Kamerafunktionen - „All inclusive“ oder „à la carte“?

Bildgalerie betrachten Blende, Lebensfreude
Julia Laatsch

„Macht die auch gute Bilder“ lautet die typische Frage beim Kamerakauf und jedes Mal erhält der Kunde die Antwort: Nicht die Kamera, der Kopf dahinter macht das Bild. Und diese Antwort ist schlichtweg falsch. Selbst, wenn der Antwortende damit darauf hinweisen möchte, dass die Sehweisen des Fotografen die Qualität eines Fotos bestimmen. Die meisten Kameras werden von den Anwendern in Vollautomatik betrieben. Die Vollautomatik analysiert nach vorgegebenen Algorithmen die vom Bildausschnitt erfasste Szene und sucht im Abgleich mit Tausenden gelungener Fotos eine komplexe Einstellungskombination aus Verschlusszeit, Blende, Weißabgleich sowie Empfindlichkeit und ordnet auf Wunsch sogar noch spezielle Filtereffekte zu, über deren einzelne Parameter die wenigsten Fotografen auch nur einen blassen Schimmer haben.

Viele der früher in der analogen Fotografie fest vorwählbaren und dann durch die Anzahl der Bilder des gewählten Films festgelegten Parameter lassen sich theoretisch heute von Aufnahme zu Aufnahme variieren. Eine Tatsache, die mehr Kreativität ermöglicht, aber andererseits auch viele Kamerabesitzer überfordert. Deshalb: Selbst, wer von Fototechnik keine Ahnung hat, aber einen guten Blick, dem garantieren aktuelle Kameras heute zuverlässig gute Bilder. Sie wissen, ob sich Personen im gewählten Bildausschnitt befinden, sie erkennen, ob sich Objekte darin bewegen und sie können diesen mit der Scharfeinstellung folgen. Sie warnen vor schiefem Horizont, erkennen die Farbtemperatur der Beleuchtung und wissen, wann sie zur scharfen Wiedergabe eines bewegten Objekts im Bild eine kurze Belichtungszeit benötigen und deshalb eine höhere Sensorempfindlichkeit oder eine größere Blende ansteuern müssen. Fast immer ist das Resultat ein technisch perfektes Bild. Spezielle Zoomfunktionen unterstützen Kamerabesitzer bei der Wahl des optimalen Bildausschnitts für Porträtaufnahmen. Sie beschneiden ihn automatisch nach „allen Regeln der Kunst“ unter Berücksichtigung des „ Goldenen Schnitts“ beziehungsweise der Drittelregel für eine harmonische Bildwirkung. Manche Porträtautomatiken nehmen auch selbsttätig Retuschen, beispielsweise für eine angenehme Hauttonwiedergabe, vor. Panoramaautomatiken „stitchen“ während eines Schwenks erfasste Einzelbilder zu einem Bild mit Breitwinkelblick zusammen, wie ihn das Objektiv auf einmal nie hätte erfassen können. Kameras sind Alleskönner geworden. Sie zeichnen nicht nur Fotos und Videos in bemerkenswerter Qualität auf, sie merken sich sogar, wo diese Aufnahmen entstanden sind, fügen automatisch den Namen des fotografierten Bauwerks oder der Sehenswürdigkeit hinzu und informieren den Fotografen über attraktive Motive in der Nähe. Also: In vielen Situationen macht die Kamera tatsächlich das Bild, der Besitzer bestimmt wann und wovon!

Die kleinen Alleskönner bestimmen maßgeblich, wie perfekte Bilder auszusehen haben. Ein Fakt, der viele Fotografen wieder zu den Wurzeln zurückkehren und gezielt die Automatik abschalten lässt. Sie versuchen mit kreativen Experimenten, die Automatik zu überlisten oder sagen sich einfach nur: Die meisten Funktionen meiner Kamera brauche ich nicht. Für sie ist ein Bild genau dann gut, wenn es exakt eine Szene und ihre Atmosphäre so wiedergibt, wie sie der Autor zeigen möchte. Der bewusste Verzicht auf technische Perfektion und die Konzentration auf die abstrakte Wiedergabe als Stilmittel, um Emotionen beim Betrachter zu erzeugen, hat sich zum Trend mit Kultcharakter entwickelt. Nach der Devise, weniger ist mehr, wird der Blick auf das für diese Interpretation Wesentliche gelenkt. Die individuelle Auseinandersetzung mit dem Motiv und seiner fotografischen Umsetzung ersetzt perfekte Technik. Und dann macht die stereotype Antwort „Nicht die Kamera, sondern der Kopf dahinter macht das Foto“ auch wieder Sinn.

Wenn heute von Fotografie oder vom Fotografieren gesprochen wird, kann vieles damit gemeint sein und durchaus etwas anderes darunter verstanden werden. Fotografie hat durch die Digitaltechnik so viele neue Facetten, Aufgaben und Funktionen dazu gewonnen, dass sich manche ihrer Anhänger, wenn auch nicht nach den Wurzeln, so doch nach einer von unnötiger Funktionsüberfrachtung befreiten Technik zurücksehnen. Das ist an der fotografischen Basis ebenso zu beobachten wie in der professionellen Fotografie, wo die Entwicklung mehr und mehr zum Spezialwerkzeug, beispielsweise einer Kamera nur für Schwarzweißaufnahmen, statt zu Alleskönnern geht. Die Verantwortlichen für die Fotofunktionen in den Smartphones haben das früh erkannt: Sie haben ihren Kunden die Entscheidung darüber selbst überlassen, welche Funktionen sie zusätzlich zu der Basisausstattung als App benötigen und kaufen wollen. Wie auch sonst im Leben teilen sich die Meinungen darüber, was mehr Befriedigung bringt: Fotografieren nach dem Motto „All inclusive“ oder „à la carte“.

Fotografieren in der Praxis 06 / 2012

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