Kamerahaltung - Eine kleine Gegenwartsbetrachtung von 2013

Kamerahaltung - Eine kleine Gegenwartsbetrachtung von 2013
Amateurfotograf Wilfried Baganz, User unserer Homepage, fühlte sich aufgrund unseres Beitrags „Kamerahaltung“ inspiriert zu einer Gegenwartsbetrachtung, an der wir alle unsere Homepagebesucher gern teilhaben lassen möchten.

Der Einhandknipser scheint wohl auf dem Vormarsch zu sein. Man sieht ihn oder sie zu allen Anlässen, verzückt oder obercool, sein Werkzeug mit spitzen Fingern gen Motiv schwenken. Ärgerlich muss man da nicht werden, im Gegenteil, es erheitert eher, wenn man sich das Endprodukt solcher Herangehensweise versucht vorzustellen – mag das auch ein noch so schlechter Charakterzug an mir sein. Wer mit „MTV“ oder „VIVA“ das Sehen womöglich gelernt hat, wird auch mit solchen Bildchen, die da irgendwie entstehen, dann im Ergebnis durchaus leben können.

Hier gilt ein Vergleich, den ich so schön bildhaft finde: „Man kann noch so lange und häufig, fein nummeriert und staubfrei alle dazugehörenden Einzelteile in einen Steinbruch hineinwerfen, es entsteht jedoch niemals eine neue Schreibmaschine!“ In unserem Fall der Zufälligkeit kein erstrebenswertes Bild, denn die Art der Haltung ist beim Fotografieren das A und O! Sozusagen wie das Passepartout oder der Bilderrahmen beim fertigen Bild.

Dabei ist der Einhandknipser, kurz EHK, keine besondere Spezies. Denkt man vergleichend und geschlechtsübergreifend nur an die vielen Personen, die ein Fahrzeug glauben zu lenken. Nicht mit den Händen, nein, das ist ja sooo uncool! Bestenfalls noch mit dem Handballen wird bekanntlich das Steuerrad berührt. Möglicher Weise ein Indiz für unsere Wirklichkeitsverluste (Gefahrenbewusstsein) durch unseren Aufenthalt in den vielen virtuellen Welten.

Dagegen ist doch das EHKnipsen ein Klacks, weil völlig ungefährliche Bilder dabei zumeist entstehen! Eventuell kann eine Kamera dadurch mal über Bord gehen oder eine Etage tiefer fallen, da möchte man dann auch nicht gerade dort schwimmen oder stehen, na klar, bei einem Handy ist das eher noch vorstellbar.

Außerdem, wenn etwas wirklich beknackt aussieht, dann sind das so Leute, die so ein Teil wie eine kleine Schiefertafel groß, auf der ich in der Schule noch Schreiben und Rechnen lernte, vor ihrem Schädel einarmig hinhalten und mit den Fingern der anderen Hand darauf nervös rumwursteln und wischen, man sagt wohl „Täbletts“ dazu. Diese Typen, mit diesem digitalen Brett vor dem Kopf, versuchen tatsächlich damit zu fotografieren, ja das ist eine Leistung.

Kamerahaltung - Eine kleine Gegenwartsbetrachtung von 2013
Wer eine Kamera beziehungsweise richtigen Fotoapparat besitzt, wird ihn schon allein wegen des Gewichtes und möglicherweise auch wegen des Preises mit beiden Händen festhalten wollen. Gut so! Noch wichtiger ist der feste Kameragurt, die Aufschrift darauf ist dabei zweitrangig. Den Tragegurt bitte immer um den Hals legen, solange das die Aufnahmesituation erlaubt. Wem nämlich gerade sein Motiv vermasselt wurde, weil ein Bus oder LKW davor gefahren ist, oder es knallt und das Reh scheucht auf und der sprichwörtliche Vogel fliegt davon! Man sollte dann nie enttäuscht den Apparat spontan oder vor Schreck aus den Händen fallen lassen. Es sei denn, ihr Aktmodell haben Sie in einem Ameisenhaufen platziert und es springt Ihnen gerade aufheulend davon und ist im Nebenberuf Ihr Eheweib, da kann man mal eine Ausnahme machen in puncto Kamera fallen lassen, um etwas Wichtigeres zu retten.

Der Gurt ist nicht nur zum Tragen gut! Wer heute seine Aufnahmen hauptsächlich über das Display macht, hat nämlich einen zusätzlichen Haltepunkt durch den Gurt hinten ums Genick, das sollte jeder einmal vor kniffligen Situationen ausprobieren. Denken Sie an die Biathleten, die haben auch so einen Gurt an der Waffe beim Zielen. Natürlich ist eine feste Auflage oder ein Stativ konkurrenzlos die bessere Variante, damit kann man aber Schnappschüsse beziehungsweise Spontaneität erfordernde Situationen dann förmlich abhaken und der Biathlet würde viel, zu viel Zeit verlieren, ehe er das Stativ in die richtige Position brächte, wäre er ja schon längst durch die Strafrunde.

Der Blick auf das Display moderner Kameras erlaubt uns ja, die Arme auszustrecken soweit der Gurt lang ist. Sie haben dann viel ruhigere Hände und können z.B. eine HDR-Belichtungsreihe aus dem Stand machen. Automatisch halte ich auch sicher die Luft an. Bei bewegten Motiven kann man so auch die Kamera ruckelfreier mitziehen, indem man sich langsam um die eigene Achse dreht und die Spannung oben weiter hält. Nun das Weiteratmen nicht vergessen. Bei Überkopfaufnahmen fällt dieser Tipp natürlich weg, oder Sie benutzen eine Art Endlos-Gummiband, muss erst noch erfunden werden.

Setzen Sie die Kamera auch mal in der Hocke auf ihrem Fuß ab, wenn Sie sie nicht in Straßenschmutz stellen wollen und nutzen Sie per Displayaufnahme diese ungewöhnliche Perspektive. Bäume, Häuser, ja Türme erscheinen noch riesiger! Fotografieren Sie so aber keinen See oder was Ihnen noch zu Füßen liegen mag.

Bei Nutzung des Suchers drücken Sie die Kamera – auch beidhändig – ganz fest ans Gesicht, so fest wie die (der) Geliebte in den ersten Tagen ihrer Liebe beim ersten Kuss. Sie sehen dennoch nur halb so blöd aus wie Biathleten, die den Schaft ihrer Flinte in die Wange drücken, so dass der Mundwinkel bald bis hinters Ohrläppchen reicht und man sich so an ein gruseliges Haifischmaul erinnert fühlt.

Haben Sie ein schweres Teleobjektiv oder bei Ihrer Kompakten ein dickes festes Superzoom dran, dann fassen Sie mit der linken Hand von unten das Objektiv – statt an der Kamera – an. Aufpassen, dass Sie nicht dabei am Stellring festhalten für die Scharfstellung, weil der bei manchen Modellen außen sich mitdrehen will und das sonst verhindert wird. Eventuell kann man das Objektiv dadurch sogar beschädigen! Anders, wer seinen eigenen Augen noch vertrauen kann und manuell seine Bildschärfe einstellt, der muss natürlich am Scharfstellring mit anfassen.

Bleiben Sie auf jeden Fall uncool. Nehmen sie die Kamera wie ihr eigenes Schicksal immer in beide Hände – auch, wenn Sie die beste Antiverwackelungsautomatik der Welt an Bord haben. Um zu einem guten Foto zu gelangen, gibt es aber sicher noch zwei, drei andere kleine Dinge zu beachten … dafür gibt es ja auch das Forum.

Fazit: Kamerahaltung ist auch Lebenshaltung oder umgedreht.

Fotografieren in der Praxis 11 / 2013

2 Kommentare

Sehr netter und locker geschriebener Text.Am besten fand ich das mit dem Ameisenhaufen.

Reiner Grau

von Reiner Grau
13. Dezember 2013, 12:40:48 Uhr

Hab mich lange nicht so amüsiert. Köstlich der Text und aus meiner Sicht stimme ich von Anfang bis Ende zu, meine Gedanken hat hier jemand niedergeschrieben. Bravo!

Hans-Jürgen Diener

von Hans-Jürgen Diener
27. November 2013, 11:33:22 Uhr

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