auch gar nicht gewünscht, dass auf einem Foto alles von vorne bis hinten scharf wird. Die Schärfe soll am besten an dem Punkt sitzen, an dem sie die Bildwirkung am besten unterstreicht. Oder einfacher: die Person, das Tier, die Blume, um die es geht, sollen scharf sein. Der Rest darf ruhig durch gewollte Unschärfe das Hauptmotiv erst so richtig zur Geltung bringen. Doch der perfekte Punkt – beispielsweise die Augenpartie bei Menschen – will getroffen werden.

Das hilft: Die meisten Kameras suchen erst einmal einen Punkt, an dem das Bild scharf werden soll, in dem Moment, in dem man den Auslöseknopf leicht antippt. Das Bild wird dann häufig an der Stelle scharf, auf die ein kleines rechteckiges Feld auf dem Display zielt. Die Kamera bestätigt meistens auch mit einem Piepton und/oder einem Farbsignal, dass sie nun auf genau diese Stelle ausgerichtet ist. Nun sollte man ruhig den Auslöseknopf durchdrücken. Wichtig ist, dass man für das nächste Bild nochmals in Ruhe das kleine Feld ausrichtet, antippt und abwartet, bis wieder das Signal kommt, dass es scharf wird. Wichtig ist das deshalb, weil sich das Motiv oder der Fotograf zwischen zwei Bilder unbewusst etwas bewegt, und dann die Einstellung nicht mehr stimmt.

Eine häufige Fehlerquelle sind zwei Menschen auf einem Bild, die eine kleine Lücke zwischen sich freilassen. Dann passiert es gerne, dass man zwischen beiden hindurch auf die Landschaft dahinter scharfstellt. Oft hilft es, auf eine der Personen scharfzustellen, dann den Auslöser leicht gedrückt zu halten, den Bildausschnitt mit beiden Menschen in der Mitte zu wählen und zum Schluss den Auslöser ganz durchzudrücken. Manche Fotoapparate können von ganz alleine erkennen, welche Sachen scharf werden sollen, einige Kameras finden sogar die Gesichter. Wenn der Fotoapparat so eine Funktion hat, sollte man sie ruhig nutzen. Abschalten kann man sie notfalls immer noch. Manchmal können Fotos auch deswegen nicht scharf werden, weil man zu nahe am Objekt dran ist. Jede Optik hat eine so genannte Nah(einstell)grenze. Erst ab dieser Entfernung kann sie scharfe Bilder liefern. Wer näher ran möchte, etwa an eine Blüte oder ein Insekt, muss zu Kameras mit Makroobjektiven oder Makrofunktion greifen.

Fotografieren in der Praxis 08 / 2013

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